Esume im Interview

Neue Football-Europaliga: „Es wird großen Sport geben"

Lesedauer: 7 Minuten
Maximilian Bronner und Björn Jensen
Patrick Esume (47) gilt als anerkanntester Experte für American Football in Deutschland. Der Hamburger spielte für die Blue Devils, coachte für diverse deutsche Vereine – und ist nun Chef der neuen Europaliga.

Patrick Esume (47) gilt als anerkanntester Experte für American Football in Deutschland. Der Hamburger spielte für die Blue Devils, coachte für diverse deutsche Vereine – und ist nun Chef der neuen Europaliga.

Foto: Michael Rauhe

Patrick Esume, in Hamburg geboren und Chef der ELF, über das Potenzial des Sports und die hohen Erwartungen an sein neues Projekt.

Hamburg. Eine Woche heißt es noch geduldig sein, dann startet die neue American-Football-Europaliga ELF mit acht Teams aus drei Ländern in ihre Premierensaison. Patrick Esume fiebert dem Kick-off entgegen, schließlich hat er als Commissioner (Ligachef) die Gesamtverantwortung. Im Abendblatt erläutert der in Hamburg geborene 47-Jährige, warum er vom wirtschaftlichen und sportlichen Erfolg der ELF überzeugt ist – und wo diese in fünf Jahren stehen soll.

Hamburger Abendblatt: Herr Esume, eine Woche vorm Kick-off: Wie viele Baustellen müssen noch geschlossen werden, damit Sie ruhig schlafen?

Patrick Esume: Es ist wie bei einem Umzug. Die großen Dinge sind erledigt, nun ist es der Kleinkram, der uns beschäftigt. Die Lizenzierung aller Spieler und Trainer muss abgeschlossen werden, ebenso die medizinischen Schulungen, die alle Verantwortlichen im Umgang mit Covid-19 und Gehirnerschütterungen durchlaufen müssen, denn die Gesundheit der Spieler hat höchste Priorität. Aber wir sind gut davor.

Als Sie im vergangenen Jahr die Idee einer Europaliga entwickelten, ahnten Sie da im Ansatz, wie viel Arbeit warten würde?

Esume: Ich habe schon gewusst, dass die Umsetzung sehr arbeitsintensiv werden würde. Wie groß das Projekt wirklich ist, hat mich aber doch überrascht. Es gab ja keine Blaupause. Aber ich würde es immer wieder machen. Schon jetzt kann ich sagen, dass es sich gelohnt hat, auf meine Mutter Heidi zu hören und das, was ich angefangen habe, auch mit Beharrlichkeit fertig zu machen.

Mit einem solchen Projekt während einer Pandemie zu starten und über den Saisonverlauf gegen Quotenriesen wie die Fußball-EM und Olympische Spiele anzutreten, zeugt zumindest von Selbstbewusstsein. Haben Sie keine Sorge, dass Sie scheitern?

Esume: Natürlich ist das mutig, trotz Corona den Spielbetrieb zu starten, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Als wir uns dazu entschlossen haben, haben wir gesagt, dass wir auch ohne Zuschauer die Saison durchziehen würden. Aber das, was jetzt passiert, war unsere Hoffnung: Dass die Inzidenzwerte fallen und die Impfkampagne durchstartet. Zu Fußball-EM und Olympia: Konkurrenz gibt es immer, aber beides sind TV-Events. Wir sind die erste Liga in Deutschland, die nach Corona den Spielbetrieb aufnimmt. Die Leute sind hungrig auf Live-Sport. Deshalb sehe ich das als Vorteil.

Sollen alle acht Clubs gleich viele Zuschauer in die Stadien lassen können, damit der Wettbewerb fair ist?

Esume: Nein. Die Franchisenehmer sind eigenständige Unternehmen, sie sollen in Absprache mit lokalen Behörden entscheiden, wie viele Fans kommen dürfen. In Hamburg hoffen die Sea Devils auf 1000 Fans im Stadion Hoheluft beim ersten Heimspiel gegen Frankfurt am 20. Juni.

Sie haben mit ProSieben Maxx einen Partner, der an jedem Spieltag eine Partie live im Free-TV zeigt, dazu mit Chio einen Ligasponsor. Sie starten also auf einem hohen Level. Wann rechnen Sie damit, mit der ELF profitabel zu arbeiten?

Esume: Die Liga ist ein Start-up, dass man anfangs investieren muss, ist klar. Ohne meinen Partner Zeljko Karajica, der maßgeblich für die TV-Deals zuständig ist, würde das Ganze nicht laufen, er ist der Dreh- und Angelpunkt. Wir glauben, dass wir in Jahr drei den Break-Even-Punkt erreichen, hoffen aber, dass es schneller geht. Ich bin zu 100 Prozent von der Wirtschaftlichkeit der Liga überzeugt, sonst würde ich es nicht machen. Fakt ist aber: Wir brauchen ein gutes Produkt, das die Fans überzeugt.

Und, haben Sie das? Was ist sportlich von der ELF zu erwarten?

Esume: American Football auf höchstem europäischen Niveau. In allen Teams steckt enorme Qualität. Anfangs dachte ich, dass Hamburg und Frankfurt die stärksten Kader haben. Aber jetzt, da ich bis auf Breslau alle Teams gesehen habe, sage ich: Es gibt keinen Favoriten, aber es wird großen Sport geben.

Es gibt Kritiker Ihres Projekts, vor allem in der Bundesliga GFL und im Verband, die Ihnen vorwerfen, bestehende Strukturen zu zerstören und damit dem deutschen Football zu schaden. Wie stehen Sie dazu?

Esume: Wir hatten Gespräche mit der GFL und dem Verband, haben aber vereinbart, darüber nicht in den Medien zu sprechen. Fakt ist, dass wir mit vielen Vereinen und regionalen Verbänden kooperieren. In Hamburg zum Beispiel sind alle Vereine und der Verband involviert. Unser Anliegen ist es, die lokalen Vereine dadurch zu stärken, dass wir den Fokus auf den Sport vergrößern. Davon profitieren alle, denn wenn mehr Kinder anfangen, Football zu spielen, wachsen die Mitgliederzahlen in den Clubs. Dass der deutsche Verband nun Druck ausübt, indem Gebühren gefordert werden, wenn Spieler aus der ELF zu einem anderen Verein zurückwechseln wollen, finde ich schade. Da frage ich mich: Steht da der Sport im Mittelpunkt, oder will der Verband Angst verbreiten und Geld machen?

Sie leben in Hamburg, haben eine Vergangenheit bei den Sea Devils. Wie schwer fällt es Ihnen, die in Ihrem Amt gebotene Neutralität zu wahren?

Esume: Natürlich werden einige denken, dass ich parteiisch bin. Aber ich habe ja auch bei der Frankfurt Galaxy gecoacht, mit Barcelona war ich in puncto ELF-Start schon klar, bevor Hamburg auf die Agenda kam. Ich habe zwei Töchter, die ELF ist nun mein drittes Kind, und irgendwie sind alle Teams meine Babys, ich habe zu allen eine Verbindung.

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Familienzuwachs ist bereits in Planung, 2022 soll die Liga aufgestockt werden. Können Sie schon mehr sagen?

Esume: Nur, dass wir 2022 mehr Teams haben werden. Ob es zwölf oder 14 sein werden? Abwarten! Sicher ist, dass London ein Standort wird, aber ich rechne mit drei bis vier Ländern, die neu dazukommen. Wir wollen aber gesund wachsen und die richtigen Partner finden.

Ein strategischer Partner ist die US-Eliteliga NFL. Wie wird die ELF dort gesehen?

Esume: Noch ist es für die nicht greifbar, weil wir noch nicht gespielt haben. Aber mich haben einige, durchaus auch namhafte Kommentatoren aus den USA kontaktiert, die sich gern einbringen wollen. Das hat mich schon überrascht. Wir wollen unseren eigenen Weg finden, aber wenn wir ihn mit der NFL gemeinsam gehen können, tun wir das gern.

Sie haben den Football-Hype 2017 in Ihrem Buch vorausgesagt, wissen als ProSieben-Experte für die NFL die Begeisterung der deutschen Fans einzuordnen. Was denken Sie, wo die ELF in fünf Jahren stehen kann?

Esume: Fußball ist der König in Deutschland, aber im Livesport sind die Übertragungen der NFL-Spiele bereits die Nummer zwei, was regelmäßigen Ligasport angeht. Deshalb glaube ich, dass wir in fünf Jahren andere nationale Ligen wie Basketball, Handball oder Eishockey überflügeln und uns als Nummer zwei hinter dem Fußball etablieren können. Dazu will ich meinen Teil beitragen.