Mein Leben in den wilden Zwanzigern

Der etwas andere Junggesellinnenabschied

Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Redakteurin Annabell Behrmann im Studio bei der Norderstedter Zeitung in Norderstedt am 17.09.2020. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Redakteurin Annabell Behrmann im Studio bei der Norderstedter Zeitung in Norderstedt am 17.09.2020. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Foto: Thorsten Ahlf

Natürlich können Videokonferenzen keinen echten Mädelsabend ersetzen. Trotzdem bin ich sehr dankbar für diese Möglichkeit

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich noch nie etwas von Zoom gehört – dann ist plötzlich ein wesentlicher Teil meines sozialen Lebens ins Digitale umgezogen. Teammeetings, Escape Games, Abende mit Wein und Freunden finden nun über Videodienste statt. Besonders am Anfang habe ich mit den digitalen Treffen gehadert, weil ich ein sehr körperlicher Mensch bin und es brauche, andere berühren zu können.

Für mich können Videokonferenzen keine menschliche Nähe ersetzen – aber das sollen sie auch gar nicht. Sie sind eine Übergangslösung, eine Möglichkeit, trotz Kontaktbeschränkungen Beziehungen zu pflegen. Selten war ich für diese Erfindung dankbarer als am vorigen Wochenende, als ich bei dem virtuellen Jung­ge­sel­lin­nen­ab­schied einer Freundin dabei sein durfte.

Der Junggesellinnenabschied musste sein

In gut zwei Wochen heiraten zwei meiner besten Freunde. Mit den beiden habe ich Abitur gemacht, ihn kenne ich schon seit dem Kindergarten. Wir teilen unzählige Insider-Witze und Erinnerungen. Auf der Klassenfahrt nach Barcelona sind wir zu dritt händchenhaltend durch die Gassen gelaufen. Umso mehr bricht es mir das Herz, dass ich bei ihrer Trauung, an einem der wichtigsten Tage ihres Lebens, nicht dabei sein darf. Auf einen Jung­ge­sel­lin­nen­ab­schied sollten sie trotzdem nicht verzichten.

Ihre Schwester hatte für den digitalen Mädelsabend alles perfekt organisiert. Jede Freundin saß bei sich zu Hause vor dem Laptop, Video und Ton waren zunächst ausgeschaltet. Dann wurden Sätze oder Wörter vorgelesen, die zur jeweiligen Freundin passten, eine nach der anderen erschien auf dem Bildschirm – und der Braut liefen die Tränen über die Wangen, so sehr hat sie sich gefreut. Mit dieser Überraschung hatte sie nicht gerechnet. Natürlich hätten wir sie am liebsten alle persönlich in den Arm genommen. Ging aber nun mal nicht.

Auf dem Bildschirm ploppten Fotos auf

Jede von uns hatte ein Quiz vorbereitet, das auf irgendeine Art und Weise mit der Braut in Verbindung stand. Es wurden Fragen zur Kindheit und Schulzeit gestellt, Lieder mussten erraten und Personen auf Kinderfotos erkannt werden. Ein Spiel hieß „Hol ran!“ und war angelehnt an die Fernsehsendung „Schlag den Raab“.

Auf dem Bildschirm ploppten Fotos von Gegenständen, die jeder zu Hause hat, auf. Wer das Teil am schnellsten holte, bekam einen Punkt. Als ich mit einer OP-Maske, einer Klopapierrolle und einem Bikini vor dem Laptop wedelte, fragte ich mich kurz, was wohl meine Nachbarn denken, die prima in meine Wohnung schauen können. Egal! Wir hatten unseren Spaß, tanzten und tranken bis in die Nacht. Obwohl ich ganz alleine zu Hause war. Kilometerweit entfernt von den anderen. Zoom hat es möglich gemacht.

Der nette Kollege bringt keinen Kaffee

Dank der Videodienste können etliche Berufstätige im Homeoffice arbeiten, Kinder und Jugendliche im Homeschooling lernen. Natürlich kann man online nicht mit seinem Sitznachbarn flüstern, sich die Matheaufgabe während des Unterrichts schnell erklären lassen oder in der Pause gemeinsam Fußball spielen. Der nette Kollege bringt einem keine Tasse Tee an den Schreibtisch, das gemeinsame Mittagessen und der Austausch in der Büroküche fallen weg. Aus diesem Grund heißt es oft, dass Plattformen wie Zoom, Mi­crosoft Teams oder Skype zweckdienlich für die Arbeit seien – aber für das Zwischenmenschliche nicht zu empfehlen. Dem stimme ich nur teilweise zu.

Ich möchte in keiner Welt leben, in der sich nur noch online getroffen wird. In der Umarmungen durch Emojis ersetzt werden. Die aber nicht das Herz erwärmen. Dass es dennoch emotional sein kann, sich am Bildschirm zu sehen, hat mir der Jung­ge­sel­lin­nen­ab­schied gezeigt. Das hängt aber vor allem damit zusammen, dass uns eine jahrelange Freundschaft in der Offline-Welt verbindet. In der wir zu Schulzeiten geflüstert haben und meine Freundin mir unermüdlich die Polynomdivision erklärt hat.

Zoom: Smalltalk funktioniert in großer Runde nicht

Zoom ist keine Dauerlösung, keine echte Alternative. Für große Partys mit vielen Menschen wie etwa Weihnachtsfeiern ist der Videodienst nur geeignet, wenn Interaktion stattfindet. Ansonsten hält der Chef im Zweifel einen Monolog, und der Rest hört zu – oder auch nicht. Small Talk funktioniert in großer Runde nicht. Wenn man aber eine andere Erwartungshaltung hat und nicht davon ausgeht, dass Zoom das echte Miteinander und Umarmungen ersetzt, kann man für diese Möglichkeit sehr dankbar sein.