Kultur

Diesen "Mann" muss man auch heute noch lesen

Lesedauer: 5 Minuten
Thomas Andre
In „Tales from Hollywood“ spielte Alec Guinness 1992 den Heinrich Mann.

In „Tales from Hollywood“ spielte Alec Guinness 1992 den Heinrich Mann.

Foto: imago images/Everett Collection

Heinrich Mann wäre am Sonnabend 150 Jahre alt geworden. Sein bekanntester Roman erscheint als Neuausgabe, „Festwoche“ in Heimatstadt.

Hamburg. Beginnen soll diese Würdigung mit der recht trivialen Aussage, wie gesegnet die Kulturnation mit der Familie Mann ist. Beziehungsweise vor allem deren Zentralgestirn, den Brüdern Heinrich und Thomas: Was für ein deutsches Kraftfeld aus Sprache und Geschichte, Politik und Kunst, Scheitern und Wiederauferstehen, Irren und Erkennen! Ohne die Gebrüder Mann wäre die Historie Deutschlands ärmer, es hätte keine TV-Event-Saga von Heinrich Breloer gegeben – erinnert sich jemand?

Es ist tatsächlich 20 Jahre her, dass wir alle „Die Manns – ein Jahrhundertroman“ glotzten. „Gebingt“, also am Stück weg geschaut, wurde damals noch nicht, man wartete geduldig, bis der nächste Teil im linearen Fernsehen zur besten Sendezeit anstand.

Ohne Heinrich und Thomas Mann gäbe es weitaus weniger Texte, mit denen man Schülerinnen und Schüler quälen könnte. Das mit der Qual verdankt sich freilich stets eher den anderweitigen, nicht-literarischen Vorlieben ignoranter Pubertiere. Wer die Literatur liebt, der wird bei jenen beiden Literaturgrößen freudvolle Lektürestunden finden. Für Deutschlehrer im Lernstoff immer besonders attraktiv: die politische Einordnung, die Konkurrenz und vorübergehende Entzweiung der Brüder.

Heinrich Mann: Erkennen, das war seine Disziplin

Hier der monarchistische Erster-Weltkriegsbejubler-und-später-dann-Deutschland-Ehrenretter Thomas Mann, der aus Kalifornien Radioansprachen („Deutsche Hörer!“) hielt, um die verblendeten Landsleute wachzurütteln. Dort der überzeugte Demokrat Heinrich Mann, der den Wilhelminismus kritisierte und früh gegen die Nazis war.

Erkennen, das war seine Disziplin. Am 27. März 1871 wurde Heinrich Mann, der 1933 aus Hitler-Deutschland emi­grierte, in Lübeck geboren. Vor 150 Jahren also. Ein runder Geburtstag, der gefeiert werden muss, aber wegen dieser verdammten Pandemie nur digital begangen werden kann; mit einer Festwoche, die ihm seine Heimatstadt schenkt (siehe Kasten).

Mit einer Neuausgabe von „Der Untertan“, seinem bekanntesten Roman, erschienen 1918, in dem Heinrich Mann so böse und treffend den autoritären Ungeist seines tumben, aufstrebenden, mentalitätsmäßig schon länger vergifteten, kaputten Landes porträtierte. Der Ältere der beiden Brüder – Thomas wurde 1875 geboren – stand am Ende seines Lebens deutlich im Schatten seines erfolgreicheren Bruders, und er ist auch im Nachleben der nachrangige Schriftsteller.

Heinrich Mann ist der Autor von zwei glänzenden Zeitromanen

Wobei die Frage erlaubt sein muss, wie gut selbst die modernen Klassiker heute altern. Sieht man mal von Hardcore-Germanisten ab, die die mäandernden Sätze Thomas Manns für den Goldstandard deutscher Formulierungskunst halten, sind Zweifel angebracht. Warum sollte „Lotte in Weimar“ heute noch gelesen werden, wenn selbst Eben-noch-Heroen wie John Updike oder Philip Roth Gerüchte aus der Welt von gestern sind?

Heinrich Mann ist allerdings der Autor von zwei glänzenden Zeitromanen, die, zum Beispiel, viel wichtiger und klüger, bleibender sind als ebenjenes Buch „Lotte in Weimar“. Neben „Der Untertan“ ist das „Professor Unrat“. Beide Romane sind Mahnmale für den sklavischen Geist des deutschen Bürgertums und seine Doppelmoral.

Wie könnte das Schlechte, das eine Gesellschaft hervorgebracht hat, nicht entscheidend bleiben für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Geschick. Insofern sind Heinrich Manns Romane von einer bestechenden Aktualität, und sie werden es bleiben. Das gilt längst nicht für alle seine Bücher. Aber eben auch nicht für die seines Bruders.

Das Erbe des Vaters ermöglichte Karriere als Schriftsteller

Der literarische Realismus, das gute, alte, ungebrochene Erzählen, wie es in Heinrich Manns Romanen zu finden ist, hat im „Untertan“, das verdeutlicht die Re-Lektüre, nichts Muffiges. Es muss längst nicht immer alles modern, gar postmodern oder smart sein. Heinrich Manns Erzähleleganz ist eine Eleganz des Altmodischen. Hätte man einen Instagramkanal, man würde zur persönlichen Feier des Altmeisters nun glatt ein Stillleben mit Heinrich-Mann-Buch in die Welt schießen. Vielleicht als Buch-Selfie mit Hosenträgern.

Der Kaufmannssohn aus der Hansestadt, der selbst nicht Kaufmann werden wollte, ist, wie viele sich zur Kunst Berufene in alten Zeiten, zumindest ideell ein Selfmademan gewesen. Das Erbe des Vaters, das er im Ganzen ablehnte, aber im Kleinen nicht verschmähen konnte, erlaubte ihm wie seinem Bruder, eine Karriere als Schriftsteller zu beginnen. Die psychologischen Hürden aber müssen gewaltig gewesen sein.

Vater bekämpfte bis zu seinem Tod den Berufswunsch seines Erstgeborenen

Sein Vater Thomas Johann Heinrich Mann bekämpfte bis zu seinem Tod den Berufswunsch seines Erstgeborenen und adressierte kurz vor seinem Tod die Vormünder im Falle seines Ablebens: Diese sollten, schrieb der Senator und Getreidehändler, sich bemühen, „den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer literarischen Thätigkeit entgegenzutreten“.

Zu „gründlicher, erfolgreicher“ Tätigkeit in jenem Bereich, heißt es weiter in dem vernichtenden Notat, „fehlen ihm m. E. die Vorbedingnisse: genügendes Studium und umfassende Kenntnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken“.

Aus dem Träumer, dem Sich-gehen-Lassenden (welcher Mensch mit Herz ist das nicht mit 20?) wurde im Verlaufe seines Lebens ein bekannter Schriftsteller, der den Grimm seiner Feinde nie scheute und gegen Dunkeldeutschland das Licht der Literatur setzte. Wie gesagt: Feiern wir seinen 150. Geburtstag. In vier Jahren ist sein Bruder dran.