Deutschstunde

Der Kampf der Fürwörter in der Sprache

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Ein Possessiv sollte nur durch ein Demonstrativ ersetzt werden, wenn sonst Missverständnisse möglich wären.

In meinem Postfach pflegen sich offenbar alle tatsächlichen und viel häufiger alle vermeintlichen Fehler aus deutschen Medien zu sammeln. Ich danke für das Vertrauen in meine Kompetenz, bitte aber zum wiederholten Male, mir wenigstens so viel Luft zum Atmen zu lassen, dass ich nebenbei noch eine neue Folge der „Deutschstunde“ schreiben kann.

In einer Berliner Zeitung stand folgende Passage: „Am 17. Dezember soll im neuen Berliner Schloss das Humboldt Forum eröffnen. Ein neues Buch erzählt seine bewegte Geschichte.“ Ein Berliner Leser wandte sich an den Nicht-Berliner Peter Schmachthagen und fragte: „Müsste es nicht ‚erzählt dessen Geschichte‘ heißen? Die Verwendung des Possessivpronomens wird mittlerweile in ansonsten gründlichen Medien sehr flexibel gehandhabt.“ Um es vorwegzunehmen: Im Kontext (Sinnzusammenhang) sollte es dennoch „seine“ Geschichte heißen. Niemand wird annehmen, dass es sich hier um die bewegte Geschichte eines Buches handelt. Zudem beziehen sich die demonstrativen Formen „dessen“ und „deren“ immer auf die letztgenannte Person oder Sache, sodass der Rückbezug das Humboldt Forum treffen würde. Beim „Humboldt Forum“ fällt auf, dass in seinem Namen ein Bindestrich fehlt. In Berlin wie in Hamburg gelten bei Kunstschaffenden und Sprach-Autonomen Bindestriche nämlich als dem eigenen Niveau nicht adäquat, falls Rechtschreibung nicht gar mit Rechts-Schreibung verwechselt wird.

Die Demonstrative (hinweisenden Wörter) können sowohl als Artikelwörter (dieser Mann) wie auch als selbstständige Pronomen (Fürwörter) verwendet werden (Dieser ist am schönsten). Nur im zweiten Fall sollte man von Demonstrativpronomen sprechen. Zu den Demonstrativen gehören „der, die, das; dieser, diese, dieses; jener; derjenige, diejenige, dasjenige; derselbe, dieselbe, dasselbe“. Um auf unser Schloss-Beispiel zurückzukommen: Die Genitivformen „deren“ und „dessen“ verwendet man anstelle der Possessive (der besitzanzeigenden Wörter) „ihr“ bzw. „sein“, wenn Missverständnisse entstehen würden: Helga verabschiedete sich von Edith und „deren“ Mann; „ihrem Mann“ wäre zweideutig, weil damit sowohl Ediths als auch Helgas eigener Mann gemeint sein könnte. Udo begrüßte seinen Freund und „dessen“ Schwester; mit „seine“ Schwester wäre auch Udos Schwester zur Runde gestoßen.

In unmissverständlichen Fällen ist der Ersatz des Possessivs durch das Demonstrativ unnötig. In dem Satz „Ich begrüßte Klaus und seine neue Freundin“ klänge die Formulierung „und dessen neue Freundin“ gestelzt, trüge aber nichts zur Steigerung des Verständnisses bei. Das Gleiche gilt bei „Die Wahl des Vorsitzenden und seines (unnötig: dessen) Stellvertreters zog sich hin“. Auch die oben behandelte Aussage „Ein Buch über das Berliner Schloss und seine bewegte Geschichte“ benötigt kein Demonstrativ, weil die Zuordnung klar ist. Niemand würde annehmen, dass ein noch gar nicht erschienenes Buch eine bewegte Geschichte haben könnte.

Es gilt übrigens als unhöflich, wenn man in Bezug auf Personen die Demonstrativpronomen „der, die, das“ statt der Personalpronomen „er, sie, es“ benutzt, ohne dass ein Anlass zur demonstrativen Hervorhebung vorliegt: Meine Mutter ist sehr altmodisch; mit „der“ (richtig: mit ihr) kann ich nicht diskutieren. Oder: Ich weiß es von meinem Lehrer; „der“ (höflicher: er) hat es im Unterricht gesagt. Aber: Bei besonderer Hervorhebung kann auch in der Standardsprache das Demonstrativ stehen, wenn man damit an das letzte Satzglied im vorhergehenden Satz anschließen will: So ist das etwa bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die“ kennt fast jeder.

Für das Demonstrativ „die“ gibt es im Femininum (weiblich) zwei Formen: „deren“ und „derer“. Die Regel lautet: „derer“ steht nicht in Verbindung mit einem Substantiv (Hauptwort), sondern pronominal: Hinzu kommt die Zahl „derer“, die täglich nach Hamburg pendeln. Dagegen benutzen wir „deren“ vor einem Hauptwort: Der Arzt behandelte die Patienten bis zu „deren“ Tod. Die umgangssprachliche Dativform „derem Tod“ (statt: deren) ist nicht korrekt und sollte vermieden werden.

deutschstunde@t-online.de