Komponist

Ohrwürmer ohne Ende: Dieser Wentorfer steckt hinter den Hits

 Christian Bruhn hält  Platten von Drafi Deutscher und Katja Ebstein in den Händen. Mit Katja Ebstein war der Komponist einst verheiratet

Christian Bruhn hält Platten von Drafi Deutscher und Katja Ebstein in den Händen. Mit Katja Ebstein war der Komponist einst verheiratet

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Kneffel / picture alliance / dpa

Christian Bruhn schuf Klassiker für Drafi Deutscher, Roberto Blanco, Peter Maffay. Ein Dokumentarfilm erzählt seine Geschichte.

Wentorf. Als er 80 Jahre alt wurde, hat Christian Bruhn gesagt, sein Leben tauge nicht als Filmstoff. Jetzt, nur drei Jahre später, hat sich das gründlich geändert. Der Mann, der viele bekannte Schlager, Titelmelodien für TV-Serien und Werbe-Jingles geschrieben hat, ist Protagonist des ­Dokumentarfilms „Christian Bruhn – Meine Welt ist die Musik“ von Marie Reich geworden.

„Wunder gibt es immer wieder“, „Liebeskummer lohnt sich nicht“, „Ein bisschen Spaß muss sein“ – die Liste der von ihm komponierten Schlager ließe sich lange fortsetzen. Für den jetzt verstorbenen Sänger Jürgen Marcus produzierte er 2008 dessen vorletztes Album „Für immer“. Dazu kommen noch die eingängigen Titelmelodien der Fernsehserien „Timm Thaler“, „Heidi“ und der fast schon avantgardistische Soundtrack zu „Captain Future“. Nicht zu vergessen Werbemelodien wie die für Milka-Schokolade. Wer ab den 1960er-Jahren mit offenen Ohren in Deutschland aufgewachsen ist, konnte dieser Musik kaum entkommen. Der Komponist der rund 2000 Titel hat sich meist im Hintergrund gehalten. „Ich will nicht auf der Straße erkannt, ich will gepfiffen werden“, sagt er.

Bruhn studierte klassische Musik

Geboren und aufgewachsen ist Bruhn in Wentorf. Der Vater war zunächst Kunsthändler, kannte August Macke und Emil Nolde. Weil die Nazis deren Werke als „entartete Kunst“ ansahen, musste er sein Geschäft schließen. Die Familie brachte er als Kaufmann durch den Krieg. Die Familie zog 1939 nach Österreich. 1945 kam sie zurück. Mit der Lizenz Nummer drei der britischen Besatzer gründete der Vater danach in Reinbek den Parus-Verlag.

Christian konnte Noten lesen, bevor er sechs Jahre alt war. Er kämpfte mit Schwierigkeiten in der Schule, verließ vorzeitig das Gymnasium und machte eine Malerlehre. Später studierte er klassische Musik. Schon damals aber war klar, dass er ein besonderes Faible für leichte Musik hatte. Seine große Liebe gilt bis heute dem Jazz. Er zog nach München und spielte nachts in Bars und Kneipen „für einen Teller Spaghetti und zwei Bier“. Seit 62 Jahren lebt der 83-Jährige mittlerweile in München. Er komponiert noch immer.

Drafi Deutscher kam mit "dam-dam" in der Tasche zu Bruhn

„Früher war oft die Melodie zuerst da, zu der dann mühsam ein Text gesucht wurde. Heute sage ich, gebt mir erst einmal eine Zeile, die mir gefällt! Dann dichte ich die zweite oder meinetwegen auch den halben Text.“ So ähnlich hat es Drafi Deutscher getan, der wenig mehr als den „dam-dam“-Refrain in der Tasche hatte, als er zu Bruhn kam. Um das Fragment herum klöppelten sie zusammen mit Texter Günter Loose den Rest von „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Es wurde mit mehr als einer Million verkaufter Singles und 50 Coverversionen der größte Erfolg von Deutscher, Bruhn und Loose. Es gab aber auch Stücke, bei denen der gesamte Text vorher stand. Zum Beispiel beim von France Gall gesungenen „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“. Eine „Komponierblockade“ kennt Bruhn bis heute nicht: „Routine hat auch ihre positiven Seiten.“ Letztlich haben nicht nur Sportereignisse wie das „Wunder von Bern“, sondern wahrscheinlich auch einige Schlager zum Selbstverständnis der Nachkriegsdeutschen beigetragen. An diesem Soundtrack hat Bruhn kräftig mitgestrickt. „Das Niveau schwankte allerdings. Die Deutschen hatten den schlechtesten Geschmack der Welt“, findet Bruhn. „Es gibt entsetzlich dämliche Songs. Ich habe mit Songs von Burt Bacharach und Dionne Warwick angefangen. Wenn ich dabeigeblieben wäre, hätte ich hier verhungern müssen.“

Dass er von der Kritik wegen seiner erfolgreichen Titel trotzdem manchmal herablassend behandelt wurde, stört ihn nicht. „Damit muss man leben. Es gibt ja auch entzückende Titel. Als ,Zwei kleine Italiener‘ 1962 die Schlagerfestspiele gewann, schrieb der ,Musikmarkt‘, immerhin eine Fachzeitschrift: ,Zwei ganz kleine Italiener‘. Conny Froboess hat von dem Titel ja auch nur 1,3 Millionen Exemplare verkauft.“ Rock ’n’ Roll, Punk und Grunge sind Musikgenres, die man mit der Rebellion einer ganzen Generation verbindet. Schlager scheinen dagegen immer nur die heile Welt zu feiern. „Im Moment sind wir sehr einförmig geworden. Ich komme ja eigentlich von der Operette. Ich bin einer, der Melodien macht. Das ist momentan gar nicht in Mode.“ Für manche Sänger wie Roy Black wurde die Schlagerwelt am Ende sogar gefährlich. „Die Texte sind oft Trost für viele Menschen. Roy Black war ein todunglück­licher Mensch, weil er eigentlich Rock ’n’ Roll singen wollte, aber eine wunderschöne Schlagerstimme hatte. Man darf den Aufstieg nicht zu ernst nehmen und muss sich rechtzeitig mit dem Abstieg arrangieren. Das sollte man fatalistisch nehmen.“

Zwei große Sängerinnen produzierte Bruhn selbst

Die hießen Mireille Mathieu und Katja Ebstein. „Sie haben ihre Kunst weit über dem Durchschnitt betrieben. Dazu kommt Drafi Deutscher. Ich bewundere aber auch Catarina Valente und Peter Alexander.“ Mit Ebstein war er in der dritten seiner bislang fünf Ehen auch verheiratet.

Nach vielen Jahren, in dem das Schlagergeschäft vor sich hin dümpelte, erreicht es zurzeit mit Superstar Helene Fischer wieder ungeahnte Popularität. Wie sieht Bruhn das? „Sie ist eine große Könnerin. Ich verstehe überhaupt nicht, dass sie so oft geschmäht wird. Schon Goethe hat gesagt: Wenn etwas im Volk Erfolg hat, muss etwas dran sein.“ Bruhn hört gern Jazz und alte amerikanische Titel, aber auch Earth, Wind and Fire, die Doobie Brothers und Al Jarreau.

Bruhn hat sich mit seiner Musik unsterblich gemacht

Jetzt reist er einige Tage mit dem Film, „seinem“ Film, durch das Land. „Auch wenn ich schon lange in München lebe: Ich empfinde Reinbek und Wentorf als Heimat“, sagt Bruhn. „Der Sachsenwald und das Billetal sind wunderbare Ecken.“ Am Rande der Metropolis-Veranstaltung will er seine Schwester besuchen, die in Reinbek lebt. Dem Hamburger Liedtexter Michael Kunze will er einen Besuch in Poppenbüttel abstatten.

Künstler wollen Spuren hinterlassen. Bruhn hat sich mit seiner Musik unsterblich gemacht und seine Autobiografie geschrieben. Jetzt gibt es diesen Film. Fehlt noch etwas? „Im Gegensatz zu Bert Kaempfert habe ich nie einen Welthit geschafft.“ Ach, Herr Bruhn! Spendet der Blick auf die Kontoauszüge da nicht ein wenig Trost? „Ich mache mir nichts aus Geld. Es muss nur genug davon da sein.“

„Christian Bruhn – Meine Welt ist die ­Musik“ heute, 19 Uhr, im Metropolis;
Regisseurin und Hauptdarsteller kommen ins Kino. Im Anschluss gibt es ein kleines Konzert.