Kino-Tipp

„Die kleine Hexe“ sorgt für reichlich Schabernack

Foto: Walter Wehner / dpa

Hexen haben Konjunktur. Spätestens seit der ersten Realverfilmung von „Bibi Blocksberg“ im Jahr 2002 hat sich die Hexe­ als positive Identifikationsfigur auch im Kino etabliert, vor allem für Mädchen und damit als Gegenentwurf zu den überwiegend männlichen Superhelden. Seither haben sich Bibis Abenteuer zunehmend von denen einer klassischen Märchenhexe entfernt.

Ihr höchst erfolgreicher Ableger „Bibi und Tina“ ist längst in einer Welt angesiedelt, die sich vom normalen Alltag eines Teenagers kaum mehr unterscheidet. Im Kontext typischer Pubertäts­dramen wirkt Bibis Hexkraft somit kaum noch zauberhaft, eher wie eine spezielle Art der Hochbegabung. Da wird es mal wieder Zeit, für eine „richtige“ altmodische Hexe, die auf einem Besen reitet und seit mehr als 100 Jahren im Hexenhäuschen wohnt, anstatt im Ferienlager Hip-Hop-Tanz-Duelle vom Zaun zu brechen.

Dankenswerterweise hat sich die Münchner Claussen&Putz Filmproduktion nach „Krabat“ einmal mehr die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers von Otfried Preußler vorgenommen. Dessen „Kleine Hexe“, erstmals 1957 erschienen, ist so etwas wie die Urmutter der guten Hexen in der jüngeren Kinderliteratur. Sie (Karoline Herfurth) lebt allein mit ihrem Raben Abraxas mitten im Wald. Sie ist 127 Jahre alt – viel zu jung also, um zum jährlichen großen Hexentanz auf dem Blocksberg eingeladen zu werden.

In einem Anflug pubertärer Rebellion fliegt sie in der Walpurgisnacht trotzdem zum Blocksberg, mischt sich heimlich unter die Altvorderen und tanzt ekstatisch ums Hexenfeuer. Doch ausgerechnet ihre Tante Rumpumpel (Suzanne von Borsody) erkennt sie. Familiäre Solidarität zählt anscheinend wenig in Hexenkreisen. Die kleine Hexe wird verraten, vor Gericht gezerrt und ohne ihren Besen wieder auf den langen Fußmarsch nach Hause geschickt. Allerdings bekommt sie in Aussicht gestellt, nächstes Jahr ganz offiziell mitfeiern zu dürfen, wenn sie bis dahin eine gute Hexe geworden ist.

Warum die kleine Hexe Teil der ausnehmend garstig und missgünstig dargestellten Hexengemeinschaft sein möchte, wurde schon im Buch nicht erklärt. Es geht eben ums Prinzip. Und so begleitet auch der Film die kleine Hexe durch das Jahr ihrer autodidaktischen Ausbildung. Auf Anraten von Abraxas findet sie allerhand Gelegenheit, Gutes zu tun. Hier fasst Drehbuchautor Matthias Pacht, Spezialist für charmante Außenseiterfiguren, ausgewählte Buchkapitel zu psychologisch austarierten Episoden zusammen.

So wird der verhaltensauffällige Junge, der andere Kinder beim Schneemannbauen mobbt, nicht einfach mit einem kleinen Bann bestraft. Die kleine Hexe steht ihm nun auch sozialpädagogisch zur Seite, stellt fest, dass es sich beim Vater des Jungen um jenen Mann handelt, der das Geld seiner Familie beim Wettkegeln in der Kneipe verjubelt. Und der Rabe Abraxas, der eigentlich als moralisches Gewissen die kleine Hexe stets und ständig begleitet, entpuppt sich hier als wahrer Stubenhocker, der seine Flugphobie nur ungelenk mit Ausreden verschleiert. Der kleinen Hexe wird also, so viel Modernität soll wohl sein, ein emanzipierter, lernfähiger Eigensinn zugestanden. Bisweilen erscheint sie dadurch nun ein wenig zu vorbildlich, beinahe glatt, zumal der berückenden Karoline Herfurth noch nicht einmal eine behaarte Warze ins Gesicht gepflanzt wurde, wie man sie aus den Illustrationen von Preußlers Buchausgabe kennt. Das fällt gegenüber den Qualitäten des Films allerdings kaum ins Gewicht.

Von dem großenteils analog animierten Raben Abraxas, den Axel Prahl einnehmend synchronisiert, bis hin zum Hexenhäuschen bestechen Kostüme und Ausstattung durch Fantasie und Sorgfalt. Schnitt, Bildgestaltung und die vergnügte Filmmusik von Diego Baldenweg lehnen sich derweil merklich an Spike Jonzes kongeniale Verfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“ an. So sorgt nicht zuletzt die Wahl der richtigen Vorbilder dafür, dass einen „Die kleine Hexe“ in eine Welt entführt, die so fantastisch und über weite Strecken zugleich so real wirkt, dass man sich beim Verlassen des Kinos nur sehr widerwillig an unsere hexenlose Gegenwart gewöhnen mag.

„Die kleine Hexe“ D 2018, 103 Minuten, ohne Altersbeschränkung, Regie: Michael Schaerer, Darsteller: Karoline Herfurth, Suzanne von Borsody, Axel Prahl, täglich im Abaton, Cinemaxx Dammtor/Harburg/Wandsbek, Hansa, Koralle-Kino, UCIMundsburg/OthmaschenPark/Wandsbek, Zeise