Hamburger Kritiken

Deutschland in der Filterblase

Matthias Iken

Matthias Iken

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Viel Hetze, viel Schweigen: Der erschütternde Mord von Kandel wirft ein bizarres Licht auf unsere Debattenkultur.

Am Abend des 27. Dezembers – hinein in die Ruhe zwischen den Jahren – platzte eine Meldung, die den Frieden im Land erschüttert hat: Im rheinland-pfälzischen Kandel ermordet ein junger Mann ein junges Mädchen. Eine Beziehungstat. Und gleichzeitig ein Politikum. Denn der Täter ist ein vermeintlich 15-jähriger Afghane, als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling in Deutschland aufgenommen, sein Opfer ein einheimisches Mädchen.

In diesem schrecklichen Einzelfall bündelt sich vieles von dem, was in der Flüchtlingsdebatte schiefläuft: Kaum waren die ersten Meldungen über diese Untat in der Welt, da wurde in den sozialen Medien, aber auch in Diskussionsportalen gehetzt, verleumdet, verunglimpft. Sofort wurde die Kanzlerin persönlich verantwortlich gemacht oder generalisiert, als sei jeder der 55.000 minderjährigen Flüchtlinge im Lande ein Sicherheitsrisiko.

Und wie in den wildesten Zeiten des Kalten Kriegs bedienen viele Medien die Wünsche und Erwartungen ihrer Leser. „Bild.de“, die im naiven Septembermärchen eine gut gemeinte „Refugees Welcome“-Kampagne losgetreten hatte, ist längst auf die andere Seite gewechselt: Maximal plakativ lautete die Zeile am Mittwochabend: „Afghane (15) ersticht deutsches Mädchen“. So mag es mancher Leser, so macht man Quote.

Das gilt nicht nur für den Boulevard, sondern auch für Qualitätsmedien. Auf allen Kanälen treibt zwischen den Jahren die Beziehungstat von Kandel die digitalen Umsätze: Ob bei „Welt.de“, „Focus.de“ oder bei „Taz.de“, überall schießt der Fall an die Spitze der Hitlisten. In der Erregungsökonomie entwickeln sich solche Themen zu Dauerbrennern. Sie werden analysiert, diskutiert, neu erzählt, mitunter auch wiedergekäut. Die Kommentarspalten laufen über – jeder Kriminalfall wird auf manchen Seiten von Hobbyermittlern nach Nationalitäten durchkämmt. Und triumphierend wird jeder Zuwanderer als Tatverdächtiger der Community präsentiert: Wer glaubt, das Verschweigen der Herkunft eines Tatverdächtigen hälfe weiter, sollte sich diese Foren anschauen. In Wahrheit ist die gut gemeinte Selbstbeschränkung Munition für Verschwörungstheorien und Misstrauen. Die Lektüre der Kommentarspalten vermag eine Filterblase zu erschaffen – man ist sich in seiner Weltsicht einig und unterscheidet sich nur in der Radikalität. Richtig kontrovers wird nur bei der linken „taz“ diskutiert, hier werden Thesen und Antithesen formuliert. So bitter es ist: Das fällt heute schon auf.

Auffällig hingegen ist auch das Schweigen mancher Kollegen. Die „Tagesschau“ wurde schon wenige Stunden nach der Tat in sozialen Netzwerken beschimpft, sie verschweige aus politischen Gründen den Fall Kandel. Das ist so ehrabschneidend wie absurd: Die „Tagesschau“ hat den Fall zunächst als Beziehungstat gewertet, der grundsätzlich nicht Teil der Berichterstattung ist. Als die Nachrichtenlage klarer wurde, also am Donnerstag, stiegen die Kollegen mit Beiträgen ein.

Andere benötigten viel länger, um ihre Leser umfassend über den Fall Kandel zu informieren. Auf „Zeit Online“ etwa musste man bis zum Sonnabend warten: Dann hieß es „CSU-Politiker verlangen medizinische Altersprüfung.“ Wer am Freitag in die Suchmaschine „Kandel“ eingab, bekam Treffer wie „Rechte Gewalt – Erstochen, erschlagen, verbrannt – 22 Verdachtsfälle“ oder „Nazis, Schneckenhirn, Rinderwahn“ und „Hier haben wir recherchiert“. Ohnehin treiben die Leser andere Themen um: Am Freitag ist die meistgelesene Geschichte, dass Politiker und Intellektuelle den Boykott von FPÖ-Ministern fordern.

Vermutlich möchte sich keiner sein Weltbild erschüttern lassen, sondern vor allem lesen, was ihn in seiner Haltung bestärkt. Das ist menschlich, in einer Demokratie aber gefährlich. Wer hatte ernsthaft den Brexit oder die Wahl Trumps erwartet? Kaum jemand, weil alle in ihren Filterblasen gefangen waren. Um diese zu sprengen, müssen wir wieder diskutieren und Andersdenkenden zuhören, statt sie zu diskreditieren. Und wir müssen Argumente abwägen, Zwischentöne zulassen und Fakten analysieren. Der Fall Kandel zeigt, wie weit entfernt wir von dieser Utopie sind.

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