Kommentar

Wo ist der Respekt vor dem Gewaltmonopol des Staates?

Die Polizisten halten für uns ihren Kopf hin – und werden dafür verhöhnt und attackiert. Das muss sich endlich ändern.

Jetzt schlägt wieder die Stunde der Besserwisser. Der erste große Einsatz der Polizei am Tag der Anreise am Donnerstag? Unverhältnismäßig. Viel zu hart. Selbst schuld an der Eskalation. So oder so ähnlich lauteten die Kommentare von Nachbarn, Freunden oder Kollegen, gehört in der Bahn, gelesen im Netz. Absender: Die gleichen Leute, die gut 24 Stunden später davon sprachen, dass die Polizei dem Mob die Schanze überlassen und stundenlang einen rechtsfreien Raum im Umfeld der Roten Flora geduldet habe. Leute, die weitere 24 Stunden später schon wieder mit der Frage penetrierten, warum denn die Polizei am späten Sonnabend auf der so friedlichen Schanze schon wieder Wasserwerfer eingesetzt habe.

Es sind die Stunden der Besserwisser. In Politik, Gesellschaft – und in den Medien. Aber es sollten erst einmal die Stunden sein, innezuhalten – und denen Danke zu sagen, die ihren Kopf hingehalten haben, um Gipfel und Stadt zu schützen: der Polizei. Die mehr als 20.000 Frauen und Männer haben, auch wenn manche Hamburger es anders sehen werden, Großartiges geleistet.

Aber die Bilanz ist furchtbar. Fast 500 Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt. Angegriffen mit Guerillataktik, beschossen mit Stahlkugeln und Feuerwerk, beworfen mit Steinen und Flaschen. Niedergeknüppelt mit Eisenstangen oder Fahnenstangen. Beschimpft, bespuckt, beleidigt. Unter Applaus umherstehender Gaffer und junger Spinner, die es anmacht, Filmchen von Gewaltexzessen gegen Polizisten ins Netz zu stellen. Widerlich.

Es geht einzig um rohe Gewalt

Und warum die Gewaltausbrüche? Einfach nur, weil die da gegenüber „Bullen“ sind. Keine jungen Frauen und Männer, die ihren Job machen und versuchen, Gipfel, Teilnehmer und die Bewohner der Stadt zu schützen. Weil sie „Bastarde“ sind. Die Abkürzung für die da lautet ACAB. All Cops Are Bastards, also Freiwild, das man nicht nur angreifen kann, sondern muss. Der Tod von Polizisten wurde an diesem Wochenende zumindest billigend in Kauf genommen – wenn er nicht sogar geplant war. Es war nur Zufall und großes Glück, dass kein Polizist in Flammen aufgegangen ist, als Brandsätze auf ihn geschleudert wurden. Wer vorhat, Gehwegplatten von Hausdächern auf Menschen zu werfen – der will verletzen oder töten. Es geht nicht um Inhalte oder um Politik. Es geht einzig um rohe Gewalt.

Und die, die es am Rande oder auf der Bühne der überwiegend friedlichen Demonstrationen nicht geschafft haben, sich von diesen Gewaltausbrüchen zu distanzieren, sind kaum besser. Wer aus ideologischen Gründen nicht klar Nein sagt zu dem, was am Hafenrand oder der Schanze passiert ist, der liefert den politischen Nährboden für die nächsten Ausschreitungen.

Polizei stand vor furchtbarer Entscheidung

Der Eindruck, den sehr viele Hamburger gewonnen haben, ist fatal: Dass alles (erfolgreich) getan wird, um die wichtigsten Politiker der Welt zu schützen, dass aber ihr eigenes Hab und Gut und vor allem ihre Unversehrtheit höchstens zweitrangig war. Diese Wahrnehmung lässt sich auch gar nicht wegdiskutieren. Dass es dazu gekommen ist, ist der große Makel dieses Wochenendes. Man kann aber versuchen, ihn zu erklären: Die Polizei hatte Freitagabend offensichtlich nur die Alternative, früher mit dann zu wenigen Beamten in den Häuserkampf zu ziehen und dabei womöglich eigene Leute zu opfern. Was für eine furchtbare Entscheidung. Stattdessen überließ sie dem Mob zumindest vorübergehend das Viertel – bis endlich Spezialkräfte zur Terrorabwehr zu Hilfe eilten. Dass die nötig waren, sagt alles über die Bedrohung für die Polizisten.

Wenn das aufgeregte Scherbengericht dieser Tage endet und die politische Aufarbeitung von G20 in Hamburg in den parlamentarischen Gremien beginnt, muss es auch um die Frage nach der Toleranz gegenüber Straftätern gehen. Jahrelang wurden hier rechtsfreie Räume geduldet. Die Polizei hat ein Recht darauf, dass das endlich endet.