Erinnerungen an die HÖLLE

Ein kleines Mädchen wird missbraucht, gefoltert, für satanistische Rituale abgerichtet. Seine Psyche spaltet sich in mehrere Persönlich- keiten - ein Selbstschutz. Erst die erwachsene Frau beginnt, ihre Angst in Bildern zu verarbeiten, sucht nach Beweisen und Tätern. Liz Wieskerstrauch drehte einen Film darüber. Hier erzählt sie die unglaubliche Geschichte von NICKI.

Liz Wieskerstrauch

Nicki suchte den Kontakt zu mir, nachdem sie meinen ersten Film über eine multiple Persönlichkeit gesehen hatte. Die Frau in diesem Film musste schon als Kleinkind extreme seelische und körperliche Schmerzen ertragen, sogar Todesangst. Sie hat sich wie Nicki in viele innere Persönlichkeiten aufgeteilt, um all dies zu überleben und auszuhalten; aber sie konnte ihre Erinnerungen nicht zu einem Gesamtbild zusammenfügen, konnte die Täter nicht nennen - also keine Anzeige.

Nicki will mehr, das begreife ich bald. Nach gut zehn Jahren Traumatherapie ist sie so weit: Sie will auf Spurensuche gehen und ihre Kindheitserinnerungen überprüfen. In vielen Gesprächen lerne ich eine Frau kennen, 40 Jahre alt, die mit beiden Beinen im Leben steht, trotz anerkannter Schwerbehinderung einen vollen Arbeitstag leistet, verheiratet ist und einen gut funktionierenden Freundinnenkreis hat.

Nach und nach lerne ich manche ihrer "Innenpersonen" kennen: Gina mit der tiefen Stimme. Sie ist ungeduldiger als Nicki und kann auch wütend werden. Früher hat sie sich oft selbst verletzt. Gegen die Täter hat sie sich immer gewehrt. Oder Nele, etwa acht Jahre alt, die wie ein Kind spricht, spielt, gern nascht, vorlaut ist und nicht erwachsen werden mag. Sie reden in der Mehrzahl von sich. An das "Wir" gewöhne ich mich, ich formuliere meine Fragen ebenfalls im Plural: "An was erinnert ihr euch genau?" Nicki erzählt mir noch von anderen Innenpersonen; einige fühlen sich selbst als Mann, doch die zeigen sich erst später.

Kann man so etwas glauben? Mit der Frage wird man konfrontiert, sobald man sich auf ein solches Thema einlässt. Ich frage: Kann man so etwas vorspielen? Ein psychiatrisches Gutachten von 1987 bestätigt Nicki die multiple Persönlichkeitsspaltung auf Grund sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Eine Diagnose, die unter Medizinern nicht umstritten ist, aber in der Öffentlichkeit unheimlich wirkt.

Mit einem kleinen Filmteam machen wir uns auf den Weg nach Gütersloh, wo Nicki als Kind gelebt hat. Sie hat alle ihre Unterlagen und Tagebücher dabei und zeigt uns die Bilder, die sie in der Therapie von ihrer Kindheit gemalt hat: bedrohliche Szenen mit Schlangen, Masken und Kutten, satanistische Symbole, Friedhöfe, Burgen, Wälder. Todesangst ist in den Bildern spürbar.

Knapp zwei Wochen sind wir mit der Kamera auf Spurensuche. Bild für Bild setzen sich Nickis Erinnerungen zusammen, mal sehr genau, mal verschwommen, mal in sich logisch, mal widersprüchlich. Sie erzählt, dass sie sich an keine Zeit erinnern kann, in der Missbrauch und Quälerei nicht stattgefunden hätten. Vermutlich ist sie in den Kult hineingeboren worden. Die Mutter hat alles gewusst, mehr noch, sie hat mitgemacht. Sie hat ihre eigene Tochter verkauft, für sadistische Sexualpraktiken, für Pornoaufnahmen.

Sie und Nickis Stiefvater haben das Kind für den rituellen Missbrauch abgerichtet: Ekeltraining mit Kot und Ungeziefer schon als Säugling, Entzug von Essen, Trinken und Schlaf, einsperren im Dunkeln über lange Zeiträume, im Wald aussetzen, von Brücken kopfüber nach unten ins Wasser tauchen, ein bisschen ertrinken, lebendig begraben, ein bisschen sterben, schließlich Folterungen. Dabei sind neue Innenpersonen entstanden, die den Tätern hörig zu sein haben. Und immer wieder sexueller Missbrauch in kleinen und großen Gruppen, niemals Liebe und Zuneigung. Therapeuten sprechen von Konditionierung, Programmierung, Gehirnwäsche. Programmiert ist auch die Drohung der Täter: Wenn du etwas verrätst, rächen wir uns.

Gina ist es, die sich genau erinnert und uns alles erzählt, obwohl sie Angst vor der Rache der Täter hat. Sie sucht Beweise, sie zeigt uns die Plätze, den Wald, den Tümpel im Naturschutzgebiet, wo sie lernen musste, Tiere zu töten. Sie sucht ein Hochhaus am Stadtrand, in dem sie immer wieder missbraucht wurde. Vor Ort hat sie Erinnerungsschmerzen, ein deutlicher Hinweis, dass es dort gewesen sein muss. Therapeuten bestätigen, dass sich der Körper an traumatische Ereignisse erinnern kann. Gina führt uns auf den Friedhof, wo sie magische Rituale und Schwarze Messen erleben musste. Hier ruht ihre Mutter. Verzeihen mögen ihr weder Gina noch Nicki, noch die kleine Nele, die jetzt auftaucht. Aber sie hassen sie auch nicht.

Nicki und Gina haben Orte vor ihrem inneren Auge, Burgen und Ruinen spielen immer wieder eine Rolle - aber wo? Wir suchen weiter. Es ist die Iburg, eine Ruine, wo Nicki plötzlich heftige Erinnerungsschmerzen am Knie bekommt. Und plötzlich ist Burkhard da, eine männliche Innenperson, die sehr selten erscheint. Er sagt, es seien seine Erinnerungen und seine Schmerzen: Man habe ihm damals das Knie zerschmettert. Kann das sein? Eine Narbe hat Nicki da noch. Später begleiten wir sie zum Röntgenologen. Ein Bruch ist nach über 30 Jahren nicht mehr erkennbar. Kein Wunder, sagt der Arzt, Brüche verheilen bei Kindern so gut, dass Röntgenbilder Jahre später nichts mehr zeigen.

Wir wissen, wo Nickis Stiefvater wohnt und wie er heißt, dürfen - ohne Beweise - den Namen nicht nennen, das Haus nicht zeigen. Wir drehen trotzdem in der Barackensiedlung, ohne Nicki, aus Sicherheitsgründen. Ein Polizist hat erzählt, dass es dort mal eine Schießerei gegeben hat, seitdem erscheine die Polizei hier nur noch mit schusssicheren Westen. Eine offizielle Bestätigung dieser Aussage erhalten wir nicht.

Wir sehen Vorgärten mit Blumen, Zwergen, Keramikprinzessinnen, hinter Gardinen versteckte Köpfe. Kläffende Hunde, Müllhalden, kaputte Autos, vollgehängte Wäscheständer, spielende Kinder, im Schlafanzug mitten am Tag, die Hose voll, das Auge blau, Beulen und Schrammen auf der Stirn. Ist dies heute noch ein Ort der Gewalt?

Mit 14 hat Nicki ihren Stiefvater angezeigt. Er wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt - wegen sexuellen Missbrauchs. Aber das, was sie vom Kult erzählte, hat man dem Kind damals nicht geglaubt. Von ihren Halbbrüdern vermutet sie, dass die im Laufe der Zeit von Opfern zu Tätern geworden sind. Alle anderen Täter haben sich hinter ihren Masken und Kutten verborgen.

Wird man ihr heute glauben? Nicki und ihre Innenpersonen überlegen, erneut Anzeige zu erstatten. Sie beraten sich bei einer Anwältin, Heidi Saarmann, Expertin für Gewaltopfervertretung. Ob man Multiplen glaubt, ist durchaus fraglich, sagt die Anwältin, es komme auf das psychologische Gutachten an. Im Übrigen seien sämtliche Gewaltakte nach 25 Jahren verjährt.

Tötungsdelikte aber werden heute noch verfolgt. Nicki hat auch Kindstötungen erlebt, ja. Heidi Saarmann zweifelt nicht daran, dass dies möglich ist. Zu viele Mandantinnen aus dem ganzen Bundesgebiet haben ihr ähnliche Horrorszenarien geschildert. Bundesweit, wohlgemerkt. Dann sagt sie den Satz, der Nicki und ihre Innenpersonen überzeugt: Stand up for your right. Und: Was die Justiz letztlich daraus macht, liege nicht mehr in Nickis Verantwortung.

Kindstötungen. Wir fahren Richtung Paderborn. In der mittelalterlichen Wewelsburg zeigt sich zum ersten Mal Tony, eine jugendliche Innenperson. Er führt uns in die Räume, die in der NS-Zeit von der SS als Kultstätte ausgebaut wurden. In der Gruft erzählt er, wie die Kinder für das Ritual vorbereitet wurden, mit Blut, Gesang, Symbolen, Spritzen.

Der Museumsdirektor der Burg erklärt uns später, der Turm mit den Kulträumen sei erst seit 1982 öffentlich zugänglich. Vor ein paar Jahren sei tatsächlich eine Menschengruppe in die Gruft eingebrochen, sie hätten Kerzen und Tücher mit satanistischen Symbolen hinterlassen. Ob es Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre möglich war, in diese Räume zu gelangen, weiß er nicht.

Im so genannten Obergruppenführersaal geschieht Unglaubliches. Tony vertraut mir alles an. Bei laufender Kamera sagt er, dass er und auch andere Innenpersonen als Kind gezwungen wurden, Kinder zu töten. Man habe ihm den Dolch in die Hand gedrückt, die Hand geführt. Man habe auch kurz nach der eingeleiteten Geburt das eigene Baby töten, das Herz herausschneiden und essen müssen.

Kann man das glauben? Andere Opfer bestätigen genau dieses grausame Ritual. Eine Gebärmutter, um eine Schwangerschaft zu bezeugen, hat Nicki nicht mehr, sie wurde ihr wegen zahlreicher Muttermundvernarbungen herausoperiert.

Kann es sein, dass ein Kind, dreizehn Jahre alt, unbemerkt eine Schwangerschaft austrägt? Damals sei sie schon viele Wochen vor den Sommerferien nicht mehr zur Schule gegangen, erinnert sich Nicki. Ihre Zeugnisse aus jener Zeit zeigen besonders schlechte Noten. Sie schafft die nächste Klasse nicht und wird in eine Sonderschule versetzt, erst rückwirkend im Juli, dann doch erst zum Ende August. Erklärungen in der Schule bekommen wir nicht. Achselzucken, es ist fast 30 Jahre her.

Aber eine Lehrerin erinnert sich sehr wohl an das Kind, das auffallend selbstmordgefährdet war. Ob sie etwas von dem Missbrauch weiß? Durch den Stiefvater, ja. Auch von rituellem Missbrauch? Satanismus? Ganz dunkel erinnert sie sich, dass Nicki damals so etwas erwähnt hat. Aber auch diese Lehrerin hat es nicht ernst genommen.

Am Ende der Dreharbeiten erstattet Nicki Anzeige. Sie und ihre Innenpersonen überwinden die Angst vor Rache. Einen Tag nach der Ausstrahlung von "Höllenleben" beginnen die Ermittlungen der Polizei wegen der Kindstötungen.

Drei Tage später sind gut 60 Zuschriften beim NDR eingegangen, fast alle an Nicki gerichtet: voller Entsetzen, Anteilnahme, Respekt und Dank. Und mehrere mit dem Hinweis: Jetzt weiß ich endlich wieder, wofür ich Gebühren bezahle. Alle glauben Nicki. Ob die Ermittlungen zu einer Anklage führen oder nicht, Nicki kann abwarten. Sie hat anderen Opfern Mut gemacht, das Schweigen zu brechen. Auf der Wewelsburg hat eine weitere Frau dieselben Greuel bestätigt und Anzeige erstattet. Andere sind kurz vor diesem Schritt, führen schon erste Gespräche. Auch in anderen Bundesländern, auch in Niedersachsen und Hamburg. Je mehr Opfer Anzeige erstatten, desto wahrscheinlicher wird die dringend nötige bundesweite Sonderkommission eingerichtet. Erst dann hat die Polizei eine Chance.

Nickis Stiefvater wurde verurteilt - wegen sexuellen Missbrauchs. Aber was sie von dem Kult erzählte, hat man dem Kind damals nicht geglaubt.