HOCHSEEFISCHER - Die Männer der "Hannover". Vor der Küste Grönlands. Sie leben für den Fisch, sparen für das eigene Haus.

Fette Beute aus dem Atlantik

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Rolf Zamponi und

Andreas Laible (Fotos)

Nachmittags, gegen 15.40 Uhr, brennt das Schiff. Das Feuer ist im Maschinenkontrollraum ausgebrochen, wo die Ingenieure die Sechs-Zylinder-Maschine per Computer überwachen. Vielleicht gab es einen Kurzschluss. Als Erster riecht es Netzmacher Carlos Cravo Marques. Er tippt auf Schweißarbeiten. Oben an Deck ist nichts zu sehen. Plötzlich jedoch heulen Feuersirenen auf, ausgelöst von Rauch- und Hitzedetektoren. Zwei Treppen tiefer steigt Qualm aus der Maschinenzentrale. Carlos knallt die Tür hinter sich zu, läuft hinauf zur Brücke, zum Kapitän. "Mensch Friedhelm, wir haben Feuer an Bord." Es ist der 14. Mai 2000. Das Fischerei-Fabrikschiff "Hannover" liegt vor der Küste Ostgrönlands. Während Kapitän von Staa unter Atemmaske die Reederei informiert, muss die Mannschaft von Bord. Es herrscht schlechtes Wetter. Windstärke acht und hohe See aus Nordost.

Sie haben noch Glück. Der grönländische Trawler "Polar Naturalic" (übersetzt: Polar-Adler) ist in der Nähe. Die Männer können mit einem Boot hinüber. Nur der Kapitän bleibt während des fünftägigen Schlepps nach Island an Bord. Dort übernimmt ein Hochseeschlepper das Schiff für die Fahrt zu einer Spezialwerft in Norwegen. "In Rekordzeit von sechs Wochen waren wir wieder einsatzbereit", erinnert sich von Staa. Aber einen Brand auf See vergisst kein Fischer.

"Ein Feuer reicht", sagt Schiffskoch Uwe Kristen, als es an diesem Morgen wieder losgeht. "Lasst uns zur Brücke hoch und sehen, was los ist." Uwe ist bei dem Unglück 2000 einer der Besonnensten. Er flößt Männern, die zu viel schwarzen Rauch eingeatmet haben, Milch ein. So selbstverständlich, wie er jeden Monat 3500 Hefebrötchen backt oder morgens vor sechs Uhr zum Wachwechsel die Hungrigen in breitem Hamburgisch begrüßt.

Als Uwe oben die Tür öffnet, sitzt der Kapitän neben dem Elektriker. Es gibt Probleme mit neuen Sensoren. Fehlalarm. Aber der Blick des Chefingenieurs, der die Treppe hinaufkommt, spricht Bände. Angst hat Frank Körk nicht. Aber die Erfahrung von mehr als 30 Jahren lehrt ihm, was Feuer bedeuten kann.

So eng zusammen, so angewiesen aufeinander, sind Menschen selten. Nicht nur Leben, Gesundheit und der Ablauf des Alltags hängen vom Team ab, sondern auch der Verdienst und damit die Möglichkeit, sich an Land etwas aufzubauen. Neben den Grundheuern hat die Cuxhavener Reederei Deutsche Fischfang-Union (DFFU) mit der Gewerkschaft ÖTV Fangprämien vereinbart. Sie liegen zwischen knapp 0,4 und 0,88 Prozent vom Umsatz.

"Wenn eine Reise mehr als eine Million Mark bringt, hat man gut verdient", nennt Alexander Boje die Faustformel. Für den 20-jährigen Matrosen erhöht sich bei einer Erlösbeteiligung von 0,5 Prozent der Lohn einer gut 20-tägigen Reise um 5000 Mark. Alexander Boje will aber mehr. Nach vier Jahren Fahrenszeit will er das Offizierspatent machen und "nach oben, auf die Brücke".

Auch Carlos soll noch aufsteigen, vom Netzmacher zum Bestmann, dem Chef auf dem Fangdeck. "Friedhelm hat das gesagt und dann muss man das machen", sagt Carlos. Seit Jahren fahren die beiden zusammen. Der Portugiese, der Deutsch stets in der Mehrzahl spricht, gehört zu den Männern, die ganz weich wirken, wenn sie von ihrer Frau Rosa oder der jüngsten, wenige Monate alten Tochter sprechen. Das steht in merkwürdigem Kontrast zu den muskelbepackten Armen und der "Sucht nach Fisch", der Plackerei auf See.

Den Spanier Laureano Zillmann hat selbst ein Unfall und die zerschundene Wirbelsäule nicht an Land gebracht. Nach 18 Monaten zum Teil im Krankenhaus Boberg steigt er wieder ein. Jetzt will sich der Vormann in der Fabrik zum Baader-Meister weiterbilden, einem Spezialisten für Fischverarbeitungsmaschinen.

Carlos und Laureano sind vor knapp 20 Jahren nach Deutschland gekommen, weil es daheim zu wenig Arbeit und zu wenig Lohn gab. Inzwischen sind ihre Häuser in der Heimat bezahlt. Carlos ist dazu stolzer Besitzer eines 100 000 Quadratmeter großes Seegrundstücks. Im Urlaub übernachtet er dort manchmal - und angelt. Genauso gern wie Laureano in Vigo, wo er eines Tages wieder leben will. "Vielleicht", hofft der Vormann, der seine elfjährige Tochter spanisch lernen lässt, "wird sie einmal ihren Beruf in Spanien lernen."

So weit denkt der 1. Offizier Sascha von Staa noch nicht. Den Sohn des Kapitäns fesselt die "Faszination der Fischerei. Man fährt raus, muss jagen und weiß nicht, was geschieht." Zu Hause, selbst in Cuxhaven, werde er "oft wie ein Exot behandelt". Solche Neugier genießt er.

130 000 Mark verdient Sascha bei der DFFU. Mit seinen 29 Jahren wird er international umworben. Sicher könnte er ins Ausland gehen. Doch er würde zu gern bei der DFFU bleiben - als Kapitän. "Ich denke nicht, dass es noch lange dauern wird", sagt er selbstbewusst. Junge Offiziere, das weiß Sascha, sind begehrt. So wie die Erfahrung der Älteren.

Seit 24 Jahren fährt Frank Körk nun als Chief. Der gebürtige Bremer arbeitete als Schlosser bei mehreren Bremer und Bremerhavener Werften, bevor er 1969 Seemann wurde. Genau ein Jahr nach seiner Hochzeit. Seine Frau und die drei Kinder tragen sein Leben mit. Nur einmal, als Frank in die USA auswandern will, bremst ihn Ehefrau Brigitte.

Frank bleibt bei der DFFU, kauft 1989 ein altes, reetgedecktes Bauernhaus und saniert die 600 Quadratmeter. Franks Sohn wird sich dort als Dachdeckermeister selbstständig machen. Die Tochter, die in Bremerhaven studiert, will "gar nicht weg von zu Hause", sagt Frank. So, als ob das selbstverständlich wäre. Ruhig und abgeklärt wirkt er dabei.

Wie haben Frau und Kinder ihn erlebt, wie hat er ihnen über die Jahre hinweg Beistand, Tipps geben können? "Das lief", sagt Frank und stapelt dabei noch tiefer als die fast 400 Meter Wasser unter dem Kiel der "Hannover".

Der dritte und letzte Teil der

Serie erscheint morgen.

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