Als Schnapskugeln noch das Licht spendeten

SERIE Sie sind das Gedächtnis ihrer Dörfer, Gemeinden und Städte: die Archivare. Und sie hegen alle den gleichen Traum, den vom eigene Museum.

Heike Linde-Lembke

Ellerau

Werner Wrage hat, wovon andere ehrenamtliche Archivare nur träumen - ein eigenes Museum. Der Anbau am Bürgerhaus beherbergt alles, was das Herz eines leidenschaftlichen Sammlers und Bewahrers vergangener Epochen höher schlagen lässt. Das Heimatmuseum hat der Ort seinem Nachbarn Quickborn zu danken, denn als der dort ansässige Drogist Karl Rautenberg seine umfangreiche Sammlung den Eulenstädtern anbot, winkten sie nur ab. Rautenberg fragte in Ellerau an, und Alt-Bürgermeister Emil Schmelow ließ sich die Chance nicht entgehen. Im Februar 1988 wurde der Heimat- und Museumsverein gegründet, um das Museum zu bauen. 1990 wurde es eingeweiht und nach Karl Rautenberg benannt.

1990 übergab Wrage sein 1956 gegründetes Baugeschäft an seinen Sohn Jens. "Mehr als 40 Jahre hatte ich mit den Menschen in Ellerau gelebt. In diesen 40 Jahren ist mir die Geschichte der Region ans Herz gewachsen, und jetzt endlich konnte ich mich ganz meinem Hobby widmen", erinnert er sich.

Schon während seiner Berufstätigkeit hatte der Mann sein Ohr im Dorf, hatte als selbstständiger Maurermeister Zugang zu den Häusern, zu Kellern und Speichern. Und legte vor allem auf alles, was seine Auftraggeber weggeputzt haben wollten, sofort den Daumen: Ab ins Archiv, ins Magazin.

"Dat güng so wiet, dat de Lüüd seggt hebbt: ,Pass op, de Wrage is in 't Huus, dat de nix mitnehm' deit'", gesteht Wrage. Seit März 1992 ist er zweiter Vorsitzender des Vereins, leitet das Museum, führt Besuchergruppen wie Schulklassen und organisiert neue Ausstellungen. Ihm stets aktiv zur Seite: Ehefrau Karla.

Die Stunden zählt er genauso wenig wie seine ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen. Anregungen für neue Ausstellungen holt er sich auch vom Museumsverband Schleswig-Holstein. "Wenn ich in andere Dorf-Museen gucke, ist das wie ein Blick in eine prall gefüllte Pralinenschachtel, dann frage ich immer: ,Hest dat duppelt?'", plaudert er vergnügt. Welche Sonderschau demnächst zu sehen sein wird, verrät er nicht genau. Vielleicht Omas Schürzen? Oder eine Zinnsammlung? Oder altes Gebrauchsgeschirr? Steht eine neue Sonderschau an, dann gehen viele der 80 Vereinsmitglieder auf Stöbertour. Sicher ist die Adventsausstellung. Sicher ist auch eine Bilderschau mit Arbeiten der Hobbymaler Emil Schmelow und Gerhard Knust. "Wir müssen immer neue Museums-Magnete finden" weiß Wrage. Dabei hat er ausgesprochene Raritäten in seinem Kabinett.

Die ältesten Stücke sind eine vom Torfmodder konservierte Eichenbohle aus dem Norderstedter Wittmoor, 500 v. Chr., eine Hochzeitstruhe von 1640, ein 250 Jahre alter Webstuhl. Und dann die Schusterkugeln. "Eine absolute Rarität, auf die bin ich besonders stolz", freut sich Wrage über den Coup, die raren Lichtspender mit der Schnapskugel in der Mitte errungen zu haben. Alle Stücke werden genau katalogisiert.

"Bei unseren Sonderschauen achten wir darauf, dass die Dinge in ihrer Funktion gezeigt werden, dass auch das kleinste Detail in der Stube stimmt", verrät er sein Konzept. Da stört auch kein Stäubchen die Harmonie, die kleinen Tischdecken sind gestärkt und gebügelt, bestes Kristall glänzt im Büfettschrank. Im Ellerauer Museum gibts Geschichte zum Anfassen. Dank Wrage und seinen Helfern.

"In 40 Jahren ist mir die Geschichte der Region ans Herz gewachsen, jetzt endlich kann ich mich ganz meinem Hobby widmen." Werner Wrage

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