Brunelleschis Ei, das Wunder von Florenz

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ARCHITEKTUR Wie die schönste Kuppel der Welt entstand.

Angelika Linden

Hamburg

Er war überheblich, misstrauisch und intrigant - ein unangenehmer Zeitgenosse. Aber er war auch ideenreich, erfinderisch und genial - ein überragender Konstrukteur und Baumeister: Filippo Brunelleschi, der Mann, der ein Wunder vollbrachte und eine Kuppel baute, die bis heute einzigartig ist auf der Welt: Santa Maria del Fiore in Florenz.

Wie die schönste Kuppel der Welt entstand, beschreibt der Kanadier Ross King in seinem Buch "Das Wunder von Florenz". Eine akribisch recherchierte Geschichte über eines der größten Wagnisse der Architekturgeschichte. Spannend wie ein Roman. Am 19. August 1418 schrieben die Bauherren des Florentiner Doms einen Wettbewerb aus. Die cupola sollte ohne Strebepfeiler errichtet werden und achteckig sein. Mit einem Durchmesser von 44 Metern würde sie sogar das römische Pantheon übertreffen, den damals seit 13 Jahrhunderten größten Kuppelbau der Welt. Wie Brunelleschi sich schließlich gegen seinen Intimfeind Lorenzo Ghiberti - Schöpfer der Bronzetüren des Dom-Baptisteriums - durchsetzte, ist an sich schon ein Roman für sich. Brunelleschi jedenfalls überraschte die Auftraggeber, die Opera del duomo, mit einem ungeheuerlichen Vorschlag: Seine Kuppel sollte aus Ziegeln gemauert werden und ohne stützendes Gerüst entstehen. Es gab nämlich in ganz Europa keine Bäume, deren Stämme lang genug dafür wären.

Er schlug den Domherren eine Wette vor: Wer es schafft, ein Ei aufrecht auf eine Marmorplatte zu stellen, der sollte die Kuppel bauen. Nachdem dies keinem Mitbewerber gelungen war, schlug Brunelleschi das Ei so auf die Platte, dass eine kleine Kuppel stehen blieb.

"Ihr hättet auch gewusst, wie man eine cupola bauen kann, wenn ihr meine Pläne gekannt hättet", beschied der Meister seine protestierenden Konkurrenten. So ist das berühmte, aber spätere "Ei des Kolumbus" eigentlich ein "Ei des Brunelleschi". Das Ei war mehr als ein Trick, es war Inspiration. Der Architekt orientierte sich an den Druckverhältnissen - es ist unmöglich, die dünne Schale zwischen den beiden Enden mit einer Hand zu zerbrechen.

Seine Erkenntnisse behielt er aus Furcht, andere könnten ihm auf die Schliche kommen, bei einer technischen Besprechung so stur für sich, dass er einmal aus dem Sitzungssaal der Opera geprügelt wurde. Brunelleschi machte weiter. Und wie: Der Mörtel, der seinerzeit in Florenz benutzt wurde, trocknete viel zu langsam, um ein so gigantisches Bauwerk errichten zu können - Brunelleschi entwickelte einen schnell trocknenden. Es gab noch keine Aufzüge - immerhin mussten Baumaterialien mit einem Gesamtgewicht von 20 000 Tonnen bis auf 90 Meter Höhe gehievt und abgesetzt werden - Brunelleschi erfand einen. Es gab keine Drehkräne - Brunelleschi konstruierte einen. Die Erfindung diesescastello wurde lange Zeit Leonardo da Vinci zugeschrieben. Doch der hatte das Gerät nur abgezeichnet: Noch lange nach Brunelleschis Tod stand diesercastelloan der Dombaustelle und wurde auch beim allerletzten Schritt des Kuppelbaus eingesetzt, der Montage der Bronzekugel auf der Spitze der Laterne in 105 Meter Höhe.

Die Wandstärke der inneren Kuppel sollte sich verjüngen, von 3,50 Meter am Fuß auf zwei Meter im oberen Teil, die innere sollte unter einen Meter und oben 40 Zentimeter stark sein. Um das Gewicht zu verringern, ließ Brunelleschi den unteren Teil der beiden Schalen nicht aus Ziegeln, sondern aus leichtem Kalksandstein errichten.

Der eigentliche Geniestreich des Baumeisters bestand jedoch darin, dass er in die Kuppel ein Skelett, ein Rippengewölbe aus neun horizontalen "Ringen", Ketten aus Sandstein im Verbund mit Holzbohlen, einbaute, die in vertikalen Abständen von etwa 2,40 Meter um die ganze Kuppel herumführen und so den Druck gleichmäßig wie das Hühnerei auffingen und verteilten. Dies wurde erst kürzlich von einem britischen Bauingenieur entdeckt.

Als 1426 die Wandung den kritischen Winkel von 30 Grad erreichte, kam Brunelleschi auf eine neue Idee: Er ließ spezielle Ziegel brennen. Manche waren dreieckig, andere hatten Verzahnungen, wieder andere hervorstehende Ränder, und dann gab es welche, die so geformt waren, dass sie in die Ecken des Oktogons passten. Es war ein Fischgrätenverbund, ein steinernes Netz, das in sich hielt, um den Mörtel zu entlasten. Acht Maurertrupps zogen jeweils eine Seite des Oktogons gleichzeitig in die Höhe. Dann wurde ein Ring aufgelegt. Die Kuppel wuchs jeden Monat um etwa 30 Zentimeter. Dabei waren die schon fertigen Teile so stark, dass oben eine Kantine eingerichtet werden konnte. Die Bauarbeiter brauchten zur Siesta nicht mehr aufwendig auf- und abzusteigen. Außerdem wurde dort kein Wein ausgeschenkt.

1435 wurde der letzte Ring des Skeletts gelegt. Doch damit war die Kuppel noch nicht fertig, die äußere Schale musste noch mit Ziegeln aus Terrakotta gedeckt werden, was zwei weitere Jahre beanspruchte: Am 30. August 1436, genau 16 Jahre und zwei Wochen nach Baubeginn und 140 Jahre nach der Grundsteinlegung des Doms, wurde die Kuppel vom Bischof von Fiesole eingesegnet.

Den krönenden Abschluss, die Laterne, hat Brunelleschi nicht mehr erlebt. Er starb am 15. April 1446 im Alter von 69 Jahren. Das höchste Lob für sein Meisterwerk kam später aus dem Mund eines stolzen Kollegen: Michelangelo, der die Kuppel des Petersdoms in Rom geschaffen hat, urteilte über den großen Florentiner: "Ich kann zwar eine Kuppel bauen, die der Filippos gleichkommt - aber keine, die schöner ist."

(Ross King: "Das Wunder von Florenz", Albrecht Knaus Verlag, 256 Seiten, 32 Mark.)

Michelangelo lobte: "Eine schönere Kuppel kann ich nicht bauen."

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