Der Geist der Habsburger

Hobbys kennt Markus Lutterotti nicht. Wenn überhaupt, dann nur seinen Auftrag. Wiens Mann in Berlin ist ein Pfeife rauchender Vollblutdiplomat, der in erster Linie eins sein möchte: Österreichs Botschafter. Genau der Beruf, der ihn im vergangenen Jahr erstmals geschmerzt hat - als die EU und damit auch Deutschland seine Heimat wegen des rechtspopulistischen Jörg Haider mit Sanktionen belegte.

Leicht hatten sie es wahrlich nicht im vergangenen Jahr, die österreichischen Diplomaten in den EU-Staaten. Die Nase hat man gerümpft über diese ungezogenen Alpenländler, die da einfach einen Haufen offensichtlich Ewiggestriger mit in die Regierung gewählt haben - die Haider-Partei FPÖ nämlich. Mit Missachtung und Abscheu wurden die Gesandten aus Wien bedacht. Und einer hatte besonders zu leiden. Markus Lutterotti, Österreichs Mann in Berlin. Denn, bittschön, gerade die Deutschen hätten doch auf Grund der intensiven Beziehungen zum gleichsprachigen Nachbarn aus demselben Kulturkreis am besten wissen müssen, dass das Gerede von der rechtsgerichteten Gefahr aus Österreich Unsinn sei. Aber das würde der Botschafter so natürlich nie sagen.

Stattdessen spricht Lutterotti von "undifferenzierter Betrachtung", von "leichtfertiger Generalisierung", von "einseitigen Maßnahmen zum Nachteil der europäischen Idee". Der Mann im eleganten dunklen Dreireiher und einer randlosen Brille auf der Nase, die wie ein Sahnehäubchen auf seiner intellektuellen Aura wirkt, kann die persönliche Kränkung nicht kaschieren. Da helfen auch die Reflexe seiner 35 Diplomaten-Jahre nichts. Die Quarantäne, wie er die Zeit der Sanktionen der EU gegen sein Land bezeichnet, haben den studierten Juristen verletzt.

Denn Doktor Lutterotti ist Europäer durch und durch. "Wie auch die Österreicher überzeugte Europäer sind", sagt er, das hätte das überwältigende Votum der Bevölkerung bei der Abstimmung zum EU-Beitritt doch gezeigt. "Österreichs Geschichte ist eine europäische Geschichte", erklärt er weiter. "Wir waren immer übernational, ein Schmelztiegel der Kulturen, der die Völker über die Grenzen hinweg zusammenführte."

Der Geist des Habsburger Reichs durchweht bei diesen Worten Lutterottis Amtsstube. Er weht dabei auch an zwei historischen Karten vorbei, die die Wand hinter seinem Schreibtisch schmücken: Die eine zeigt Tirol, als es noch nicht zwischen Österreich und Italien geteilt war, die andere die von Polen bis weit in den Balkan reichende Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn. Damit möchte er allerdings nicht den Hang zu monarchistischer Nostalgie demonstrieren, sondern vielmehr, dass er von nationalstaatlichem Denken wenig hält und sich stattdessen vielmehr für das europäische Ganze erwärmt.

Es hat "sehr weh getan", was da vergangenes Jahr passiert ist, meint der Botschafter. "Ich habe das auch persönlich nicht verstanden - dass man österreichische Botschafter plötzlich auf höherer Ebene nicht mehr empfangen wollte. Der Botschafter vertritt ja nicht nur die Regierung, sondern das ganze Land." Und mit der Nichtachtung der Botschafter habe man doch gleichzeitig alle Österreicher getroffen. Vieles sei schon recht seltsam und unbedacht verlaufen, sagt Lutterotti, ein Bein übers andere verschränkt und dabei an seiner Pfeife schmauchend.

Die sind übrigens seine Leidenschaft. Am liebsten zieht er an den Peterson-Pfeifen aus Irland - dem Land, aus dem die Vorfahren seiner Frau stammen. Die kleinen Nasenwärmer sind gebogen und passen offenbar bequem in die Sakkotasche. "So habe ich auf Empfängen immer eine gestopfte Pfeife dabei und muss nicht die ganze Ausrüstung mitschleppen", schmunzelt er. Die diversen Pfeifen, die er mal zu Hause, mal im Büro verteilt hat, stopft er übrigens mit mildem dänischen Tabak. "Die englischen Tabake sind mir zu stark", sagt er und wedelt dabei mit der Rechten, wobei Daumen und Zeigefinger eine dieser Peterson-Pfeifen umklammern.

Der Privatmensch Lutterotti unterscheidet sich übrigens nicht sehr vom Botschafter Lutterotti. Seine privaten Vorlieben fügen sich im Großen und Ganzen in seine Berufung als Vermittler österreichischer Interessen im Ausland. Er studiert leidenschaftlich gerne Kultur und Geschichte der Länder, in denen er sich aufhält, versucht, die Unterschiede und Parallelen zu seiner Heimat zu erkennen.

Wien und Berlin seien sich sehr ähnlich, hat er in den zwei Jahren festgestellt, die er nun schon in der neuen deutschen Hauptstadt lebt und arbeitet. "Es gibt da eine regelrechte Seelenverwandtschaft, was das Multikulturelle und das Kosmopolitische angeht", sagt Lutterotti. "Man fühlt sich wegen des aufgeschlossenen und weltoffenen Klimas als Österreicher sehr wohl - denn in Wien ist es auch so."

Apropos Wien. Da wurde der Vater von vier erwachsenen Söhnen - einer ist auch Diplomat geworden - 1941 geboren, obwohl er doch aus einer eingesessenen Tiroler Familie stammt und sich auch als solcher versteht. "Nun ja", räumt Lutterotti verlegen ein, "jeder hat einen schwarzen Punkt im Leben." Man muss wissen: Die Tiroler und die Wiener - das passte noch nie so recht zusammen. Die einen schimpfen seit Urzeiten über die "Großkopferten" aus der Hauptstadt, die die sauer verdienten Tourismus-Milliarden wieder zum Fenster rauswerfen, die anderen rümpfen seit jeher über die Bauern aus der Provinz die Nase, die doch vom Weltenlauf keine Ahnung haben.

Solche Klischees werden auch heute noch gerne gepflegt. Selbst Österreichs Mann in Berlin, der auf dem wichtigsten Botschafterstuhl sitzt, den Österreich im Ausland hat, macht da seine Scherze. Übrigens sehr zum Verdruss des Generalkonsuls in Berlin - der ist nämlich Wiener. "Ich wuchs zwar in Wien auf, weil mein Vater dort eine Klinik leitete", sagt Lutterotti, "doch in den Ferien fuhren wir stets heim nach Innsbruck."

Diese ersten Jahre nach dem Krieg, als Österreich in vier Besatzungszonen eingeteilt war, prägten die politische Sicht des Diplomaten. "Immer wenn wir von Wien nach Innsbruck fuhren, mussten wir die Besatzungszonen passieren", erinnert er sich. "Wir hatten stets Angst, dass etwas schief gehen und die Familie getrennt werden könnte." Schon früh kam deshalb der Wunsch auf, Österreich frei, weltoffen und übernational zu sehen. "Deshalb beschloss ich auch, Diplomat zu werden."

Der Wunsch hat sich 1966, nach einem Jurastudium, erfüllt. Da trat er in den Dienst für sein Land ein, wurde gleich nach Paris geschickt. Anfang der 70er-Jahre verschlug es ihn dann das erste Mal nach Deutschland, nach Bonn. "Zu Deutschland habe ich aus diesem Grund eine sehr emotionale Beziehung. Zwei meiner Söhne wurden in dieser Zeit geboren. Meine Frau und ich fühlen uns hier sehr wohl."

Doch er kam auch herum in der Welt, war Stellvertreter des Botschafters in Indonesien, arbeitete sechs Jahre lang in Rom und kümmerte sich in den 70er-Jahren in der politischen Abteilung des Außenministeriums um die Politik zu Spanien und Griechenland. Einen der spannendsten Posten hatte er jedoch ab 1987 daheim in Wien. Da war er stellvertretender Leiter der Präsidentschaftskanzlei unter Kurt Waldheim. Jenem Präsidenten, der von den Vereinigten Staaten wegen angeblicher NS-Kriegsverbrechen auf die schwarze Liste gesetzt wurde.

"In dieser Zeit gab es einige Parallelen zum EU-Boykott", erinnert sich der Botschafter. Österreichs Vergangenheit im Dritten Reich stand plötzlich wieder auf der Tagesordnung der Weltpolitik - und die seines Präsidenten. "Auf Waldheim hagelte ein Trommelfeuer von Attacken und Beschuldigungen ein, trotzdem blieb er erstaunlich ruhig." Lutterotti erlebte seiner Aussage nach einen Präsidenten, der den Mitarbeitern immer sagte: "Ich ertrage das nur, weil ich mir keiner Schuld bewusst bin."

Nach einer Zeit als Botschafter in der Schweiz wurde Lutterotti schließlich 1998 nach Deutschland beordert. Den Dienstsitz Bonn hatte er gerade bezogen, da ging der Stress schon los: "Eine neue Regierung wurde in Deutschland gewählt, Österreich übernahm die EU-Präsidentschaft, kurz darauf folgte Deutschland, die Botschaft zog nach Berlin um, dann kamen die EU-Sanktionen - mir war nicht langweilig, des könnens mir glauben", sagt er und schmaucht wieder an der Pfeife.

Stress hin oder her, Lutterotti kann es nicht erwarten, im Sommer erneut umzuziehen. Denn dann wird das neu errichtete Botschaftsgebäude am Tiergarten eingeweiht. Übrigens nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der bis 1938 die österreichische Gesandtschaft stand. Er schwärmt von dem Neubau wie von einem Kunstwerk oder einer schönen Frau. "Das Haus wird die Architektur Berlins bereichern. Da können wir uns endlich entsprechend repräsentieren." Immerhin: Der Wiener Stararchitekt Hans Hollein legte dafür Hand an, schuf ein geschwungenes Eckgebäude mit einer viergeschossigen Eingangshalle. In Österreich wurde - typisch - aber erst mal rumgeraunzt, wieso so viel Geld für eine Botschaft ausgegeben wird. Lutterotti sagt: "Ein Land muss sich darstellen können. Im neuen Haus ist Platz für Empfänge und Kunstausstellungen."

Die Kunst ist eine Leidenschaft von ihm. In der knapp bemessenen Freizeit streift er gerne über Berliner Antiquitätenmärkte und suche nach Schmuckhaftem und Wertvollem aus der alpenländischen Heimat. Die eine oder andere Zeichnung oder ein historisches Gemälde hat er dabei schon gefunden. Wenn dann noch Zeit ist, radelt er draußen am Grunewalder Forst, wo er wohnt, auch mal gerne die 30 Kilometer zum Wannsee und zurück.

Und sonst so, Herr Botschafter? Hobbys? Fehlanzeige. Oder halt. Eigentlich gibt es doch eins: Botschafter, wenn man es recht bedenkt. Ein Pfeife rauchender Vollblutdiplomat, der seinen Auftrag als Berufung versteht. Und solange Markus Lutterotti damit zufrieden ist, kann den Landsleuten zu Hause und hier in Deutschland doch gar nichts Besseres passieren.

"Ich habe das persönlich nicht verstanden - dass man österreichische Botschafter plötzlich auf höherer Ebene nicht mehr empfangen wollte. Der Botschafter vertritt ja nicht nur die Regierung, sondern das ganze Land. Und mit der Nichtachtung der Botschafter hat man doch gleichzeitig alle Österreicher getroffen." Botschafter Markus Lutterotti

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