Ein schwerer Sturz im August 2000 kostete Radprofi Marcel Wüst die Karriere. Mit bewundernswerter Souveränität meistert der lebensfrohe Kölner sein Schicksal:

"Et hätt noch immer joot jejange"

ABENDBLATT: Herr Wüst, können Sie sich noch an die letzten Augenblicke vor Ihrem furchtbaren Crash am 11. August vergangenen Jahres in Issoire erinnern?

MARCEL WÜST: Ich weiß noch, dass ich bei herrlichem Sonnenschein gestartet bin und sich eine Vierergruppe abgesetzt hatte. Dann ist der Film gerissen.

ABENDBLATT: Können Sie sich das erklären?

WÜST: Das ist eine Schutzfunktion des Gehirns, habe ich mir sagen lassen. Sachen, die das Weiterleben dermaßen belasten würden wie die Bilder eines solchen Unfalls, werden ausgeblendet.

ABENDBLATT: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie zu sich kamen?

WÜST: Gebt mir irgendein Gefäß, ich muss gleich kotzen. Das war im Krankenwagen. Dort wollten sie mich intubieren, ich hatte mir den Schlauch aber immer wieder aus dem Hals gerissen. Bis sie mich festschnallten und das Procedere von vorn begann. Da verlor ich zum Glück wieder das Bewusstsein.

ABENDBLATT: Haben Sie inzwischen einmal Bilder von Ihrem Sturz gesehen?

WÜST: Nein, da bin ich auch nicht sonderlich scharf drauf.

ABENDBLATT: Ist inzwischen geklärt, wie es zu den schweren Verletzungen kommen konnte?

WÜST: Darüber gibt es nur Spekulationen. Der behandelnde Arzt in Frankreich meinte, ich müsse mit großer Wucht auf einen Gegenstand mit dem Durchmesser eines Flaschenbodens geprallt sein. Nur so sei zu erklären, dass der Augapfel förmlich explodierte. Deshalb glaube ich, dass ich auf die Fußstrebe eines Absperrgitters flog.

ABENDBLATT: Sie sollen kurz zuvor mit dem Franzosen Jean-Michel Thilloy kollidiert sein. Trug er die Schuld?

WÜST: Nicht dass ich wüsste. Bei einem Radrennen kann immer etwas passieren. Schuldzuweisungen sind Quatsch. Auch Thilloy ist schwer gestürzt, kam aber mit einer Lungenperforation und Rippenbrüchen davon. Er kann vermutlich längst wieder fahren, ich nicht. So ist das eben.

ABENDBLATT: Hat sich Thilloy je nach Ihrem Befinden erkundigt?

WÜST: Nein. Ich glaube, er hatte genug mit sich selbst zu tun.

ABENDBLATT: Haben Sie einmal darüber nachgedacht, dass dieser Schicksalsschlag Sie ausgerechnet bei einem unbedeutenden Kirmisrennen ereilte?

WÜST: Wo sowas passiert, ist doch völlig egal. Andere fallen beim Kohlenholen die Kellertreppe runter und landen im Rollstuhl.

ABENDBLATT: Wie viele Operationen mussten Sie inzwischen über sich ergehen lassen?

WÜST: Es waren nur drei. Die hatten es dafür aber in sich. Die dritte war eine Schädel-OP, bei der sechs Stunden am offenen Gehirn gearbeitet wurde. Ich habe anschließend noch vier Tage auf der Intensivstation gelegen, hatte irrsinnige Kopfschmerzen, bekam Morphium, Spritzen ins Rückenmark - das ganze Programm eben. Ich fühlte mich nicht nur wie der Tod auf Socken, ich sah auch so aus. Irgendwann lief mir die Nase, da sagte der Arzt: Herr Wüst, das ist kein Schnupfen, das ist Liquoa, Gehirnflüssigkeit. Glauben Sie mir, das muss ich nicht noch mal haben.

ABENDBLATT: War Ihnen relativ schnell klar, dass Ihre Profikarriere zu Ende sein würde?

WÜST: Es gab Tage, da war es mir scheißegal, ob ich noch einmal Rad fahren kann. Da wollte ich einfach nur noch die simplen Dinge des Lebens genießen. Ich wollte mir ohne Schmerzen die Zähne putzen, normal aufs Klo gehen können und mit meiner Familie in der Sonne frühstücken. Die Prioritäten verschieben sich nach so einem Unfall gewaltig.

ABENDBLATT: Wie geht es Ihrem Auge jetzt?

WÜST: Dem Auge selbst gehts gut, nur dem Sehnerv gehts beschissen. Darin liegt das Dilemma. Am Auge selbst könnte man sicher was machen. Doch so wie man momentan einen Querschnittsgelähmten nicht aus dem Rollstuhl kriegt, kann man mich auf dem rechten Auge nicht wieder sehend machen.

ABENDBLATT: Gibt es denn noch Hoffnung?

WÜST: Wenig, die Medizinwissenschaft ist halt noch nicht so weit. Vielleicht gelingt es ja demnächst irgendjemandem, ein paar Nervenzellen zu klonen. Das fände ich natürlich klasse, den würde ich glatt für den Nobelpreis vorschlagen.

ABENDBLATT: Hat der Unfall auch andere Sinnesorgane beeinflusst?

WÜST: Ich schmecke weniger als früher und kann mit dem rechten Nasenloch auch nichts mehr riechen. Ist nicht so angenehm für einen Genussmenschen wie mich, der auch gern und gut isst. Aber ich muss dankbar sein. Ich hätte auch in einer dunklen Holzkiste auf einem zugigen Friedhof landen können. Doch von meinen zehn Schutzengeln haben zum Glück nur drei Skat gespielt. Die anderen haben dafür gesorgt, dass ich nicht draufgegangen bin. Insofern halte ich es mit der kölschen Redensart: Et hätt noch immer joot jejange.

ABENDBLATT: Haben Sie mit Ihrem Schicksal nie gehadert?

WÜST: Was bringt das? Et kütt wie et kütt, wie wir Kölner sagen. An den bleibenden Schäden des Unfalls ist momentan nichts zu ändern. Je eher und besser ich das akzeptiere, umso mehr habe ich vom Leben. Auch das ist eine Maxime von mir: Die Flasche ist nie halb leer, sie ist immer halb voll.

ABENDBLATT: Sie gehen mit Ihrer schweren Verletzung erstaunlich souverän um. Wie geht das?

WÜST: Da spielt auch ein gewisser angeborener Fatalismus rein. Der liegt wohl in der Natur des Rheinländers. Natürlich ist ein Autostau nervig. Aber wenn dir dein Lappen lieb ist, dann bretterst du eben nicht über die Standspur, sondern hörst Radio, spielst Gameboy oder liest Zeitung. Leute, die das nicht können, sind arm dran. Auf alle Fälle ärmer dran als ich.

ABENDBLATT: Der Unfall ereilte Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere. Liegt darin nicht eine besondere Tragik?

WÜST: Sicher. Andererseits hätte ich mich ja auch gleich am Anfang meiner Karriere schwer verletzen können. So erlebte ich aber 13 aufregende, interessante und lehrreiche Jahre als Radprofi, die mich sehr geprägt haben. Ich beherrsche inzwischen fünf Fremdsprachen plus Kölsch, das hilft auch außerhalb des Radsports ein ganzes Stück weiter.

ABENDBLATT: Hat Ihr Crash nicht auch wieder schlagartig ins Bewusstsein gerückt, dass Radprofi ein Job mit tödlichen Risiken ist?

WÜST: Ich war mir dieser Risiken immer bewusst. Radrennfahrer betreiben nicht nur den härtesten, auch den gefährlichsten Sport der Welt. Wir bewegen uns permanent auf öffentlichen Straßen. Wenn ein Autofahrer statt der richtigen nur seine Lesebrille auf der Nase hat, fährt er dich vielleicht über den Haufen. Da bist du einfach machtlos.

ABENDBLATT: Sprinter scheinen in besonderem Maße gefährdet?

WÜST: Bergziege zu sein hat mich trotzdem nie gereizt. Der Nervenkitzel bei einem Massenspurt hat schon seinen ganz eigenen Reiz, da schießt das Adrenalin. Außerdem habe ich auf diese Weise viel mehr Rennen gewonnen, als mir das bei Bergankünften je möglich gewesen wäre.

ABENDBLATT: Sind Sprinter Hasardeure?

WÜST: Ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein ist schon wichtig. Wer zaudert oder zögert, kommt nie als Erster an. Ich habe immer versucht, die Risiken kalkulierbar zu halten. Es gibt aber Kollegen, die fahren durch, wo eigentlich gar keine Lücken sind. Dann wird es wirklich gefährlich.

ABENDBLATT: Wie wichtig ist Ihnen der Tour-Etappensieg vergangenes Jahr in Vitré?

WÜST: Hätte ich diese Tour-Etappe nicht gewonnen, wäre ich in Deutschland noch immer Karl Arsch. Dabei gewann ich in den Jahren zuvor bereits zwölf Etappen bei der Spanien-Rundfahrt und eine beim Giro d Italia. Diese Erfolge haben hier aber nie jemanden interessiert. Das ist schon bitter.

ABENDBLATT: Ist es nicht noch viel bitterer, dass Ihnen die tragischen Folgen des Sturzes in Issoire zu weit mehr Popularität verholfen haben als alle Siege?

WÜST: Diese Frage ist berechtigt. Ich weiß nicht, ob ich mit zwei gesunden Augen auch zu den ganzen Talkshows eingeladen worden wäre. Aber das liegt sicher auch an meiner Art, mit diesem schweren Schlag umzugehen. Ich finde es jetzt einfach wichtig, anderen Menschen mit ähnlichen Verletzungen Mut zu machen, ihr Schicksal anzunehmen und offensiv damit umzugehen.

ABENDBLATT: Seit dieser Saison gibt es mit Coast eine zweite deutsche Topmannschaft. Wie wichtig ist dieses Team für die Rad-Szene hierzulande?

WÜST: Was Besseres hätte nicht passieren können. Das könnte enorme Zugwirkung haben. Vielleicht würden sich dann auch andere große Unternehmen entschließen, in ein Radteam zu investieren. Telekom hat in den letzten Jahren jegliche Aktivität in diesem Bereich förmlich erdrückt. Weil sich alles öffentliche Interesse immer nur auf sie konzentrierte. Jede Ullrich-Blähung bekam eine halbe Seite, während für Siege anderer deutscher Fahrer nur drei Zeilen in der Meldespalte blieben. Andere Teams investieren auch viel Geld, das sollte nicht vergessen werden.

ABENDBLATT: Es war oft und gern vom Radsport-Boom in Deutschland die Rede. Zu Recht?

WÜST: Ich bin da sehr im Zweifel. Ob das wirklich stimmt, könnte man erst sehen, wenn Jan Ullrich eine Saison gar nicht oder in einem ausländischen Team fährt. Dann würde sich schnell zeigen, ob das hier alles nur eine Ullrich-Hysterie war oder Deutschland tatsächlich auf dem Weg zu einer echten Radsportnation wie Frankreich, Italien oder Spanien ist.

ABENDBLATT: Wäre es nicht auch für Ullrich selbst gut, einmal aus dem wohlbehüteten Nest Telekom herauszukommen und die Nase in die Welt zu stecken?

WÜST: Rein sportlich gesehen, ist es sicher vernünftig, bei Telekom zu bleiben. Da weiß er, was er hat. Das ganze Team wird auf seine Bedürfnisse abgestimmt. Solch einen Luxus wird er woanders kaum finden. Ich würde mir allerdings von keinem Belgier zwecks Kallorienkontrolle in den Kühlschrank gucken lassen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir hat es jedenfalls nicht geschadet, fast immer in ausländischen Teams gefahren zu sein. Es weitet den Horizont ungemein.

ABENDBLATT: Wird Ullrich noch einmal die Tour gewinnen?

WÜST: Er hat sicher eine physische Leistungsfähigkeit, die es alle 100 Jahre nur einmal gibt. Doch für einen Toursieg bedarf es auch einer gewissen charakterlichen Reife. Und die spricht vor allem für Lance Armstrong.

ABENDBLATT: Sie waren immer Radprofi mit Leib und Seele. Hat Ihnen die Kriminalisierung Ihres Sports durch Doping wehgetan?

WÜST: Sicher, es wurden Fehler gemacht, auch und gerade bei Festina. Dafür haben wir aber hinreichend gebüßt. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Fakt ist doch, dass der Radsport hinsichtlich umfassender Dopingkontrollen immer eine Vorreiterrolle einnahm. Bei uns gab es doch schon Blutkontrollen, als in anderen Verbänden darüber noch heftig debattiert wurde. Bemerkenswert fand ich auch, dass ein gewisser Leichtathlet namens Dieter Baumann 1998 noch mit Fingern auf uns gezeigt hat und wenig später selbst überführt wurde. Es wurde und wird zu oft mit zweierlei Maß gemessen.

ABENDBLATT: Wären Sie vom Fitness-Zustand her jetzt wieder in der Lage, Rennen zu fahren?

WÜST: Ich könnte sicher im Feld mitrollen und würde nicht gleich als Erster hinten rausfallen.

ABENDBLATT: Und um den Sieg mitspurten?

WÜST: In viertklassigen Rennen vielleicht. Aber nicht bei Rennen wie der Tour oder dem Giro. Wenn die Meute wie eine Herde wildgewordener Büffel auf die Ziellinie zuschießt, sind manchmal sogar zwei Augen zu wenig. Ich würde mich und meine Gegner nur gefährden. Und das tut ein verantwortungsbewusster Berufsfahrer nicht.

ABENDBLATT: Dann ist der Radprofi Marcel Wüst also am Ende?

WÜST: Ich habe noch eine Lizenz und stehe bei Festina unter Vertrag. Ich bin so lange Radprofi, bis ich offiziell meinen Rücktritt erkläre. Und das war bisher nicht der Fall.

ABENDBLATT: Dennoch befinden Sie sich quasi schon auf Ihrer Abschiedstour. Hier ein Startschuss, dort Co-Kommentator, immer öfter Ehrengast statt Aktiver.

WÜST: Es stimmt, ich gleite langsam hinüber auf die andere Seite, in den großen Tross der Begleiter. Es gibt Sachen, die sind unangenehm, die schiebt man lieber lange vor sich her. So was passiert selbst einem lebenslustigen und meist gut gelaunten Rheinländer wie mir.

ABENDBLATT: Wann hat diese Erkenntnis zuletzt besonders geschmerzt?

WÜST: Ich habe mit meinem knapp dreijährigen Sohn Alexander im Fernsehen einen Klassiker verfolgt. Da sagte er plötzlich: Papa kein Bikerider mehr, ne? Dann hat er mein Auge geküsst und mich getröstet: Ach, Papa, nicht schlimm, Auge klemmt nur, ist bald wieder alles heil. Da sind mir die Tränen gekommen.

ABENDBLATT: Festina hat Sie nach dem Unfall nicht fallen lassen. War das so zu erwarten?

WÜST: Das liegt sicher auch an Miguel Rodriguez, dem Besitzer des Teams. Er hat einfach ein Herz für den Radsport. Sonst hätte er nach dem Doping-Skandal '98 schon die Brocken hingeschmissen. Doch er lässt seine Leute nicht im Regen stehen. Sicher honoriert Rodriguez auch, dass ich immer loyal zur Mannschaft gestanden habe. Selbst als ich Angebote anderer Topteams bekam, die mich aus meinem Vertrag herauskaufen wollten.

ABENDBLATT: Gab es auch Anteilnahme seitens anderer Fahrer?

WÜST: Selbst harte Sprintkonkurrenten wie der Australier Robbie McEwen oder der Niederländer Leon van Bon haben angerufen oder E-Mails geschickt und sich nach meinem Befinden erkundigt. Das hat schon ungeheuer gut getan.

ABENDBLATT: Sie gelten als großer Australien-Fan. Doch beim Radtraining Down under soll es zuletzt Probleme gegeben haben.

WÜST: Das hängt mit dem dort üblichen Linksverkehr zusammen. Da fahren die Autos halt nicht links, wie bei uns, sondern rechts an einem vorbei. Das ist durch mein stark eingeschränktes Blickfeld natürlich nicht ganz ungefährlich. Deshalb betätigte sich meine Frau Heike als Bodyguard und schirmte mich ab.

ABENDBLATT: Halten Sie dennoch an Ihrem Vorhaben fest, spätestens 2004 nach Australien auszuwandern?

WÜST: Ich war bestimmt schon achtmal dort unten. In Noosa Heads, nördlich von Brisbane, haben wir ein herrliches Fleckchen Erde entdeckt. Dort würden wir uns gern niederlassen, wenn mein Sohn in die Schule kommt. Wer einmal morgens früh um fünf Uhr auf dem Ayers Rock gestanden hat, um den Sonnenaufgang über dem Outback zu fotografieren, der weiß, wovon ich rede.

Interview: LUTZ WAGNER

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