Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident im Abendblatt-Interview:Harald Ringstorff über Ossis und Wessis, seinen Dickschädel und die Liebe zur Natur

"Ich wollte Forschungsreisender werden"

ABENDBLATT: Herr Ringstorff, fühlen Sie sich im Herzen immer noch als Ossi?

RINGSTORFF: Ich fühle mich als Deutscher. Das war schon vor der Einheit der Fall. Und ich vermute, ich war über deutsche Politik besser informiert als mancher Westdeutsche.

ABENDBLATT: Ist das Ossi-Wessi-Denken bei den Mecklenburgern noch präsent?

RINGSTORFF: Mehr als zehn Jahre nach der Vereinigung wird nicht mehr so intensiv in solchen Kategorien gedacht, aber vollkommen aus den Köpfen verbannt ist das noch nicht. Gewiss auch wegen der vielen schlechten Erfahrungen nach der Wende, als windige Glücksritter gen Osten strömten und gut meinende Menschen über den Tisch zogen. Nach der anfänglich überschäumenden Freude folgten Frust und Enttäuschung.

ABENDBLATT: Sie führen die einzige SPD/PDS-Landesregierung in Deutschland. Fühlen Sie sich als linker Exot in der Ministerpräsidenten-Riege?

RINGSTORFF: Das Magdeburger Tolerierungsmodell in Sachsen-Anhalt brachte ja erstmals eine Regierung mit PDS-Kooperation. Wir sind einen Schritt weiter. Der eine oder andere CDU-Kollege dachte anfangs gewiss, bei uns werde nicht professionell gearbeitet. Dabei ist unsere Koalition stabiler als manche andere. Aber auch in der SPD gab es Widerstand. Ein paar vermuteten, wir wollten den DDR-Sozialismus wieder einführen. Oder den Wert des Geldes aufweichen und die Urlauber verschrecken. Das ist alles Quatsch, wie man heute sieht. Übrigens: Derzeit habe ich den Vorsitz in der Ministerpräsidenten-Konferenz.

ABENDBLATT: Mit wem kommen Sie dort am besten klar?

RINGSTORFF: Ortwin Runde mag ich menschlich, wegen seines norddeutschen Naturells. Henning Scherf desgleichen. Auch Kurt Biedenkopf schätze ich.

ABENDBLATT: Wie ist Ihr Verhältnis zu Angela Merkel? So unter Ostdeutschen, Sie als Chemiker, sie als Physikerin?

RINGSTORFF: Ich kenne sie recht gut - noch aus den Koalitionsgesprächen damals. Sie ist eine kluge Frau mit analytischem Verstand. Aber ich beneide sie nicht um ihren Job, weil ich glaube, dass sie zwischen den Polen der Union zerrieben wird. Ich habe den Eindruck, sie will sich in diesem Spannungsfeld anpassen. Da geht Gradlinigkeit verloren.

ABENDBLATT: Sie gingen als Chemiker einem bürgerlichen Beruf nach und sind erst zu Wendezeiten politisch aktiv geworden. Sind Ihnen Karrierepolitiker à la Gerhard Schröder suspekt?

RINGSTORFF: Tatsächlich gibt es in Ost und West sehr unterschiedliche Karrieren. Ich bedauere, dass die Entwicklung sich angleicht. Der öffentliche Dienst gewinnt in den Parlamenten und in der Politik allgemein stärker an Gewicht. Es sollte nicht immer angesagt sein, vor Entscheidungen Gutachten einzuholen. Gerhard Schröder selbst schätze ich sehr. Ich bin überrascht, wie er mit der Belastung umgeht.

ABENDBLATT: Und Helmut Kohl?

RINGSTORFF: Persönlich kenne ich ihn nicht. Ich meine, er hat zur Zeit des Mauerfalls Gespür bewiesen und genau das Richtige getan. Im weiteren Prozess hat er Fehler gemacht, an denen der Osten heute noch zu knabbern hat. Zum Beispiel das Prinzip Privatisierung statt Sanierung. Viele, denen Hoffnungen gemacht wurden, sind bitter enttäuscht.

ABENDBLATT: Denken Sie bisweilen über Schicksal nach? Empfinden Sie es nach den Jahrzehnten DDR-Diktatur als ungerecht, wenn man in Mecklenburg und nicht in Hamburg aufwuchs?

RINGSTORFF: Darüber habe ich sehr oft gegrübelt. Ich bin in Wittenburg groß geworden. Wie wäre mein Lebensweg verlaufen, wenn meine Eltern 15 Kilometer weiter westlich gewohnt hätten?

ABENDBLATT: Bekommen Sie bei Gedanken an den DDR-Alltag eine Gänsehaut? Fühlten Sie sich in ideologischen Ketten?

RINGSTORFF: Nach der Wende gingen alle Grenzen auf. Es ist ein schönes Gefühl, sich selbst bestimmen zu können. Zu DDR-Zeiten hatte ich auf der Werft Einblick in wirtschaftliche Interna. Da war klar, es konnte nicht lange gut gehen. Zum Beispiel die Umstellung von Heizöl auf Braunkohle - ökonomischer Wahnsinn. Es war krank, wenn ein Schiffbau-Kombinat Schrankwände und Kühlschränke lieferte.

ABENDBLATT: Das ist die wirtschaftliche Seite, nun zur politischen. Es gab Tote an der Mauer, die Haftanstalten waren voll mit politischen Gefangenen. Das waren ja keine Kavaliersdelikte. Aber immer noch sitzen in Ihrem Bundesland Verantwortliche an zentralen Stellen.

RINGSTORFF: Es ist richtig, dass in der Verwaltung Leute sitzen, die auch vor der Wende Verantwortung trugen. Unter ihnen sind aber keine Straftäter. Die wichtigen Leute von früher sind eher in der Wirtschaft untergekommen. Oder lassen es sich im Exil gut gehen wie Schalck-Golodkowski in Bayern.

ABENDBLATT: Nun zu Ihnen: Trifft die Charakterisierung als sensibler Dickschädel zu?

RINGSTORFF: Auf jeden Fall bin ich ein Mensch, der denkt, bevor er redet. Und der dann seine Meinung nicht so schnell ändert.

ABENDBLATT: Sie haben Ihre Polit-Karriere spät begonnen. Wie lange wollen Sie sich dem Stress noch aussetzen?

RINGSTORFF: Ich fühle mich stark genug, noch ein Weilchen weiterzumachen. Ich möchte die Landtagswahl 2002 gewinnen und bis 2006 durchhalten. So sehen die Planungen aus. So alt wie Konrad Adenauer werde ich in der Politik aber gewiss nicht werden.

ABENDBLATT: Was machen Sie, wenn Sie nicht in Schwerin am Schreibtisch sitzen?

RINGSTORFF: In der DDR musste jeder basteln können - auch ich tüftele gerne. Oder wandere um den See vor unserem Haus oder angele. Lesen ist meine Leidenschaft. Zu DDR-Zeiten viel russische Literatur, ganz früher mit Inbrunst Reisereportagen deutscher Forscher. Ohnehin ist der Forschungsdrang in mir stark ausgeprägt - vielleicht auch wegen des Reiseverbotes damals.

ABENDBLATT: Und wie belohnen Sie sich für harte Arbeit?

RINGSTORFF: Indem ich Ruhe in der Natur finde, im See schwimme oder mit Fahrrad und Feldstecher auf Pirsch gehe. Dann jage ich mit den Augen.

ABENDBLATT: Ihr Vater war ein Kolonialwarenhändler. Sind Sie stolz über Ihren Werdegang?

RINGSTORFF: Wer mir 1988 oder 1989 gesagt hätte, ich würde einmal Ministerpräsident in einem deutschen Bundesland, dem hätte ich unterstellt, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Ja, ich bin zufrieden.

ABENDBLATT: Haben Sie Angst vor später?

RINGSTORFF: Das biologische Alter besagt ja nicht, wie man sich fühlt. Ich habe noch einiges vor.

ABENDBLATT: Glauben Sie an Gott?

RINGSTORFF: Als Person nicht. Dass es allerdings ein gewisses Ordnungsprinzip in der Natur gibt, ist nicht zu verbergen.

ABENDBLATT: Ihr Lebensmotto?

RINGSTORFF: Das ändert sich. Das treffendste stand früher an unserem Hausbalken: Holl över anner Lüd dien Mul, büst sülfst man dämlich, slecht un ful. Das heißt so in etwa: Rede nicht über andere Leute, du bist selbst dämlich, schlecht und faul. Und meine Nummer zwei: Dau wat du wist, de Lüd snakt doch. Tu was du willst, die Leute reden doch.

ABENDBLATT: Haben Sie außer "Roter Harry" noch Spitznamen?

RINGSTORFF: Früher nannten meine Freunde mich "Walross" - beim Wasserball.

ABENDBLATT: Und was wollten Sie damals werden? König?

RINGSTORFF: Forschungsreisender. Diese Abenteuer faszinieren mich bis heute.

ABENDBLATT: Als Pensionär können Sie ja auf Weltreise gehen . . .

RINGSTORFF: Genau das habe ich vor. Schließlich wurde für mich die Welt erst mit 50 Jahren richtig groß. Vielleicht reise ich später wochenlang durch Norwegen. Oder fahre in die Südsee, um im klaren Wasser zu schnorcheln.

Interview: JENS MEYER-ODEWALD