"Die Zeit" beleuchtet das Verhältnis von Wilhelm II. mit einer Edel-Prostituierten 1879 in Straßburg.

Enthüllt: Kaiser Wilhelms Sex-Skandal

Von GÜNTER STILLER

"Alles kommt ans Licht, wenn der Teufel es will", ächzte US-Präsident Bill Clinton, als die Wogen der Lewinsky-Affäre über ihm zusammenschlugen. In seinem Fall hatte die nackte Wahrheit nur knapp zwei Jahre gebraucht, um die Mauern des Weißen Hauses zu durchdringen. Bei Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser, dauerte es immerhin 121 Jahre:

"Deutschlands Kaiser in den Fängen einer Straßburger Prostituierten", meldet "Die Zeit", die auf Schlafzimmer-Dramen nicht gerade spezialisierte Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur. Damit ist der erste von mehreren Sex-Skandalen um den sich moralisch immer so pingelig gebenden Preußen-Herrscher wieder auf dem Markt:

Die Affäre des 20 Jahre alten Kronprinzen mit der elsässischen Edelprostituierten Emilie Klopp (35), deren Künstlername "Miss Love" damals in Straßburg als erotisches Markenzeichen galt.

Die erste Begegnung zwischen der Gunstgewerblerin und dem kurz vor der Verlobung stehenden Kaiser- und Königssohn fand in einer lauen Septembernacht des Jahres 1879 anlässlich eines Manövers der deutschen Armee statt. Es handelte sich dabei offenbar um die erste sexuelle Erfahrung des Hohenzollern-Sprosses, und das unerwünschte Ergebnis war die Geburt von Wilhelms erstem (unehelichen) Kind, einem Mädchen. Das hatte Folgen:

Die "Love" verfolgte den Kronprinzen und späteren Kaiser bis zu ihrem Tod anno 1894 mit der Forderung, seine pikanten Briefe an sie zurückzukaufen und ließ sich dabei nur vorübergehend mittels einer von dem Kanzler-Sohn Herbert von Bismarck vorgeschossenen größeren Summe besänftigen.

Insgesamt sollte Wilhelm 25 000 Goldmark für seine brieflichen Ergüsse zahlen und 18 Jahre lang hohe und höchste Untertanen mit der Aufarbeitung dieses einen Kapitels seines verschwiegenen Lotterlebens beschäftigen.

Späten Einblick in den "Love"-Skandal ermöglicht haben die Aufhebung der Sperrfrist für geheime Teile des 1996 vom Bund übernommenen Archivs der Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh und die Spürnase des "Zeit"-Autors Volker Ullrich, der bei seinen historischen Erkundungsunternehmen auf die Briefe der Bismarck-Söhne Herbert und Wilhelm stieß, die sich seinerzeit um erotische Schadensbegrenzung im Falle Wilhelm II. bemüht hatten.

"Die Familie Bismarck hat in der Tat Briefe Wilhelms an eine Frau in Straßburg aufgekauft", liest man in der 1993 erschienenen Wilhelm-II.-Biografie von John C. G. Röhl. "Diese befinden sich heute in einem Safe in Friedrichsruh und sind bedauerlicherweise für die Geschichtsforschung noch gesperrt."

Aber auch Geschichtsforscher können sich irren: Die Briefe des zukünftigen deutschen Kaisers an die elsässische Lebedame waren und bleiben verschwunden. Wahrscheinlich sind sie von Wilhelm II. vernichtet worden. Über ihren brisanten Inhalt allerdings wissen wir durch einen Brief des Kanzler-Sohnes Wilhelm von Bismarck, seinerzeit Königlicher Landrat in Hanau, Bescheid, der vor seinem Herrscher selbst schon eine horizontale Liaison mit Emilie Klopp alias "Love" gehabt hatte.

Er hatte die skandalösen Briefe am 1. Mai 1889 im Frankfurter Hof in Frankfurt/Main von der hartnäckigen Handwerker-Tochter aus Gertweiler entgegengenommen und ihr dafür die erwähnten 25 000 Goldmark (heutiger Wert: etwa eine halbe Million Mark) übergeben. Später schrieb er, die "Love" habe in diesem Zusammenhang "ganz eigentümliche Neigungen (des Kronprinzen) zur Komplikation des gewöhnlichen Coitus, wie zum Beispiel Zusammenbinden der Arme" angedeutet.

"Aber weiß der Teufel, was da alles hätte drinstehen können", notierte ahnungsvoll der "Love"-Kenner Wilhelm von Bismarck.

Und Biograf Röhl bilanzierte ein Jahrhundert später: "Wilhelm suchte in Wien, Mürzsteg, Eisenerz und Ungarn seinen Jagdtrieb nicht nur auf Hirsche, sondern auch auf Frauen zu befriedigen - wie er bei Miss Love in Straßburg nicht nur das militärische Exerzieren geübt hatte. Ein derartiger Lebensstil ist nichts Ungewöhnliches; für einen königlichen Prinzen kann er sogar als normal gelten. Ungewöhnlich ist nur die Heuchelei, mit der sich Wilhelm über das freie Liebesleben seines Onkel Eduard, seines Vetters von Rumänien und seiner Freunde empörte . . . "

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