Wenn Mensch und Maschine verschmelzen, wenn eines Tages Roboter das Sagen haben, dann hat die Menschheit verloren. Der Computer-Guru Bill Joy warnt vor den Gefahren der Hochtechnologie und rät zum Verzicht. Ein Bericht von Mario Kaiser.

Die Zukunft braucht uns nicht

Bill Joy sieht ein "Jahrhundert der Gefahr" vor uns liegen. Im Jahr 2030 werde es Maschinen geben, die millionenmal leistungsfähiger sind als die Personalcomputer von heute. Sie werden Probleme, an denen Computer heute ein Jahr lang arbeiten, in 30 Sekunden lösen. Diese Maschinen werden in der Lage sein, mit dem Menschen zu verschmelzen und eine Roboterspezies zu kreieren. Wenn erst einmal ein intelligenter Roboter existiert, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu einer Roboterspezies - zu einem Roboter, der verbesserte Kopien seiner selbst herstellen kann, prophezeit Joy. "Wir werden uns durch unsere Robotertechnologie ersetzen und nahezu Unsterblichkeit erreichen, indem wir unser Bewusstsein herunterladen. Doch wenn wir in unsere Technologie heruntergeladen werden, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass wir anschließend noch wir selbst oder überhaupt menschlich sind?"

Es ist nicht das erste Mal, dass der Fortschrittsgesellschaft voraussagt wird, dass sie sich zu Tode entwickele. Und es hätte vermutlich auch diesmal kaum jemand zugehört, wenn Bill Joy nicht die Kassandra wäre. Denn, wenn Bill Joy Angst vor der Zukunft hat, dann sollten wir sie vielleicht auch haben. Die Warnung kommt aus dem Mund eines der klügsten Köpfe der Computerwelt. Der da spricht, ist der Mann, der das Internet vom Spielzeug zum Werkzeug verwandelte. Ausgerechnet im Magazin "Wired", der Bibel der Technologieanbeter, verkündete Joy seine apokalyptischen Thesen. Es waren 20 000 Worte unter der Überschrift "Warum die Zukunft uns nicht braucht". Sie lösten einen in der Computerindustrie seltenen philosophischen Diskurs aus.

Eine Triade neuer Technologien - Gentechnik, Nanotechnik und Robotertechnik - wird der Menschheit die Werkzeuge liefern, sich selbst auszulöschen, sagt Joy. Gentechnik werde Krankheitserreger kreieren, die Leben zerstören; Nanotechnik werde winzige Waffen produzieren, die unsere Existenz untergraben; Roboter werden Maschinen herstellen, die Menschen zu Sklaven machen. Wir spielen Gott, warnt Joy, und so sollten wir einen Moment innehalten, um nachzudenken, bevor wir Technologien von göttlicher Macht entwickeln und einen Punkt überschreiten, von dem es kein Zurück gibt. "Die einzige Alternative, die ich sehe, ist Verzicht", sagt Joy, "die Entwicklung von Technologien, die zu gefährlich sind, zu beschränken, indem wir unser Streben nach bestimmten Arten von Wissen beschränken." Nicht Wahrheit sei das Ziel des Lebens, zitiert er Aristoteles, sondern Glück und Zufriedenheit.

Joys Manifest wider den ungefesselten Fortschritt erinnert an den Brief, den Albert Einstein 1939 an Franklin Roosevelt schrieb, in dem er den US-Präsidenten vor den Gefahren der Atombombe warnte. Die Ähnlichkeiten enden hier nicht. Auch der 45-jährige Joy, dessen dunkle Locken sprießen, als stehe er unter Strom, wird von Partnern wie Konkurrenten als Genie bezeichnet, als Architekt des Informationszeitalters. Er trägt gern Schwarz, und wenn er in dunklem Ton von den Gefahren der Hochtechnologie spricht, sind Zuhörer geneigt zu glauben, dass die Zukunft des Planeten bedroht ist.

Vielleicht, philosophiert Joy, brauchen wir eine technologische Version der Kubakrise, um aufzuwachen, um die Architekten der schönen neuen Welt zu zwingen, eine Art hippokratischen Eid zu schwören. "Ich sage nicht, dass es eine gute Sache wäre, eine Stadt durch einen nuklearen Unfall zu verlieren, aber es würde Leuten die Augen öffnen", sagt Joy. "Solange die Leute nicht ihre eigene Erfahrung gemacht haben, fällt es ihnen schwer, das zu begreifen." Sie neigen dazu, die Möglichkeiten moderner Technologie zu romantisieren. "Wir haben vergessen, was es bedeutet, von Seuchen bedroht zu sein - Pest, Pocken oder die Grippe -, vielleicht wiegen wir uns deshalb in einem falschen Gefühl von Sicherheit."

Dieses Jahrhundert ist so gefährlich, weil es das Jahrhundert der Möglichkeiten ist. Ein Jahrhundert, das verspricht, Krankheiten zu heilen, Leben zu verlängern und der Menschheit ungeahnte Erfahrungen zu ermöglichen. Es ist das Zeitalter, in dem es "intelligenten Staub" geben wird, Computer, winziger als ein Haar, deren Einsatzmöglichkeiten schier unbegrenzt sind. Sie werden in unserem Blut schwimmen, um Krankheitserreger zu entdecken und zu bekämpfen. Sie werden biologische und chemische Waffen aufspüren und uns warnen. Sie werden die Lebensmittel in unserem Kühlschrank überwachen und uns sagen, dass die Milch sauer ist. Sie werden fliegen können wie Moskitos, kriechen wie Würmer, klettern wie Kakerlaken. Kein Mensch, kein Ort, kein Signal und keine Unterhaltung wird für sie unerreichbar sein.

Joys Visionen spalten die Gemeinde der Technologiexperten. William Haseltine, ein Biotechnologe, der das Unternehmen Human Genome Sciences Inc. leitet, hält solche Szenarien zwar "nicht für unvorstellbar, aber die Zeitrahmen sind sehr lang und die Wahrscheinlichkeiten sehr gering". Rodney Brooks, Direktor des Labors für künstliche Intelligenz am Massachusetts Institiute of Technology (MIT), betont, dass molekulare Maschinen zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr als abstrakte Fantasien sind. "Niemand hat eine Ahnung, wie man sie herstellt." Eine der von Joy formulierten Gefahren nimmt Brooks allerdings sehr ernst: die Züchtung von Bakterien, die sich vermehren können. "Joy muss nur in einem Punkt Recht behalten, und wir stehen vor einem großen Problem", gesteht er. "Es wird lokale Ausbrüche überall auf der Welt geben. Es wird nicht den ganzen Planeten zerstören, aber es wird Wellen von Unfällen geben. Es ist zu spät. Der Geist ist aus der Flasche."

Einige Experten sehen die Zukunft des Menschen zwar ähnlich wie Joy, sind deswegen jedoch nicht beunruhigt. Wir Menschen sind nichts Besonderes, sagen sie. Wir sind nicht mehr als ein Glied in einer Evolutionskette, die noch fünf Milliarden Jahre halten wird, bevor die Sonne die Erde verglühen lässt. "Eine Essenz des menschlichen Wesens existiert nicht", behauptet Marvin Minsky, einer der Väter künstlicher Intelligenz. "So etwas wie die Seele gibt es nicht. Gefühle sind nichts weiter als verschiedene Arten des Denkens." Minsky hat etwa 400 Zentren im Gehirn des Menschen identifiziert, die Eigenschaften kreieren, die wir mit Seele in Verbindung bringen. Wenn wir sie besser verstehen, werden wir in der Lage sein, sie in Robotern zu reproduzieren. "Ja, die Erde wird in die Hände von Robotern fallen, und das ist gut so", meint Minsky. "Wir sind die Schimpansen der Zukunft, und intelligente Roboter sind unsere Geisteskinder."

Howard Gardner, Psychologe an der Harvard University, widerspricht. "Unsere Kurzlebigkeit, unsere Zerbrechlichkeit ist das, was unserem Leben Bedeutung gibt", sagt er. "Wir Menschen sollten gut nachdenken, bevor wir die Entstehung einer Welt ohne Bedeutung erlauben - denn dann wäre Existenz etwas Bedeutungsloses."

Während die Experten noch diskutieren, hat die von Joy beschriebene Zukunft bereits begonnen. Vom Titelbild des Magazins "Wired" blickte Anfang des Jahres ein junger Mann, der sich einen Chip hatte einpflanzen lassen. Die Überschrift lautete: "Ich, Roboter". Die Frage ist nicht länger, ob wir bereit sind, mit Maschinen zu verschmelzen, sondern bis zu welchem Grad. Sherry Turkle, Professorin im MIT-Labor für künstliche Intelligenz, fand erstaunliche Antworten. Sie fragte Studenten, ob sie bereit wären, sich einen Chip ins Gehirn einpflanzen zu lassen, der ihnen helfen würde, einen der schwierigsten Computerkurse an der Universität zu bestehen. Die Mehrheit war einverstanden. Als sie dieselben Studenten jedoch fragte, ob sie einen Chip für einen Kursus über Dostojewski haben wollten, lehnten die meisten ab. Sie wollten den russischen Autor selber erleben. "Die Frage ist", sagt Turkle, "welche Teile unseres Selbst werden wir für bedeutungsvoll halten?"

Der Übergang zu einer hybriden Lebensform, in der Roboter und Menschen miteinander verschmolzen sind, wird ein natürlicher sein, glaubt Turkles MIT-Kollege Brooks. Nichts wird gegen unseren Willen passieren. Zum Titan, das wir heute wie selbstverständlich in künstlichen Hüften verwenden, werden im Laufe der Zeit andere Implantate kommen, die unser Leben verbessern. Bis unsere Körper fast vollständig synthetisch sind und mehrere hundert Jahre leben können. In unsere Gehirne werden Chips eingepflanzt, die Krankheiten wie Alzheimer bekämpfen. Jugendliche werden einen kabellosen Internetanschluss in sich tragen wollen. Und irgendwann werden wir mehr Maschine als Mensch sein. "Wir werden keine Menschen mehr sein, aber wir werden den Maschinen einen Schritt voraus sein", sagt Brooks. "Wir werden eine Mischung aus Chips und Kabeln sein."

Es ist diese Welt, in der extrem intelligente Roboter oder Hybriden die dominierende Spezies sein werden, die Joy schaudern lässt. "Es wird gefährlich sein, nicht einer von ihnen zu sein."

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