Immer weniger Laufkundschaft - Geschäftsinhaber und Gastronomen haben starke Umsatzeinbußen

Grindelhof: Händler in Not

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Von DAGMAR GEHM

Seit vor rund fünfzehn Monaten der Grindelhof für die Verkehrsberuhigung stadteinwärts teilweise zur Einbahnstraße gemacht und auf der ganzen Länge verschmälert wurde, bedeutet das für viele Gewerbetreibende den Untergang des Standorts. Zwar profitieren durch verbreiterte Gehwege manche Lokale, doch Kleinbetriebe aus Handel und Handwerk, die wegen ausbleibender Kundschaft in ihrer Existenz bedroht sind, bleiben auf der Strecke. Etliche Läden stehen seit Monaten leer, da kein Einzelhändler freiwillig Umsatzeinbußen bis 50 Prozent hinnimmt. Groß prangt das Schild "Zu vermieten" über den Fenstern von "Missal Antiquitäten". Fritz Missal: "Die Beruhigung ist doch in Wahrheit in Hektik umgeschlagen. Wegen des Parkplatzmangels flaniert hier niemand mehr und schaut sich in Ruhe meine Antiquitäten an. Ich kann die Miete, die sich seit 1995 verdoppelt hat, jetzt nicht mehr zahlen. Deshalb suche ich jetzt einen Nachmieter."

Im Nobelrestaurant Ventana ist der Umsatz so massiv zurückgegangen, dass es mittags geschlossen wurde. Jetzt will Geschäftsführer Mengesha, der inzwischen drei Mitarbeiter entlassen musste, es noch einmal versuchen: "Wenn das Lokal mittags nicht besetzt ist, können wir ja auch keine Reservierungen für abends entgegennehmen."

"Nach all den Jahren sehen wir uns möglicherweise gezwungen, den Standort zu wechseln", seufzt Herbert Bans (63), der seit 1933 seinen gut sortierten Obst-Gemüse-Wein-Laden führt. "Wenn wir Ware ausliefern, berechnen uns die Kuriere zehn Mark mehr als vorher, weil sie jetzt einen Umweg fahren müssen." Für bedrohlich hält Andreas Pregartbauer vom "Weinfass Grindelhof" die Lage. Schon die Tatsache, dass sich ausgerechnet der Guttemplerorden, oberster Grundsatz: Enthaltsamkeit, unlängst neben ihm einquartierte, macht dem Weinhändler zu schaffen.

Als Nachrichten-Umschlagplatz und Tauschbörse von Tipps und Tat gilt seit eh und je das "Kleiderbad Grindelhof", seit 40 Jahren von Helene Froriep geführt. "Die so genannte Verkehrsberuhigung ist in Wirklichkeit doch eine Schließung. Ein Drittel meiner Kunden ist mir weggeblieben. Wenn ich nicht so gut lebensversichert wäre, wüsste ich schon nicht mehr weiter," sagt sie.

Gleich nebenan spürt Martin Schulte vom "Brahmskeller", dass der Stadtteil "kaputt ist". Selbst Stammgäste bleiben aus. Nach ihrer Aussage finden sie neuerdings am Abend einfach keinen Parkplatz, selbst wenn sie permanent um den Block fahren.

Mehr als 100 Teesorten bietet Stephanie Ellerbrock seit 1997 im "Beautea" an. Jetzt denkt sie an Standortveränderung.

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung. Von denen, die nicht resignieren. Die sich stattdessen etwas einfallen lassen, um zu überleben. Nach der Devise: "Nicht die Kunden müssen sich meiner Situation anpassen sondern umgekehrt", baut zum Beispiel Ingeborg Wulff ihr Reisebüro "apropos" jetzt völlig um. Eine steigende Tendenz stellen gar Nicola Kreuzer und Alexander Wolf von der "Sushi Factory" fest. "Als wir im Januar den Laden eröffneten, wussten wir, worauf wir uns einließen. Deshalb haben wir uns auf Lieferung bis in die Vororte spezialisiert." Aus der Not eine Tugend macht auch Wolfgang Fläschner. Als Inhaber der "Fläschner Druck GmbH" wird er überleben, weil er jetzt qualitativ hochwertigere Aufträge abwickelt, die Gesamtvorstufe vom Satz bis zum Litho übernimmt und unfangreiche Beratung anbietet. "Wegen der Korrekturen brauchen meine Kunden jetzt auch nicht mehr selber herzukommen, das wickle ich alles über Kuriere ab." Das leidige Parkplatzproblem sieht der Drucker vorrangig bei den Studenten: "Die fahren montags von auswärts mit dem Pkw her, stellen ihn für die gesamte Woche auf einem Parkplatz ab und nutzen ihre preiswerte HVV-Karte lediglich für Stadtfahrten."

Doch es gibt Hoffnung. Die SPD-Bezirksabgeordnete Beate Reinhard kündigte jetzt die Einrichtung von Kurzparkplätzen im oberen Teil des Grindelhofs sowie am Hallerplatz und im oberen Teil der Schlüterstraße an. Und im Herbst startet laut Günter Dorigoni, Geschäftsführer an der Handelskammer für Verkehr und Tourismus für Gesamt-Hamburg, nach der ersten im vergangenen September eine zweite Umfrage.

"Der Grindelhof ist mein liebstes Kind", bekennt der Verkehrsexperte. "Der Standort läuft Gefahr, dass die Nahversorgung nicht mehr gewährleistet ist. Wenn sich die perfide Situation, die ja von der Mehrzahl der Anwohner so gewollt war, noch weiter zuspitzt, werden wir an die Baubehörde herantreten, damit sie diese einmalige Maßnahme rückgängig macht. Bis dahin, rät Günter Dorigoni, sollten sich die Anwohner mit den Gewerbetreibenden solidarisch erklären. Dass sie sich mit ihrer Zustimmung zur Verkehrsberuhigung ins eigene Fleisch geschnitten haben, stellen inzwischen zahlreiche Anwohner fest. Wie Harald Adams (41), der just den Lottoladen betritt, als Pächter Reza Najati lauthals über die "Geisterstraße" schimpft, die ihn zwang, einen Mitarbeiter zu entlassen und einen Rückgang von 30 Prozent einzustecken.

"Ich finde die Verkehrsberuhigung gut," wirft da der Anwohner ein, denn "endlich kann ich stressfrei die Straße überqueren." Erst jetzt erfährt er, dass die dichte Atmosphäre des Branchenmix voraussichtlich einem Sushi-Copyshop-Boutiquen-Einheitsbrei weichen wird. Austauschbar und ohne Charme. Er hört, dass der Eisenhandel bald schließt und man wegen jeder Schraube bald extra zum Baumarkt fahren muss. "So habe ich das ja noch nie gesehen," sagt Anwohner Adams verblüfft.

Die so genannte Verkehrsberuhigung ist in Wirklichkeit doch eine Schließung. Ein Drittel meiner Kunden ist mir weggeblieben.

Helene Froriep, "Kleiderbad Grindelhof"

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