Die Qualität im Populären suchen: Gespräch mit der TV-Produzentin Gisela Marx

Überall einen Fuß in der Tür

Der WDR fehle ihr überhaupt nicht. Keine Sekunde. Nach 32 Jahren wars das einfach, sagt Gisela Marx kühl und lakonisch, so, wie es ihre Art ist. Drei Monate ist sie nun draußen aus der so genannten Anstalt, die Frau, die bei Peter von Zahn das journalistische Handwerk lernte, die später dem WDR-Hörfunk eine Stimme gab und die sich über die Jahre mit TV-Talks wie "Leute" (SFB) und "Drei vor Mitternacht" (West 3) nicht nur Freunde machte. Was viele nicht wissen: Die Kölnerin hat seit mehr als 25 Jahren ihre eigene Produktionsfirma: Filmpool.

Anfangs produzierte sie ihre eigenen Dokumentationen, Dritte-Welt-Themen und Entwicklungspolitik waren die Steckenpferde. Später drehte sie Wahlspots für die SPD. Heute ist Filmpool ein mittelständisches Unternehmen mit knapp 30 Millionen Mark Jahresumsatz Da weht schon längst nicht mehr der Geist von 68 durch die Flure. Zurzeit sind Doku-Soaps angesagt. "Die Fahrschule" (SAT.1) war eines ihrer Erfolgsformate im letzten Jahr. Der neueste Streich, immer sonntags zu sehen: "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben", eine Doku-Soap um neun Singles, die nach ihrem Traumpartner fahnden. Der Reiz dieser Formate liegt darin, dass Leute ihre eigene Geschichte erzählen und dass es um ein gemeinsames Erlebnis geht, ein Erlebnis, das auch der Zuschauer nachvollziehen könne. Liebe, der Traum vom Glück, die Fahrschule - das kenne jeder. Marx: "Es fördert die Vorstellung, dass Menschen sich doch sehr ähnlich sind." Jahrelang hat sie unter dem Diktat der Aufklärung und der dokumentarischen Ethik Fernsehen gemacht. Das schlägt auch bei ihren Doku-Soaps durch - "vorgetäuscht ist gar nichts", sagt sie. "Beispiel: wenn zwei sich anrufen zum Date. Dann sind wir mit einer Kamera bei der Frau und mit einer anderen beim Mann. Die Frau ahnt zwar, dass der Mann anruft, aber es ist tatsächlich das erste Gespräch."

Früher reiste Marx um die Welt, heute von Köln nach Dortmund oder Düsseldorf, wo die Helden ihrer Seifenopern zu Hause sind. "Mir fehlt das Reisen nicht", sagt die 58-Jährige, "der Reiz, Produzentin zu sein, ist ja, dass man viele verschiedene Sachen macht." Ein Projekt, das ihr besonders am Herzen liegt: "Richterin Barbara Salesch." Nachdem es mit der Rechtsberatungssendung "Jetzt reichts" selbst die größten juristischen Probleme gab, versuchte es Marx letzten Herbst mit jener Rechtsshow, die gute Quoten macht. Kritikern (gerade auch in der Richterschaft), die monieren, hier bekämen "die Bürger eine völlig falsche Vorstellung von der Arbeit der Justiz", hält sie entgegen: "Die Leute interessiert das, die können sich wiederfinden in den Problemen, und sie bekommen einen Rechtsstreit nachvollziehbar erklärt. Als die Klägerin Regina Zindler zum Fernseh-Kultstar avancierte, da hat sie sich wahnsinnig geärgert. Nicht darüber, dass die "Maschendrahtzaun"-Hysterie pekuniär der Kölner Konkurrenzfirma Brainpool und nicht Filmpool zugute kam, sondern "über diesen ganzen, wirklich grausamen Medienrummel". Stefan Raabs Nummer fand sie noch sehr witzig. Marx: "Aber was dann kam, hat die Eigendynamik des Mediums auf so brutale Art und Weise dargestellt. An so etwas möchte ich nichts verdienen."

Doku-Soaps hin, Infotainment her - Gisela Marx versteht sich als Produzentin von Qualitätsfernsehen. Die beiden diesjährigen Grimme-Preis-Nominierungen für "Die Fahrschule" und das sensible Missbrauchsdrama "Schande", für das es den Deutschen Fernsehpreis gab, sind beste Referenzen. Aber auch die beiden Schoenle-Verfilmungen, "Eine ungehorsame Frau" und "Ich habe Nein gesagt", oder Bernd Schadewalds Klassiker "Angst" und "Schuld war nur der Bossa Nova" kamen aus dem Kölner Filmpool.

Bei allen Sendern hat die clevere Ex-Journalistin mittlerweile einen Fuß in der Tür. Für Pro Sieben produzierte sie gerade "Maybe this time", eine Romantic Comedy mit Jennifer Nitsch und Hannes Jaenicke, und für den WDR entsteht ein Doku-Drama über die selbstzerstörerische Beziehung von Petra Kelly und Gerd Bastian. Selbst für RTL entwickelt die Firma mit 13 festen Mitarbeitern erstmals zwei Formate.

Warum auch nicht?! Ist für die ehemalige WDR-Journalistin, die für ihr gnadenloses Nachbohren in Interviews bekannt war, doch mittlerweile die Erlebnisqualität zum A & O des Fernsehens ge- worden. Gutes Fernsehen? "Wenn ich mich nicht langweile!", sagt Marx. Das kann die Präsentation eines Wetterberichts genauso sein wie eine Dokumentation oder eine Show.

Rainer Tittelbach

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