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Spanier am Elchtest gescheitert

sid Rotterdam - Die spanische S-Klasse ist am norwegischen "Elch-Test" gescheitert. Der "Geheimfavorit" verlor in Rotterdam mit 0:1 gegen den "Geheimtipp", ganz Spanien schimpft auf die luxuriös ausgestattete "Seleccion" und Pannen-Torwart Jose Molina, aber Coach Jose Antonio Camacho verbreitet weiterhin Optimismus. "Natürlich sind wir enttäuscht, aber ich bin sicher, dass wir die beiden ausstehenden Begegnungen gewinnen werden", sagt der Mann, der sich öffentlich nie kritisch zu seinem mit Stars gespickten Ensemble äußert.

Den kollektiven spanischen Zorn zog sich Camacho mit der Nominierung von Torwart Molina vom Erstliga-Absteiger Atletico Madrid zu. Ein katastrophaler Fehler des 29-Jährigen ermöglichte Steffen Iversen von Tottenham Hotspur in der 66. Minute den entscheidenden Treffer. Camacho stellte sich trotzdem vor seinen Torwart, der in der Liga 51 Gegentore kassiert hatte: "Das ist Pech, aber so ist der Fußball." Pech mit Torhütern ist in Spanien aber nicht unbekannt, ebenso wenig Pleiten bei Auftaktspielen.

Bei der WM 1998 hatte unter Camacho-Vorgänger Clemente Spaniens Torhüter-Idol Andoni Zubizarreta die 2:3-Niederlage gegen Nigeria verschuldet, seit der EM 1988 in Deutschland gewann die "Seleccion" zum Auftakt eines wichtigen Turniers kein Spiel mehr. Kurios außerdem: Molina war zu Beginn seiner Karriere noch Linksaußen, sein erstes Länderspiel bestritt der Torwart 1996 als Stürmer: gegen Norwegen. Clemente waren in dem Testspiel damals die Angreifer ausgegangen.

Während Iversen das erste EM-Tor der norwegischen Geschichte erzielte, blieben die Spanier, deren Primera Division mit drei Clubs im Halbfinale der Champions League für Furore gesorgt hatte, jeden Beweis ihrer Luxus-Klasse schuldig. Allen voran Superstar Raul. Norwegen kann nun am Sonntag im zweiten Spiel gegen Jugoslawien den Einzug ins Viertelfinale schon perfekt machen, Spanien muss erst einmal gegen die frechen Slowenen gewinnen. Um die Chancen zu erhöhen, strich Camacho den freien Mittwoch.

Eine gezielte Vorbereitung scheint dringend erforderlich. Der Ex-Bremer Bundesliga-Profi Rune Bratseth, Manager bei Rosenborg Trondheim und norwegischer Delegations-Chef, hielt dem zuvor hoch gelobten EM-Favoriten vor, seine "Wikinger" schlicht und einfach unterschätzt zu haben: "Die Spanier waren nicht vorbereitet auf Norwegen. Gegen Mannschaften wie uns können die einfach nicht spielen. Und wenn Spanien nicht spielen kann, kann Spanien auch nicht gewinnen."

Spaniens Routinier Fernando Hierro gab deshalb bereits die neue Marschroute aus: "Jetzt ist es wichtig, so wenig wie möglich zu reden und so hart wie möglich zu arbeiten. Wir nehmen den Kopf hoch und gewinnen die beiden nächsten Spiele."

PRESSESTIMMEN

Spanien, "El Mundo Deportivo": "Molinas entscheidender Fehler kompliziert die spanische Qualifikation."

"Marca": "So schlecht sind wir nun auch wieder nicht, aber ein Irrtum erschwert den Weg bei dieser Europameisterschaft."

"Sport": "Ein fataler Irrtum. Spanien wurde zum Opfer eigener Fehler. Molina nahm die Schuld auf sich, aber der Mannschaft fehlt auch der Zusammenhalt."

Norwegen, "Aftenposten": "Ein großartiges Fußballfest für Norwegen. Der europäische Traum ist wahr geworden, die erste Sensation perfekt gegen eine Mannschaft, die wir noch nie schlagen konnten."

"Dagbladet": "Steffen Iversen: Ich will zum erfolgreichsten Torschützen der Euro werden. Der ganz Balkan fürchtet die Norweger."

"Verdens Gang": "Wir heben die Spieler in den Himmel. Norwegen feiert den großen Sieg der kleinen Nation. Die Mannschaft spielte glänzend organisiert und mit einem Herz aus Gold."

England, "The Guardian": "Iversen versenkt ziellose Armarda."

"The Independent": "Norwegens Pragmatiker dreschen auf gestelzte Spanier ein."

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