Auf der Suche nach Einsteins Tochter

Mileva war Einsteins erste ernste Liebe, und die hatte zu früh Folgen: Lieserl, eine Tochter. Lange wusste die Öffentlichkeit nichts über sie, bis die Liebesbriefe Alberts und Milevas auftauchten. Da war Lieserl längst verschwunden. Eine Amerikanerin machte sich auf die Suche nach ihr.

Von ALEXANDRA zu KNYPHAUSEN

Sie tauchten in einem alten, grauen Schuhkarton auf, der von einem verblichenen Band zusammengehalten wurde: 54 Liebesbriefe Albert Einsteins und seiner ersten Frau, der Serbin Mileva Maric. Die Briefe verschwanden wieder, aber Milevas Enkelin Evelyn fand Fotokopien davon, und ihre Stiefmutter übergab sie 1986 dem Einstein-Archiv der hebräischen Universität in Jerusalem.

Dadurch kam an die Öffentlichkeit, dass der Schöpfer der Relativitätstheorie und Physik-Nobelpreisträger von 1921 eine Tochter hatte: Lieserl. Nie zuvor war sie in seinen Biografien erwähnt worden. Mileva Maric hatte sie am 27. Januar 1902 in der Vojvodina nordwestlich von Belgrad geboren. Das Kind wuchs zunächst bei Milevas Eltern auf. Dann verlor sich seine Spur.

War Lieserl inzwischen tot, oder lebte sie vielleicht noch?

Diese Frage stellte sich in Amerika Michele Zackheim, und sie beschloss, ein Buch zu schreiben: "Einsteins Tochter". Sie interviewte mehr als 100 Freunde, Bekannte und Verwandte von Mileva und reiste nach Berkeley, Boston, London, Zürich, Bern, Budapest, Berlin und dreimal ins krisengeschüttelte Serbien, um das Rätsel um Lieserl zu lösen.

Mileva hatte sich mit Einstein in Zürich angefreundet, wo beide Mathematik und Physik studierten. 1896 begann sie ihr Studium - als eine von nur 20 Frauen, die an den Universitäten in Preußen und der Schweiz Naturwissenschaften und Mathematik belegten.

Dass Mileva von Einstein vor der Ehe ein Kind bekam, beweisen die Briefe. Arztberichte darüber gibt es keine. In Lieserls Geburtsort wurden sie im Zweiten Weltkrieg vernichtet.

"Was macht der Junge?", neckte Albert Mileva 1901 in einem Brief mit dem Geschlecht des ungeborenen Kindes. Er wünschte sich einen Jungen, wollte ihn Hans Albert nennen, Mileva hoffte auf ein Mädchen, das Lieserl heißen sollte. "Unser Lieserl" nannte Einstein das Kind manchmal auch schon vor der Geburt.

Alberts Eltern wollten der Heirat nicht zustimmen, Milevas Herkunft war ihnen wohl zu provinziell. Milevas Eltern dagegen waren froh, "dass sich ein schöner Mann" in ihre Tochter verliebt hatte, die unter einer auffälligen Verrenkung der linken Hüfte litt. Trotzdem billigten sie das intime Verhältnis nicht - Milevas Schwangerschaft war eine Schande, befleckte die serbische Familienehre -, außerdem kannten sie Einstein nicht, und er schien ihnen suspekt: zu klug und ein Deutscher, dazu ein Jude! Dennoch hielten die werdenden Eltern an der Heiratsabsicht fest, auch wenn Einstein Mileva häufig versetzte.

Das US-Magazin "Time" kürte Einstein als Wissenschaftler 1999 zur "Person des Jahrhunderts". Als Privatmann dagegen verhielt er sich zwiespältig: überschwänglich in Briefen, unzuverlässig im Handeln, unaufrecht, schwach, sogar feige und intrigant. Mileva liebte ihn trotzdem - und musste sich wie er zunächst noch mit Privatstunden über Wasser halten.

Als er kurz vor der Geburt des Kindes erfuhr, dass er eine Stellung im "Amt für geistiges Eigentum" in Bern bekommen könnte, schrieb er Mileva zu ihren Eltern nach Hause: "Mir schwindelt vor Freude . . . Es freut mich noch mehr für Dich als für mich . . . Das einzige was noch zu lösen wäre, ist, wie wir unser Lieserl zu uns nehmen könnten." Und: "Ich möchte nicht, dass wir es aus der Hand geben müssen. Frag einmal Deinen Papa, er ist ein erfahrener Mann und kennt die Welt besser."

Hier zeigt sich wieder sein zwiespältiges Verhalten. Michele Zackheim schließt aus seiner Bitte um die Hilfe von Milevas Vater, dass Albert es mittlerweile für eine gangbare Lösung hielt, das Kind zur Adoption zu geben. "Albert", schreibt sie, "mag sich gewünscht haben, dass Mileva einfach aus seinem Leben verschwand und ihn in Ruhe ließ. Sein künftiger Umgang mit Frauen weist in diese Richtung. Jedenfalls dachte Albert mit seinen 22 Jahren nicht daran, Mileva ohne die Zustimmung seines Vaters zu heiraten."

Die Geburt, in Abwesenheit Einsteins, war schwer. Was er dann an die junge Mutter schreibt, klingt sogar besorgt: "Was mußt Du alles leiden, daß Du mir nicht mal selbst schreiben kannst! Und auch unser liebes Lieserl muß die Welt gleich von dieser Seite kennenlernen . . . Ich hab es so lieb & kenns doch gar nicht!" Trotzdem fuhr er nicht hin. Die Autorin fand heraus: Das Kind wurde nur inoffiziell getauft, nicht ins Geburtsregister eingetragen und bekam möglicherweise den Namen Ljubica, genannt Lieserl.

Einstein hatte nun Arbeit in Bern, und Mileva reiste zu ihm. Sie ließ das Kind bei ihrer Familie und einer Amme zurück. Erst als Alberts Vater seinem Sohn auf dem Totenbett die Erlaubnis gegeben hatte, heirateten die beiden. Doch Mileva musste noch einmal zu ihren Eltern nach Novi Sad zurück.

Dort muss sie über Lieserls Schicksal entschieden haben. Als sie zurück kam, bemerkten Freunde, die nichts von dem Kind wussten, dass sie sich anders als sonst zu Albert verhielt: Sie brütete über etwas, "für das er verantwortlich zu sein schien". Irgendetwas musste sich zwischen ihnen zugetragen haben. Mileva aber ließ sich nur entlocken, die Angelegenheit sei "zutiefst persönlicher Art". Sie hielt sie ihr Leben lang geheim.

Mileva, damals 27, und Albert, 23, zogen endlich in ihre erste eigene Wohnung, als Herr und Frau Einstein, kinderlos. Lieserl blieb bei den Großeltern.

Vom 9. November 1902 bis 27. August 1903 gibt es keinen Anhaltspunkt, dass Mileva ihre Tochter gesehen hat. Dann bekommt das Kind Scharlach. Mileva reist sofort nach Novi Sad und stellt dort fest, dass sie wieder schwanger ist. Albert schreibt: "Ich bin sogar froh darüber und habe mich schon besonnen, ob ich nicht dafür sorgen soll, daß Du ein neues Lieserl kriegst, daß Dir nicht vorenthalten sei, was doch das Recht aller Frauen ist . . . Die Geschichte mit dem Lieserl thut mir sehr leid. Es bleibt so leicht vom Scharlach etwas zurück."

Dies ist das letzte schriftliche Zeugnis, in dem sich die beiden über Lieserl austauschen. Einstein-Forscher glauben, dass das Ehepaar beschlossen hat, Lieserl adoptieren zu lassen. Einhellig herrscht die Meinung, dass Einstein seine Tochter nie gesehen hat. Später bekam er noch zwei Söhne mit Mileva, Hans Albert 1904, und Eduard 1910.

Eduard landete in einer Anstalt. Milevas Schwester Zorka war psychotisch, fand Michele Zackheim in fünf Jahren Recherche heraus. In Milevas Nachlass fand sie Bücher, in denen Passagen über behinderte Kinder angestrichen waren. Sie schließt daraus, "dass Lieserl geistig schwer behindert war. Albert stand am Beginn seiner erstaunlichen Karriere, sie hatten kein Geld für Lieserls Pflege."

Auch keine der vier Frauen, deren Spur die Autorin verfolgt hat, konnte sie eindeutig als Lieserl identifizieren. Am Ende ist sie überzeugt, dass Lieserl "mit 21 Monaten an Scharlach starb. Ihr junges Leben endete am 15. September 1903, dem Tag der Sonnenfinsternis."

Michele Zackheim: Einsteins Tochter. List Verlag, 379 Seiten; 44 Mark.

Die Geburt von Einsteins Tochter war schwer, sein Brief an die junge Mutter klang höchst besorgt: "Was mußt Du alles leiden . . ."

In Milevas Nachlass fand die Autorin Bücher, in denen Passagen über behinderte Kinder angestrichen waren.

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