Ehemaliger General beschreibt in seinen Romanen die Gräuel des Krieges

Die Vergangenheit ist allgegenwärtig

Von UWE RUPRECHT

Stade - Ex-General Werner Ebeling hat keinen Feldherren-Ruhm erlangt. Man wird ihn daher in Stade nicht wie den preußischen General von Goeben mit Straßennamen und Gedenksteinen ehren. Wenn sich der 1913 an der Schwinge geborene Anerkennung wünscht, dann sowieso nicht als Soldat, sondern als Schriftsteller.

Ebeling erzählt gern Geschichten. Wahre Geschichten. Als Knabe schon begann er, sie aufzuschreiben und mit Zeichnungen zu illustrieren. Kriminalgeschichten, die er von seinem Vater, einem Stader Polizisten, erfahren hatte. Bei großen Mordprozessen saß der kleine Werner auf der Zuschauerbank im Gericht, und einmal trieb er sich frühmorgens beim Gefängnis herum, weil eine Hinrichtung stattfand.

Auch seinen Lebenslauf kann Ebeling in einer Geschichte verdichten. Einst kehrte er als Jugendlicher auf dem Hamburger Dom bei einer Wahrsagerin ein. "Du wirst entweder Soldat oder Schriftsteller", raunte sie ihm zu. Die Prophezeiung erfüllte sich nicht ganz, Ebeling wurde nacheinander beides.

Thema seiner bislang sieben Romane ist der Krieg. "Wenn einer den Krieg hasst, bin ich es", sagt er mit Nachdruck. Noch heute verfolgen ihn die Gräuel des Zweiten Weltkriegs in seinen Träumen. Er hat nachgezählt: 1361 Tage erlebte er an der Front - von 1411 möglichen. Bewältigen, sagt er, lässt sich das nicht.

In der Wehrmacht war Ebeling zuletzt Oberst. Nach Kriegsende arbeitete er erst als selbständiger Kaufmann. Dann wurde er Grundschullehrer in Stade-Brunshausen. Einer seiner Schüler damals: Stefan Aust, heute Chefredakteur des "Spiegel". Ebeling erinnert sich an den kleinen Jungen als "das Mäuschen".

1956 holte man Ebeling zum Aufbau der Bundeswehr, in der er bis zum Generalmajor aufstieg. Schon hier zeigte sich sein Talent als Autor: Seine 1960 erschienene Abhandlung "Der Einzelkämpfer - kriegsnahe Ausbildung für das Verhalten abseits der Truppe" wurde elf Mal neu aufgelegt. Nach der Pensionierung 1970 widmete sich Ebeling ganz seinen literarischen Abitionen.

Wehmut schwingt mit, wenn der Witwer sich in seinem Haus in Hatten-Sandkrug bei Oldenburg an Stade erinnert. Er war lange nicht mehr in seiner Geburtsstadt. Die heutige Stadt ist nicht seine Heimat. Das Stade, an dem er hängt, ist die Stadt seiner Kindheit und Jugend. Die ist mit den letzten Freunden, die er dort hatte, gestorben.

Zwischen Fischmarkt und Pferdemarkt sammelte Ebeling erste Kampferfahrungen. Jugendliche Bandenkriege sind nämlich keine Erscheinung der Gegenwart oder ein Import aus USA. Im Sommer 1925, erzählt Ebeling, fand in Stade "eine richtige Schlacht" statt zwischen 250 Ober- und Mittelschülern über 300 Volksschülern. Als Athenaeum-Schüler musste Ebeling gegen die Nachbarjungs vom Hafenviertel antreten. "Die Volksschüler gewannen und banden uns in Reihen an Bäumen fest." Der Kinderkrieg schlug sogar Wellen bis in die ausländische Presse.

Das Soldatentum sieht Ebeling inzwischen kritisch. Den Deutschen attestiert er einen "angeborenen Gehorsam" - darin habe die Wurzel des Nazitums gelegen. Nur mit dumm gehaltenen Soldaten, meint er, könne man überhaupt einen solchen Krieg führen. Und er plädiert ausdrücklich für die Möglichkeit der Wehrdienstverweigerung. Werner Ebeling ist ein kritischer, ein aufgeklärter Soldat. Solchen Generälen werden keine Denkmäler gesetzt.

Von Werner Ebeling sind unter anderem folgende Bücher erschienen: Kaktusblüte Hoffnung. Bonewie Verlag, Gütersloh. 200 Seiten, ISBN 3-929494-06-X.

Links vom Koma. Isensee Verlag, Oldenburg. 360 Seiten, ISBN 3-89598-648-8.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.