Ein uralter Besucher aus Schweden Findling: Fast alle wollten ihn anfassen

Ansichten eines Steins

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Im dritten Anlauf ist am Sonnabend der 217-Tonner aus der Elbe gehievt worden. Hunderte von Zuschauern sahen, wie der Koloss zum Vorschein kam

Wo ist das Wasser? Hier war doch immer Wasser. 400 000 Jahre lang war hier immer Wasser. Wo ist es jetzt? Und warum ist es so hell? Furchtbar hell. Und wieso weht so ein eklig-kalter Wind? Ich bin schon ganz trocken. Ich will wieder ins Wasser! Kein Licht! Kein Wind! Nur Wasser.

Was sind das für kleine Zweibeiner? Huah! Die fassen mich an. Die patschen auf mir rum mit ihren weißen, unbehaarten Pfoten. Jetzt will einer auf mich drauf steigen. Pah: Rutscht ab. Keine Kraft. Keine Krallen. Eine schwächliche Spezies. Ich habe viele kommen und gehen sehen. Diesen ungelenken Zweibeinern gebe ich keine Viertelmillion Jahre mehr.

Endlich, es wird dunkel. Die nervigen Zweibeiner verschwinden im Wald. Ich höre das Wasser. Es muss mich schnell wieder holen. Das kann ja nicht so lang gehen, 500 000 Jahre vielleicht. Das bekomme ich hin. Ich muss mich beruhigen. Die Sicht ist ja ganz schön hier. Achtung, da kommt noch ein Zweibeiner. Und er hat einen kleinen, haarigen Vierbeiner gerissen. Nein! Doch nicht! Er führt ihn an einem Strick. Sie kommen! Der Zweibeiner greift nach mir. Der Vierbeiner hebt das Hinterbein. Was tut er da? Fühlt sich nass an. Wasser? Ja, Wasser. Endlich wieder Wasser. abm

Mit 217 Tonnen zählt der Findling zu den ganz Großen seiner Art in Europa. Geologie-Professor Roland Vinx vom Mineralogischen Institut der Uni Hamburg schaute ihn sich gleich nach der Bergung näher an. Es sei ein sehr schöner, gut erhaltener Stein und leicht zu bestimmen. Ein Granit aus Ostsmaland in Schweden. Geologen nennen ihn einen "Grauen Växjö", benannt nach einer schwedischen Ortschaft. Auf etwa 1,8 Milliarden Jahre schätzt Vinx das Alter des Steins. Damit stammt er aus dem Proterozoikum, einem geologischen Zeitalter, das von großen Gebirgsbildungen geprägt war. Der Findling sei möglicherweise ein Teil des svekofennischen Gebirges, so Vinx. Wahrscheinlich mit der Elster-Eiszeit vor etwa 400 000 Jahren wanderte der Stein in unsere Region. Direkt verwandt ist der Findling mit dem 60-Tonnen-Stein von Othmarschen. abm

Von ANDREAS BURGMAYER

Manche wollen gleich auf ihn drauf steigen, andere wollen seine Energie auspendeln und fast jeder will ihn mal berühren. Der 217-Tonnen-Findling am Ufer von Övelgönne ist seit gestern der Star am Elbstrand. Hunderte von Spaziergängern nutzten gestern das schöne Sonntagswetter, um der 1,8 Milliarden Jahre alten Attraktion unweit der "Strandperle" einen Besuch abzustatten.

Bei nass-kaltem Schmuddelwetter hatten bereits am Sonnabend mindestens 600 Leute am Elbstrand ausgeharrt. Sie wollten unbedingt bei der Bergung des Findlings dabei sein. Und die wurde wieder richtig spannend. Die Chronologie der Ereignisse: Auf 11 Uhr wird die Bergung am Sonnabend angesetzt. Die Elbe hat Niedrigwasser, die Strömung ist schwach. Nur so können die Taucher der Firma Baltic Taucher am Stein arbeiten.

In 15 Meter Tiefe ertasten sie den Stein. Sehen können sie nichts. Die Spannung ist groß. Wie liegt der Stein nach seinem Fall am Montag? Hat er sich eingegraben im Mergel des Elb-Grundes? Ist es möglich, die sieben armdicken Stahltrosse des Seilscheergehänges um den Brocken zu legen?

Auf einer Barkasse in sicherer Entfernung stehen Ursula Dierks und Georg Werner vom Amt für Strom- und Hafenbau. Dierks raucht Kette, und Werner geht auf und ab. Etwa 150 000 Mark hatte die Panne vom Montag das Amt gekostet. Die neue Aktion schlägt mit etwa 200 000 Mark zu Buche. Diesmal muss es einfach klappen. Die Taucher haben sich noch nicht gemeldet. Währenddessen unterhält Jan Baltermann die Zuschauer am Elbstrand. Der Övelgönner hat eine kleine Nussschale von einem Ruderboot aus seinem Garten gezerrt. Jetzt rudert er vergnügt im Friesennerz vor dem Riesenkran und zwischen den Schiffen hindurch. Er wirkt wie eine Ameise unter Elefanten.

Dann die große Enttäuschung: Die Taucher winken ab. Eingegraben habe sich der Stein. Erst müsse er nun unterspült werden, um die Stahltrosse montiert zu bekommen. Abbruch des ersten Versuchs.

Um 16 Uhr erst geht es weiter. Die Elbe hat jetzt Hochwasser. Nun arbeiten die Taucher in gut 20 Meter Tiefe. Bei Georg Werner auf der Barkasse klingelt das Handy. Die Trossen sind montiert. Es kann angezogen werden. Atemlose Spannung. Der Kran "Taklift 4" der Firma Smit setzt seine Seilwinden langsam in Bewegung. Um 16.15 Uhr kommen die Taucher aus dem Wasser. Zehn Minuten lang mussten sie sich beim Auftauchen für den Druckausgleich Zeit lassen.

Um 16.16 Uhr bricht der Findling durch die Wasseroberfläche. Die Zuschauer am Strand pfeifen begeistert. 16.18 Uhr: Der Stein ist aus dem Wasser und baumelt in den Stahltrossen. Jetzt pfeifen die Taucher: Die Freude über die gute Arbeit in totaler Dunkelheit. Das Missgeschick vom Montag wiederholt sich nicht. Der Findling hängt um 16.20 Uhr über einem Ponton vor dem Kran. Ursula Dierks sagt: "Mir ist schlecht vor Aufregung. Ich bin um Jahre gealtert."

Der Kran setzt sich in Bewegung. Am Strand haben sich schon Hunderte von Zuschauern aufgereiht. Um 16.51 Uhr dreht sich der Kran dem Ufer zu. Ruhig baumelt der Findling in seinem Stahlkorsett.

Eine unwirkliche Szenerie: Langsam schwebt der Findling von der Größe eines Lastwagens über dem Elbstrand und zwischen den Menschenmassen hindurch. Ein Blitzlichtgewitter, Pfiffe und Klatschen begleiten ihn. Dann, um 17.14 Uhr, setzt er auf dem Sand auf. 17.19 Uhr: Der Kran hupt einmal lang. Die Aktion Findling ist erfolgreich abgeschlossen.

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