Auf Schusters Rappen durch die Lande - Der Wandervorschlag

Das Viertel der "guten Mannen"

Hamburgs Umgebung wartet südlich der Elbe mit einer einzigartigen Landschaft auf, die stets aufs Neue überrascht. Am besten erkundet man sie zu Fuß. Anima Berten (Fotos) und Jürgen Fredel (Text) haben für die Rundschau einige reizvolle Wanderungen ausgesucht. Sie dauern zwei bis drei Stunden, das hält fit und bringt ein langes Leben. Also die Stiefel geschnürt, die altgedienten Treter sind die besten, und bringen Sie Muße zum Verweilen mit!

Das Alte Land hat viele Freunde, und nicht wenige unter ihnen schätzen es besonders zur Herbstzeit. Im Oktober wird in diesem wundervollen Landstrich immer noch geerntet, das Kernobst ist dran, doch vor allem: Inzwischen ist man im Alten Land, nach den Besucherströmen anlässlich der Baumblüte und der Sommersaison, wieder mehr "unter sich". Diesen Freunden schlagen wir eine Wanderung durch das vermutlich längste Deichhufendorf des Alten Landes vor, durch Guderhandviertel.

Das gut fünf Kilometer lange "Viertel" liegt an der linken Seite der Lühe und reicht von Steinkirchen bis zum Lüheknick beim Vorwerk Neuhof kurz vor Horneburg. An der langen Straße ist eine große Zahl prächtiger Bauernhöfe erhalten, und das nicht von ungefähr: Das Guderhandviertel hat eine vornehme Vergangenheit, denn der Name bedeutet "Verendeel der Gudemannen", ein Bereich oft adliger Hofbesitzer, die von bestimmten Abgaben (dem "Schatz") befreit waren. Zu diesen Privilegierten gehörte die Familie von Zesterfleth, die eine Burg auf dem Bergfried, von Steinkirchen aus knapp einen Kilometer lüheaufwärts gelegen, besaß.

Das Gut taucht in den Schriftquellen erstmalig im 13. Jahrhundert auf, als die Grafen von Holstein das Freigericht Bergfried als erzbischöfliches Lehen besaßen. Der nächste Besitzer war der bremische Ritter Johann Babbe, der den Bergfried an das Kloster Harsefeld verkaufte. Es folgte Ritter Heinrich von der Osten, der Burgmann zu Horneburg war und sein Gut im Jahre 1335 endlich für 400 Mark an Marquard von Zesterfleth abtrat. Dieser war ebenfalls Ritter und nannte sich später sogar Graf und Vogt des Erzbischofs. Wer im Guderhandviertel wohnte, gehörte sozusagen zur High Society des Alten Landes.

Marquard stammte, wie sein Familienname verrät, ursprünglich nicht vom "Lu", sondern aus Zesterfleth. So hieß ein Ort auf einer kleinen Elbinsel, die durch die Sinkstoffe der Este entstanden war. Diese mündete seinerzeit nicht bei Cranz, sondern beim Borsteler Ortsteil Hinterbrack. Die Zesterfleths verließen im 14. Jahrhundert auf Grund ständig nasser Füße ihre Insel, begaben sich auf Wohnungssuche und landeten schließlich im Guderhandviertel, wo sie bereits eine Hufe besaßen. Die übrigen Bewohner hielten länger aus, doch dann mussten auch sie den periodischen Überflutungen weichen. Der Ort Zesterfleth wird 1482 letztmalig erwähnt.

Der Familie von Zesterfleth gefiel es auf dem sicheren Bergfried so gut, dass sie bis 1861, also über 500 Jahre lang, hier ansässig blieb. In diesem Zeitraum schufen sie eines der größten Güter des Alten Landes, und zudem eine lange als uneinnehmbar geltende "Burg", die durch einen breiten Wassergraben geschützt war. Das Wohnhaus und eine Scheune brannten 1846 ab, und zu einem Wiederaufbau ist es aus Geldmangel nie gekommen. Später übernahm der örtliche Armenverband die verbliebenen Gebäude; heute hat der Landkreis Stade auf dem Terrain ein Altenheim errichtet. Geblieben ist nur der Burggraben.

Das Gut Bergfried ist für sich genommen keinen Besuch mehr wert, aber natürlich kann man von Steinkirchen aus wunderbar unter Kirschbäumen auf dem Deich entlangwandern und prächtige Bauernhäuser bewundern. Den Hof Schliecker zum Beispiel (Bergfried 21), auf dem die Hamburger Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt ihren Lebensabend verbrachte. Ebenso schön ist die südliche Hälfte des Guderhandviertels, zumal hier die Möglichkeit zu einer kleinen Rundwanderung von etwa sieben Kilometern Länge besteht, die an einer Prunkpforte und dem ältesten Profanbau des Alten Landes vorbeiführt.

Unser Ausgangspunkt ist der Neßhof in der Neßstraße, die man von Harburg aus am besten über den Obstmarschenweg erreicht. Eine alternative Anreise erfolgt über die Bundesstraße 73, von welcher Sie in bzw. kurz vor Horneburg auf die Kreisstraße 36 abbiegen. In beiden Fällen fahren Sie zunächst durch Mittelnkirchen, überqueren hinter der Kirche links die Lühe in Richtung Stade und biegen sofort hinter der Brücke links in die Neßstraße ein. Nach wenigen Metern ist dann der Neßhof erreicht. Auf ihm wurde vor einiger Zeit ein Campingplatz eingerichtet, ein sehr schöner übrigens, da man hier seine Zelte unter Obstbäumen aufschlagen kann.

Am schönsten ist die Zufahrt, denn sie führt durch eine der schönen Prunkpforten, für welche das Alte Land berühmt ist. Sie wurde von den Beegs im Jahre 1844 erbaut und 1954 vom Bauern Hinrich Pickenpack von Grund auf renoviert. Eine Inschrift über der Leutetür (auf der Hofseite) besagt, dass der Hof den Pickenpacks seit 1874 gehörte. Hinrich hat die Pforte nach dem Muster der "Originale" aus Neuenfelde herrichten lassen, die etwa um 1680, entstanden sind. Das unmittelbare Vorbild könnte die Palmsche Pforte gewesen sein, denn neben den üblichen Sprüchen ORA ET LABORA (bete und arbeite) sowie RESPICE FINEM (denke an das Ende) ist auf dem Rundbogen zu lesen: HAEC PORTA CLAUSA ESTO NULLI HONESTI (diese Pforte soll keinem Ehrenwerten verschlossen sein). Auch stilistisch sind große Gemeinsamkeiten festzustellen.

Nun biegen Sie genau gegenüber der Prunkpforte in den Wetternweg ein, der nach einem Linksknick fast zweieinhalb Kilometer lang schnurgerade durch das Obstanbaugebiet führt. Eine üppige Vegetation, auch zu dieser Jahreszeit noch: Apfel- und Birnbäume, Zwetschen- und Kirschbäume, Beerensträucher, soweit das Auge reicht. Nach einer Weile passieren Sie einige Wohnhäuser von Neuhof und überqueren den Guderhandviertel-Schöpfwerkkanal, der hier aber einfach "Wettern" genannt wird. Im Hintergrund taucht der Kirchturm von Horneburg auf, hinter welchem sich der Geestrücken erhebt. Am Ende des Wetternweges biegen Sie dann auf dem Neuen Weg links zum Lühedeich ab.

Es ist ein wenig halsbrecherisch, in Neuhof den Deich zu erklimmen, doch auf der Deichkrone geht es sich, auch wenn sie hier nur aus festgetretenen Grasspur besteht, allemal schöner als auf dem Fußweg entlang der Straße, die zunächst Neuhof und später Guderhandviertel heißt. Sie folgen jetzt der Lühe in Richtung Elbe. Die Häuser auf dem Deich und diejenigen am Deichfuß, auf der anderen Straßenseite, sind zunächst neueren Datums, werden aber älter, je mehr Sie sich wieder der Neßstraße nähern. Pittoresk der rote Kirchturm von St. Johannes in Neuenkirchen zur Rechten.

Hinter dem backsteinernen Schöpfwerk wird die Brücke nach Neuenkirchen erreicht, doch bleiben wir auf der westlichen Lüheseite. Hinter Schmedje's Gasthof ist die Deichkrone nun befestigt, und die Häuser auf dem Deich, durch deren Wohnzimmer wir jetzt gleichsam gehen, werden ebenso wie diejenigen am Deichfuß prächtiger und vor allem auch älter. Beachtenswerte Häuser sind zum Beispiel die Hausnummern 93c, 90 und 85, vor allem aber Nummer 54 mit einem phantasievollen Buntmauerwerk, das aus dem Jahre 1618 stammt. Im gleichen Jahr wurde das Haus Guderhandviertel Nummer 50 erbaut. Zum Gelände dieses Kübbungshauses gehört ein kleiner Fachwerkbau mit reetgedecktem Satteldach. Er stand ursprünglich traufseitig direkt an der Straße, wurde dann zurückversetzt und um 90 Grad gedreht. Das Häuschen trägt auf der Giebelschwelle die Inschrift ANNO D(OMI)NI 1587, ist der älteste Profanbau des Alten Landes. Nur die Kirchen dieses Landstrichs können mit einem früheren Datum aufwarten.

Über die Neßstraße erreichen Sie direkt unseren Ausgangspunkt, aber vielleicht folgen Sie noch ein wenig dem Lühedeich. Auf dem Weg über den Deich müssen Sie einige Schafsgatter überwinden und finden sich auf einer Weide überdies mit Pferden und Ziegen konfrontiert.

Der Deich mündet unmittelbar in den Beginn der Neßstraße. Vielleicht machen Sie von dieser Stelle noch einen kleinen Ausflug über die Brücke zur Kirche Sankt Bartholomäus in Mittelnkirchen, die auf den Resten einer Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert steht. Der Nebensinn dieser Exkursion kann natürlich auch der folgende sein: Wo eine Kirche steht, findet sich auch eine Wirtschaft. Eine solche befindet sich direkt gegenüber auf dem Deich: Op'n Diek, eine der originellsten Gaststätten, die das Alte Land kennt.

Guderhandviertel Nummer 50: Das kleine Fachwerkhäuschen zur Linken, ein ehemaliger Speicher, stammt aus dem Jahre 1587 und ist somit das älteste Fachwerkhaus des Alten Landes.

Pickenpacks Prunkpforte in der Neßstraße, 1844 erbaut und 1954 renoviert, orientiert sich an den weitaus älteren Torbauten in Neuenfelde.

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