Münster, Fahrradfahren und der innere Schweinehund

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Von STEFAN C. DICKMANN Hamburg - Münster ist aus der Sicht der Bundesregierung eine tolle Stadt: Von 100 Einwohnern, die sich jeden Tag in den Verkehr stürzen, treten 34 in die Pedale ihres Fahrrads. Das ist von allen deutschen Großstädten ein Spitzenwert. Die Bürger in Solingen, Wuppertal und Chemnitz sind nicht so sportlich und umweltbewußt - sie bilden das nationale Schlußlicht mit lediglich zwei Fahrradfahrern je 100 Verkehrsteilnehmer; aber das liegt wohl an der hügeligen Landschaft.

Hamburg ist in dieser Statistik nur unteres Mittelmaß: Ganze zehn Hanseaten fahren Fahrrad, die anderen 90 sitzen in Autos, Bussen und Bahnen. Das erklärt sich mit der Größe der Stadt: Denn bei Entfernungen zwischen drei und acht Kilometern liegt der Anteil der Fahrradfahrer am gesamten Verkehr in der Regel bei nur neun Prozent. Nur in Münster ist das wieder anders.

Für besonders lobenswert hält die Bundesregierung - das entnehmen wir dem ersten Fahrradbericht in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - "vielfältige innovative Elemente" in Münster wie den Bau einer Fahrradstation am Hauptbahnhof mit 3000 Stellplätzen. Früher konnten auf dem Platz vor dem Bahnhof Autos parken; nicht allzu viele, denn die Fläche ist nicht sehr groß, aber immerhin.

Seit Montag kann jeder Zugreisende in Münster seine schweren Koffer auf sein Fahrrad spannen, damit zum Bahnhof radeln und es im unterirdischen Parkhaus für eine Mark am Tag abstellen, es waschen und sogar reparieren lassen. Und weil das in Münster so ist, ist es nicht verwunderlich, daß die Stadtverwaltung pro Einwohner 50 Mark für den Radverkehr ausgibt. Das ist sehr viel Geld, denn die Kommunen im Rest der Republik kommen lediglich auf geschätzte zehn Mark pro Einwohner.

Der Fahrradbericht soll "Vorschläge und Empfehlungen zur besseren Nutzung des Fahrrads enthalten" - das hat der Bundestag am 21. April 1994 mit den Stimmen aller Parteien beschlossen und die Bundesregierung aufgefordert, alle fünf Jahre Bilanz zu ziehen. Der jetzt vorliegende Fahrradbericht wurde zum Großteil vom alten Verkehrsministerium erstellt, das bis zum Herbst 1998 von Matthias Wissmann (CDU) geleitet wurde. Und das Ergebnis, sagt der Sprecher des jetzt von der SPD geführten Verkehrsministeriums, "finden alle Parteien gut".

Die Bestandsaufnahme über das deutsche Fahrrad enthält so elementare Sätze wie: "Das Fahrrad hat in Deutschland als Verkehrsmittel für Alltags- und Freizeitfahrtzwecke erhebliche Bedeutung erlangt." Überraschend ist diese Erkenntnis: "Fahrradfahren ist umweltfreundlich, energie- und platzsparend sowie für die Fahrradfahrer konditions- und gesundheitsfördernd."

Sehr hilfreich für das tägliche Leben sind Fakten wie: "Die durchschnittlich mit dem Fahrrad zurückgelegte Weglänge betrug 1991 in Westdeutschland 2,9 Kilometer, die durchschnittliche Fahrtdauer 16,8 Minuten." Abgesehen davon, daß seitdem schon einige Zeit vergangen ist, und der Frage, ob man solche Dinge wirklich wissen muß, ergibt sich daraus die Gewißheit: Je länger die Strecke, desto größer der innere Schweinehund, das Rad zu nehmen. Wer hätte das gedacht?

Die Autoren der Studie schlagen vor, nicht allein auf den Ausbau von Radwegen zu setzen. Denn das bedeute, "daß Radverkehr in der öffentlichen Verwaltung so gut wie ausschließlich in den Verkehrsressorts . . . , angesiedelt' ist" und schaffe deshalb zuwenig "Nutzungsanreize".

Deshalb soll sich jetzt eine ständige "Bund-Länder-Arbeitsgruppe Fahrradverkehr" Gedanken machen über Modelle wie "Park & Bike" - erst den Bus oder das Auto, dann in die Innenstadt mit dem Rad. Wichtig sei auch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit: So sei es doch hilfreich, empfiehlt der Fahrradbericht, wenn Prominente als Vorbilder für das Radfahren werben oder der "fahrradfreundlichste Arbeitgeber" einer Stadt gekürt werde. Nur mit diesem Bündel an Maßnahmen sei es möglich, "potentiell umsteigbereiten Verkehrsteilnehmern, vor allem bisherigen Autofahrern" das Radfahren schmackhaft zu machen.

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