Vor zehn Jahren starb Thomas Bernhard

Der Übertreibungskünstler

Von JÖRG A. NOLL Hamburg - "Tatsache, daß das, was wir niederschreiben, zehnmal dümmer ist, als das, was wir denken." Da hat er recht, der Thomas Bernhard. Aber wie sonst soll man sich verständigen? Man könnte die Arme vor der Brust verschränken und denken: Thomas Bernhard hat sowieso und in allem recht. Aber das wäre zu einfach. Die Wahrheit ist kompliziert und das Leben eine scheußliche Angelegenheit. "Alles, was man näher kennenlernt, wird unappetitlich und ungut, wenn Sie sich näher damit beschäftigen. Wenn man näher hinschaut, dann ist das nicht zum Aushalten." Thomas Bernhard war ein vortrefflicher Beobachter.

Gespeist wurden seine Beobachtungen durch Haß und Liebe. Beide gehören zusammen. "Man ist halt hin und her geworfen. Das ist der beste Lebensimpetus und Antrieb, den man haben kann. Wenn Sie nur lieben, sind Sie verloren. Wenn Sie nur hassen, sind Sie genauso verloren." So spazierte Bernhard durch das ihm verhaßte Wien, saß in einem der gehaßten Kaffeehäuser und las mit formidabler Verachtung die dort ausliegenden Zeitungen. Über nahezu alles konnte er sich aufregen: über Geschmacklosigkeit, Saturiertheit, Verfälschung, Niedertracht, über die Unverfrorenheit von Staat, Kirche, Kultur und Öffentlichkeit Thomas Bernhard war sensibel und schonungslos. "Man ist immer nur das Endprodukt dessen, was man halt mitgemacht, erfahren und gesehen hat."

Geboren wurde Bernhard am 10. Februar 1931 in Heerlen bei Maastricht, als Kind einer österreichischen Hausgehilfin und eines ihm unbekannten Vaters. Sein Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, besorgte seine geistige und musikalische Bildung. Zwischenzeitlich arbeitete Bernhard als Gemischtwarenhändler und Gerichtsreporter. Er lebte meist in Wien und im oberösterreichischen Ohlsdorf. Seit dem 17. Lebensjahr war er schwer lungenkrank, todkrank.

Arroganz als Notwehr

Angesichts des Todes wird alles lächerlich, das wußte Bernhard und das verpflichtete ihn zur Arroganz. Nur die Arglosen echauffieren sich an dieser Haltung, denn tatsächlich bedeutet sie einen Akt der Notwehr, ist sie "Machtmittel gegen eine Welt, die uns sonst und also ohne diesen Hochmut mit Haut und Haaren verschlingen würde". Unermüdlich stemmte sich Thomas Bernhard gegen die Natur, wissend, daß er über kurz oder lang an seiner "krankhaften Selbst- und Weltüberschätzung" zu-grunde gehen wird. "Rettungsversuch, Unsinn" lautet denn auch der Untertitel seines ersten Prosabands.

Wie Bernhard sind auch seine Protagonisten stets und naturgemäß Einzelgänger. Sie haben das Talent zur Verzweiflung und, da man doch nicht unentwegt verzweifeln kann, das Talent zur zornigen Tirade. Inmitten einer Welt, "wo fortwährend alles beschönigt wird und zwar auf die widerwärtigste Weise", exerzieren sie in endlosen Monologen ihre Wut und ihren Haß. Bisweilen geschieht das sogar lustvoll. Sie stoßen vor den Kopf und führen an der Nase herum. Sie attackieren, woran sie leiden, bevorzugt die Geistlosigkeit.

"Wenn wir unsere Übertreibungskunst nicht hätten", heißt es einmal, "wären wir zu einem entsetzlich langweiligen Leben verurteilt, zu einer gar nicht mehr existierenswerten Existenz." Das stimmt. Hinzu kommt: Ohne Übertreibungskunst fehlte den Figuren der Widerstand, der sie auf sich selbst zurückwirft. Der Monolog ist ihnen einzige und letzte Möglichkeit, der Welt entgegenzutreten. Daß sie dabei Zuhörer brauchen, führt zu der typisch angespannten Erzählhaltung. Sie wimmelt von hinweisenden Wendungen und Wiederholungen, kunstvoll komponierten freilich.

Der Roman "Frost" (1963) exponiert erstmals Bernhards großes Thema: Den an den desaströsen Daseinsbedingungen leidenden Geistesmenschen. Carl Zuckmayer merkte: "In diesem Buch dröhnt die Einsamkeit, es dröhnt und hallt darin das Alleinsein." In "Auslöschung" (1986) ist es der Privatgelehrte Franz-Josef Murau, der nach dem Tod seiner Eltern und seines Bruders in die Heimat zurückkehrt, um seinen "Herkunftskomplex" abzuarbeiten. Zerrissen sind seine Gefühle für die Familie: "Es ist mit ihnen nicht die geringste nützliche Unterhaltung möglich, nur die deprimierendste." Doch gibt es immer wieder auch Menschen, denen Bernhard mit Liebe, Bewunderung und Dankbarkeit begegnet. Solch ein "Lebensmensch" war ihm etwa Paul Wittgenstein, dem er in "Wittgensteins Neffe" (1982) ein verständnisvolles, nachgerade zärtliches Denkmal setzte.

Auch Bernhards Dramen beschreiben Variationen des Untergangs. Im "Theatermacher" (1985) etwa scheitert ein obsessiver Künstler an seiner gelinde gesagt unvollkommenen Umwelt. Eigentlich ein Mißverständnis, aber so ist das Leben. "Die Macht der Gewohnheit" (1974) zeigt einen Zirkus als Metapher für Artistik und Perfektion: Seit 22 Jahren versucht der Direktor Caribaldi mit seiner Truppe das Forellenquintett einzustudieren. Nie kommt man über das Stimmen der Instrumente hinaus, aber Caribaldi läßt nicht davon ab: "Wir wollen das Leben nicht / aber es muß gelebt werden / Wir hassen das Forellenquintett / aber es muß gespielt werden."

Mehr noch als die Prosa demonstrieren Bernhards Theaterstücke Sinn für Komik. Im Dramolett "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" (1980) sagt etwa Peymann zu Bernhard: "Wenn wir Hosen probieren erschöpft das genauso / wie wenn wir Kleist probieren oder Shakespeare / Wenn wir eine passende Hose anhaben / eine so gut sitzende Hose Bernhard / ist es das gleiche Glücksgefühl / wie wenn wir einen passenden Shakespeare zustande gebracht haben / einen passenden Kleist / einen gutsitzenden Schiller Bernhard."

Rücksichtsloser Beobachter

Thomas Bernhard war ein singulärer Mensch. Das sollte man respektieren und ihm nicht mit abgegriffenen Phrasen kommen. Am besten charakterisieren ihn wohl die Sätze, mit denen er seinen Freund Paul beschreibt: "Er war ein Grübler und ein ununterbrochen Philosophierender und ein ununterbrochener Bezichtiger. Da er ein unglaublich geschulter Beobachter und in dieser seiner Beobachtung, die er mit der Zeit zu einer Beobachtungskunst entwickelt hat, der Rücksichtsloseste gewesen ist, hatte er fortwährend allen Grund zur Bezichtigung. (. . .) Die Leute, die ihm unter die Augen kamen, waren niemals länger als nur die allerkürzeste Zeit ungeschoren, schon hatten sie einen Verdacht auf sich gezogen und sich eines Verbrechens oder wenigstens eines Vergehens schuldig gemacht und sie wurden von ihm gegeißelt mit jenen Wörtern, die auch die meinigen sind, wenn ich mich auflehne oder wehre, wenn ich gegen die Unverschämtheit der Welt vorzugehen habe, will ich nicht den Kürzeren ziehen, von ihr vernichtet werden."

Kein Dummkopf, sondern Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb: "Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und vor der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes." Thomas Bernhard führte solch ein Leben. Am 12. Februar 1989 starb er 58jährig an Herzversagen im oberösterreichischen Gmunden. Die Welt ist seitdem noch einsamer geworden. Thomas Bernhards Bücher erscheinen im Residenz-Verlag und bei Suhrkamp, die fünfbändige Autobiographie ("Die Ursache" u.a.) bei dtv. Zsolnay bringt eine Monographie von Alfred Pfabigan heraus: "Thomas Bernhard. Ein österreichisches Weltexperiment".

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