Spurensuche - Die "Kinderpflegestätten" im Landkreis Stade

Das fast vergessene Verbrechen

Morgen wird der Opfer des Holocaust und des nationalsozialistischen Gewaltregimes gedacht. Vieles liegt noch im Dunkeln, wird verschwiegen. Die Stader SPD-Kreistagsfraktion hat deshalb einen Antrag der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) aufgegriffen, um von der Kreisverwaltung eine Dokumentation über die sogenannten "Entbindungsstätten" und "Heime" für Kinder von Zwangsarbeiterinnen zu erhalten. Zur Begründung heißt es: "Die Verwaltung der Heime und Entbindungsstätten für die Kinder von Zwangsarbeiterinnen lag bei der damaligen Kreisverwaltung in der Abteilung ,Pflegestätten für fremdvölkische Kinder . Von 1944 bis 1945 wurden diese Einrichtungen vom damaligen Landkreis Stade in den Orten Balje, Borstel, Drochtersen-Nindorf und Klein-Fredenbeck errichtet und betrieben. Die vier Heime konnten zusammen insgesamt 100 Kinder aufnehmen. Die Sterblichkeit der Kinder war in allen Heimen sehr hoch, allein im fremdvölkischen Kinderheim Nindorf starben 23 Säuglinge. Der Landkreis Stade hat eine historische Verantwortung, diesen Teil der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufzuarbeiten." Rundschau-Autor

Lebensschwäche, Ernährungsstörung, Herzschwäche: offizielle Todesursachen von Säuglingen, die zwischen 1943 und 1945 in sogenannten "Ausländerkinder-Pflegestätten" umkamen. Kinder von Zwangsarbeiterinnen, ermordet durch "bewußte Vernachlässigung". Ein fast vergessenes Verbrechen des Nationalsozialismus.

Fast vergessen: Seit 1994 bemüht sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) um Aufklärung über die im Landkreis Stade getöteten Kinder. Vier "Pflegeheime" wurden so bekannt: in Balje, Drochtersen-Nindorf, Jork-Borstel und Klein Fredenbeck. Sie befanden sich in den "Gefolgschaftsräumen", also Umkleide- und Aufenthaltsräumen stillgelegter Ziegeleien, und waren ausgelegt für insgesamt 100 Säuglinge.

Bald nach Kriegsbeginn holten die Nazis Zwangsarbeiter "ins Reich". 1945 hielten sich im Kreis Stade bei einer Bevölkerung von 85 000 über 8 000 Polen, Russen, Ukrainer und Letten auf. Trotz aller Strafandrohungen und Kontrollen der Sicherheitsdienste kam es zu Schwangerschaften der Zwangsarbeiterinnen. Es gab Liebschaften zwischen den "Ostarbeitern", zwischen Fremden und Einheimischen, und es kam zu Vergewaltigungen.

Anfangs schickte man schwangere "Fremdvölkische" zurück in ihre Heimat. Ab 1943 jedoch wollte man sich deren Arbeitskraft nicht mehr entgehen lassen. In einer Baracke beim Stader Krankenhaus wurden bis zum fünften Schwangerschaftsmonat Zwangsabtreibungen durchgeführt. Neugeborene wurden nach einer Frist von neun bis 16 Tagen den Müttern entzogen und in die sogeannten "Heime" verbracht.

Nach Auskunft von Bernhild Vögel (Braunschweig), die seit Jahren Nachforschungen anstellt, sind für das ehemalige Reichsgebiet 21 solcher Einrichtungen dokumentiert und 157 belegt, 123 weitere werden vermutet. Allein in Niedersachsen starben in ihnen wenigstens 2000 bis 4000 Säuglinge.

Einen ausdrücklichen Befehl zur Tötung der Zwangsarbeiterkinder gab es nicht. "Zum Teil ist man der Auffassung, die Kinder der Ostarbeiterinnen sollen sterben", schrieb ein SS-Gruppenführer 1943, "zum anderen Teil der Auffassung, sie aufzuziehen. Da eine klare Stellungnahme bisher nicht zustande gekommen ist, gibt man den Säuglingen eine unzureichende Ernährung, bei der sie, wie schon gesagt, in einigen Monaten zugrunde gehen müssen."

Schon daß die Kinder von ihren Müttern getrennt und bloß noch gelagert wurden, führte zu einem tödlichen Hospitalismus. "Murder bei wilful neglect", urteilte ein britisches Militärgericht in einem der wenigen Fälle, die juristisch aufgearbeitet wurden: "Mord durch bewußte Vernachlässigung".

Die Kenntnisse über die Verwahranstalten sind meist spärlich. 13 in der "Betreuungsstätte" von Balje gestorbene "rassisch minderwertige" Kinder sind namentlich bekannt, weil sie ordnungsgemäß bestattet wurden. An sie erinnert mittlerweile ein Gedenkstein.

Nach den Erinnerungen eines ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters stand das "Heim" in Drochtersen-Nindorf unter der Obhut einer Hebamme: "Frau Schmidt versorgte die Kinder so, daß jedes von ihnen nach zwei, drei Stunden starb, und das unter großen Qualen. Sie hat mehr als dreißig polnische Kinder ermordet." 23 Kinder, keines älter als zwölf Monate, sind im Sterbebuch der Kirchengemeinde eingetragen. Im Mai 1997 wurde auf dem Friedhof ein Gedenkstein errichtet.

Für das "Heim" in Jork-Borstel weisen die Akten mal vier, mal sechs, mal elf Kinder aus, die darin verwahrt wurden. Registriert wurden 27 Geburten von Zwangsarbeiterkindern; acht davon starben. Ein weiteres Kind aus Borstel starb in Stade, eins in Drochtersen.

Über die Anstalt in Klein Fredenbeck liegen noch überhaupt keine Daten vor. Gegenüber der Rundschau gab Samtgemeindedirektor Perschke keine klare Auskunft, ob jemals Nachforschungen in den Registern des Standesamtes, wie 1998 von der VVN/BdA angeregt, vorgenommen worden sind. Ohne Einverständnis der Gemeinden ist es unmöglich, diese Unterlagen auszuwerten und den massenhaften "Babymord" aufzuklären.