Späte Genugtuung für die vergessenen Deutschen?

Fast 11 000 wurden während der Nazizeit in den USA interniert.

Glaubt man dem Klappentext, dann lüftet Arnold Krammer das am besten gehütete Geheimnis der amerikanischen Geschichte. In seinem neuen Buch "Unverdienter Prozeß - Die unerzählte Geschichte der internierten Deutschen" bringt der texanische Professor zum erstenmal Licht in ein dunkles Kapitel deutsch-amerikanischer Geschichte: Der Historiker berichtet von den Deutschen, die in Amerika während des Zweiten Weltkriegs vom FBI oder vom Geheimdienst verhaftet, gekidnappt und zum Teil noch Jahre nach dem Ende des Kriegs in Lagern interniert waren.

Zum erstenmal scheint es in den USA Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser bislang vergessenen Deutschen zu geben. Weitere Historiker oder Autoren haben Bücher über die Internierung der Deutschen in Vorbereitung, die in den nächsten Monaten erscheinen werden.

"Die Japaner haben eine bessere Lobby in Washington als wir Deutschen", sagt der in einem Altersheim in Katy, Texas, lebende Alfred Plaschke, einer der Sprecher der nicht mehr sehr zahlreichen, heute noch lebenden ehemals internierten Deutschen.

Ein mea culpa bisher nur für die Japaner

In der Tat ist die Geschichte der im Krieg verfolgten Japaner viel bekannter als die der Deutschen: 127 000 US-Bürger japanischer Abkunft lebten an der amerikanischen Westküste, als die japanische Armee Pearl Harbor angriff. Den US-Japanern wurde sogleich das Wahl- und das Grunderwerbsrecht entzogen. Roosevelt, die Regierung und wohl die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung hielten ihre japanischen Mitbürger für unloyale Amerikaner. Vor allem in Los Angeles, aber auch in anderen Städten, kam es zu rassistischen Ausschreitungen. Japanische Geschäfte wurden geplündert. Ab Februar 1942 wurden alle in der Küstenzone lebenden Japaner zwangsumgesiedelt. 16 849 Japaner wurden in Internierungslager gepfercht.

Bereits 1976 gab der damalige US-Präsident Gerald Ford den Japanern ein "mea culpa". Mit dem "Civil Liberties Act" zog der Kongreß 1988 einen symbolischen Schlußstrich unter dieses wenig rühmliche Kapitel der Geschichte: Die 60 000 Überlebenden wurden mit jeweils 20 000 Dollar für ausgestandenes Unrecht und verlorenen Besitz entschädigt. Amerikanische Bibliotheken und Museen organisierten Ausstellungen über die Verfolgung der Japaner, deren Geschichte heute Niederschlag in gängigen amerikanischen Geschichtsbüchern und historischen Nachschlagewerken findet. Eine Gedenkstätte wurde im vergangenen Jahr im ehemaligen Internierungslager Manzanar in Zentralkalifornien eingerichtet.

Auf Genugtuung, Entschädigung oder zumindest eine symbolische Entschuldigung von seiten der US-Regierung warten die ehemals internierten Deutschen immer noch. Fords Ansprache zur Aufhebung der Exekutivorder 9066, durch die die Japaner zwangsumgesiedelt worden waren, erwähnte die Deutschen nicht. Eine 1980 eingerichtete Regierungskommission, die sich mit der Internierung von Zivilisten während des Weltkriegs befaßte, ließ ehemals internierte Deutsche nicht Zeugnis ablegen. Die Deutschen sind im Abschlußbericht der Kommission nicht erwähnt. Der "Civil Liberties Act" enthält einen Passus, der Deutsche von Forderungen nach Entschädigung ausschließt. Arthur Jacobs, Schlüsselfigur der heute noch lebenden deutschen Internierten, zog vor den US Supreme Court und argumentierte, der "Civil Liberties Act" würde Deutsche zu Unrecht ausschließen. Der Supreme Court entschied im Dezember 1991 gegen Jacobs.

Vielleicht verschafft nun die kleine Publikationswelle den vergessenen Deutschen eine späte Genugtuung: Historiker Krammer rechnet in seinem Buch vor, daß den knapp 17 000 internierten Japanern 10 905 internierte Deutsche gegenüberstehen. Obwohl sie ein weitaus größeres Einwandererkontingent als die Deutschen stellten, wurden nur knapp 3500 Italiener interniert. Roosevelt hielt die Italiener für "ein Volk von Operettensängern".

Bereits während des Ersten Weltkriegs waren die Deutsch- Amerikaner in Verruf geraten, ihre Würste mit Glasscherben zu spicken. Mit dem heraufziehenden Zweiten Weltkrieg sahen viele Amerikaner in ihren deutschen Mitbürgern eine fünfte Kolonne für Hitler. Bei Kriegsbeginn lebten 314 105 Deutsche mit deutschem Paß in den USA. Fünf Millionen Amerikaner galten nach den Statistiken der Einwanderungsbehörde als deutschstämmig.

Die deutschen Einwanderer hatten zwar ihre Heimat hinter sich gelassen, jedoch nicht den deutschen Patriotismus, Nationalismus oder gar den Nationalsozialismus. Die von Krammer auf 10 000 geschätzten Mitglieder des deutsch-amerikanischen Bundes agitierten für die Nazis und hoben den Arm zum Hitler-Gruß. Abteilungen der Hitlerjugend marschierten durch Brooklyn. Auch wenn die Nazis in Deutschland nur wenig von den amerikanischen Vettern hielten, so reiste doch Bund-Chef Fritz Kuhn 1939 zur Audienz mit dem Führer ins Tausendjährige Reich.

Argwöhnisch ließen erst FBI-Chef Edgar Hoover und dann der Marinegeheimdienst bereits vor dem Krieg weite Teile der deutschen Gemeinde bespitzeln, um dann gezielt Verhaftungen und Verhöre vorzunehmen, die zu den Internierungen führten. Aus amerikanischer Sicht gelesen, ist Krammers Buch schockierend, weil es einen Verrat an amerikanischen Idealen aufzeigt. Menschen, die vielleicht unbeholfen mit patriotischen Gefühlen für eine doppelte Heimat umgingen, wurden aus ihrem Leben gerissen und über Jahre in Lagern in unwirtlichen Landstrichen in Texas, New Mexico oder den Dakotas interniert.

Amerikanische Behörden kidnappten systematisch in Zentral- und Südamerika Deutsche (und Japaner), internierten diese, um sie später als Pfand für US-Bürger und Juden einzusetzen. Ellis Island, für Millionen von Menschen das symbolische Tor nach Amerika, wurde in ein Deportationslager umfunktioniert. Das Einwanderungsland Amerika schickte nun in Ungnade gefallene Immigranten in eine Heimat zurück, in der niemand auf sie wartete.

In den seltensten Fällen waren die Internierten Nazi-Hardliner, die für die USA bei Kriegseintritt ein reales Sicherheitsrisiko darstellten. Im Kontext der Zeit verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse: Der aus Görlitz stammende, in Seattle lebende Martin Dudel wurde in Bismarck interniert. Dudel war Herausgeber einer unbedeutenden Pro-Nazi-Postille, gescheiterter Schauspieler und 62 Jahre alt, als ihm eine Holzhütte in Fort Lincoln zugewiesen wurde. Seit Jahren arbeitet Debbie Lincoln, die Enkelin Dudels daran, das Schicksal ihres Großvaters in einer exemplarischen Biographie zu verarbeiten.

Ein dunkler Fleck in der US-Geschichte

Carl und Anna Fuhr, ein Bäckerehepaar aus Cincinnati, wurden 1941 in Seagoville, Texas, interniert. Die Fuhrs waren 1927 in die Vereinigten Staaten immigriert, hatten einen deutschen Lebensstil bewahrt und gehörten dem Bund an. "Meine Eltern sahen in Hitler allenfalls einen Platzhalter für die Restauration der Hohenzollern-Monarchie", sagt der noch lebende Sohn Eberhard Fuhr, der ein leeres Haus vorfand, als er aus einem Sommercamp zurückkehrte.

Der in den USA geborene Alfred Plaschke war zehn Jahre alt, als sein Vater Rudy in Valesco, Texas, verhaftet wurde. Der immer noch deutschnational eingestellte Einwanderer Plaschke hatte nie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. In New York hatte er in Verbindung mit einem überzeugten Nazi eine Autowerkstatt betrieben. Bei seiner Internierung entschied Ehefrau Berta, ihrem Mann mit den Kindern ins Lager zu folgen. Eine andere kuriose Variante erfuhr die in Houston internierte Familie Koetter. Während die Eltern im Internierungslager saßen, dienten die Söhne Jürgen und Günther in der amerikanischen Armee. Einer der Söhne war an der Entwicklung eines geheimen Radargerätes beteiligt.

Das historische Kapitel der Internierung der Deutsch-Amerikaner mag ein dunkler Fleck der amerikanischen Geschichte sein, dennoch ist der deutsche Leser bei der Lektüre von Krammers Buch nicht wirklich erschüttert. Den internierten Deutschen ist sicherlich Unrecht widerfahren, doch Fort Lincoln, die Zeltstadt Crystal City oder das Lager Seagoville sind nicht im entferntesten eine amerikanische Variante von Hitlers Konzentrations- oder gar Vernichtungslagern. Interessant ist Krammers Abschlußthese, daß Hoovers Spitzelaktivitäten und die Internierung der Deutschen das geistige Fundament geschaffen haben, auf dem McCarthys spätere Kommunisten-Inquisition gedeihen konnte. SAD