Streit um Radler: Das sagen die Leser

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Sollten Einbahnstraßen für Radfahrer in beiden Richtungen befahrbar sein oder nicht? Zu diesem Thema hat das Abendblatt eine Flut von Leserbriefen erreicht. Die meisten Schreiber stehen auf seiten der Radfahrer, die sich im Straßenverkehr benachteiligt fühlen, viele rügen aber auch das teilweise rüpelhafte und egoistische Verhalten der Radler.

Rechtzeitig klingeln Lösungen für die angesprochenen Probleme sind schwierig, weil wir in Deutschland leben - anderswo geht es entspannter zu. Meine Überzeugung ist durch die "Pro"-Stimme ausgezeichnet beschrieben. Ich bewege mein Rad jährlich eine vierstellige Kilometerzahl.

Als Radfahrer sollte man versuchen, sich vom motorisierten Verkehr fernzuhalten. Das geht. Man kann zum Beispiel von Ohlendorf nach Harburg fahren, ohne verkehrsreiche Straßen zu benutzen. Dies bedeutet aber auch, daß man sich im Verkehrsraum der Fußgänger bewegt. Hier sind Höflichkeit und Fairneß dringend geboten. Ein rechtzeitiges, unaufdringliches Klingeln und ein Dankeschön fürs Vorbeilassen sorgen für ein angenehmes Miteinander - übrigens ohne Zeitverluste!

Zur künftigen Beschilderung: Bei der vorgesehenen Regelung weiß kein Autofahrer, welche Einbahnstraße von Radfahrern entgegengesetzt befahren werden darf. Die abgebildete Beschilderung kann er nie sehen, weil er sie bei korrekter Fahrweise im Rücken hat. Vorschlag: An allen blauen Einbahnstraßen-Pfeilen große (!) Schilder anbringen mit dem Fahrrad und zwei grünen entgegengesetzten Pfeilen. Claus Lindmar, 21220 Seevetal Nicht ernstgenommen Die Stadt hat die Radfahrer nie ernst genommen. Wer in Hamburg die ersten zwei Jahre als Radfahrer überlebt hat, weiß, was er auf keinen Fall tun darf: Nach Vorschrift fahren! Peter Mohr, 2014 Hamburg Mehr Gelassenheit Bitte in dieser aufgebrachten Diskussion tief durchatmen und kurz innehalten: Am besten kommen wir zurecht, wenn Autofahrer und Radler mehr Gelassenheit zeigen würden. Es ist doch egal, ob mir in der Einbahnstraße ein Radfahrer entgegenkommt. Wenn ich als Autofahrer da neidisch werde, kann ich mich ja auch aufs Rad setzen. Und wenn ein Autofahrer etwas falsch macht? Solange er rücksichtsvoll und vorsichtig fährt, kann mir das doch egal sein. Weniger Beharren auf vermeintlich vorhandenen Rechten stände allen VerkehrsteilnehmerInnen gut an. Ulf Dietze, Vorsitzender desAllgemeinen DeutschenFahrrad-Clubs Hamburg Hinweise mißachtet Aus gegebenem Anlaß ist zu bemerken, daß sich eine Vielzahl der Radler ohnehin an keine Verkehrsregelung und Vorschrift hält, das Rot einer Ampel wird von vielen Radlern "übersehen", und Fahrverbots-Hinweise (zum Beispiel in Fußgängerzonen oder auf Wanderwegen wie Alstervorland-Harvestehuder Weg etc.) werden mißachtet.

Die Radfahrer fordern häufig das Risiko heraus, zumal sie selten zur Verantwortung gezogen werden können und bei Unfällen mit Autofahrern die Schuldfrage meistens zu Lasten des Autofahrers geht!

Nach unserer Meinung kann bei verstärktem Verkehrs-, auch Radler-Aufkommen, nur gegenseitige Rücksichtnahme und Akzeptanz der Straßenverkehrsordnung (ohne unsinnige und ungeeignete Sonderregelungen für Einbahnstraßen) zum positiven Miteinander führen. Klaus und EleonoreHellberg, 22145 Hamburg Beschimpfungen Die Benutzung von Einbahnstraßen ist nur ein Teilaspekt! Für sehr viele Radfahrer scheint die Straßenverkehrsordnung nicht zu gelten, wahrscheinlich ist sie ihnen mehr oder weniger unbekannt.

Werden sie auf ihr Fehlverhalten aufmerksam gemacht, so wird man häufig übelst beschimpft, und manchmal werden einem sogar Schläge angeboten.

Als Fußgänger und als Autofahrer kann ich ein entsprechendes Lied singen. Michael von Lacroix,22097 Hamburg Rücksicht nehmen Das Fahrrad ist in einer Großstadt ein ziemlich wichtiges Verkehrsmittel, und zwar aus Platz-, Zeit- und Umweltgründen. Deshalb sollte den Radfahrern das Benutzen dieses Verkehrsmittels so leicht wie möglich gemacht werden. Die Öffnung von Einbahnstraßen wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Bei Straßen, die breit genug für eine Begegnung zwischen Fahrrad und Auto sind, ohne daß einer der beiden anhalten oder stark bremsen muß, sehe ich keine Probleme. Die meisten Straßen, die in Frage kommen, liegen vermutlich in Wohngebieten, wo man ohnehin nicht fahren kann wie auf einer Rennstrecke. Die ersten paar Wochen nach der Umstellung wird man wohl mit ein wenig Aufmerksamkeit auch meistern können.

Noch eine Bemerkung zu dem Satz "Regeln sind dazu da, um eingehalten zu werden": Man kann nicht jede Situation regeln und dann unter allen Umständen auf sein Recht pochen.

Wer nicht zur Rücksichtnahme bereit ist, gefährdet sich und andere und sollte besser gar nicht fahren, egal ob mit dem Auto oder mit dem Fahrrad. Marcus Liebmann, Eimsbüttel Faule Kompromisse Schon alleine die Fragestellung ist eine krasse Fehleinschätzung der Lage. Wirklich "brenzlige Situationen", bei denen auch einiges auf dem Spiel steht, erlebt bei Zusammenstößen eigentlich immer die schwächere Partei, in dem Fall der Radfahrer.

Solange das Fahren in Einbahnstraßen nicht eindeutig erlaubt ist, halte ich es für gefährlich, entgegen der Fahrrichtung zu fahren, und vermeide es entsprechend.

Die Bonner Bemühungen empfinde ich nur als Flickschusterei, um sich möglichst billig aus der in den 70er Jahren verbrochenen Verkehrsmisere zu manövrieren. Es wurde zu sehr auf das Auto gesetzt, aller verfügbarer Platz in den Innenstädten wurde dem Auto geopfert, Geld wurde nur für Straßen ausgegeben.

Jetzt sind die Möglichkeiten ausgereizt, es müßte in Alternativen investiert werden, aber die Städte sind pleite. Wirklich wegnehmen mag man den Autofahrern auch nichts mehr, also werden faule Kompromisse gemacht. Monika Gause, 20259 Hamburg Anmaßung Einbahnstraßen verdanken ihre Entstehung doch nur einem Überhandnehmen des Autoverkehrs. Eine Öffnung für Fahrradfahrer in beide Richtungen ist daher zu begrüßen.

"Gefährlich" wird alles nur durch die Anmaßung der Autofahrer, über 1000 Kilogramm Blech in Bewegung zu setzen, um sich "automobil" zu machen. Bernd Haegemann,22765 Hamburg Radler muß büßen Warum wird eine Einbahnstraße eingerichtet? Weil die Straße zu schmal für mehrere Autos ist, oder aus Gründen der Verkehrslenkung. Beide Gründe beziehen sich auf Autos, die Radfahrer werden aber davon mitgetroffen. Gerade in Innenstadtbereichen muß der legal fahrende Radfahrer mit endlosen Umwegen dafür büßen, daß es zu viele Auto gibt! Dr.-Ing. Christoph Tiebel-Pahlke Kein Witz mehr Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer sind Verkehrsteilnehmer, für die bestimmte Regeln aufgestellt wurden, um eine so sichere Verkehrsführung wie möglich zu gewähren. Das heutige Fahrrad ist kein Hochrad und keine Draisine und überholt spielend in einer Tempo-30-Zone einen Pkw.

Der Radfahrer - und es sind einfach zu viele, so daß die Gefahr der Verallgemeinerung auftritt - fährt auf Fußwegen, rechts und links, auch wenn Radwege vorgegeben sind, fährt bei Rot über die Straße, möglichst auch noch diagonal (Kuriere zum Beispiel). Und jetzt Radfahrer in Einbahnstraßen, die dem Autofahrer entgegenkommen. Da fällt mir der Witz ein, der wohl bald keiner mehr ist: In England soll der Rechtsverkehr eingeführt werden. Zur Probe allerdings zunächst für Busse und Taxis. Wilfried Henjes, 22455 Hamburg Chaos auf den Straßen Das Chaos und die Aggressionen auf den Straßen haben wir dem Bundesrat, den Bezirksämtern und den Stadtentwicklungsbehörden zu verdanken, um deren erklärtes Ziel, die Behinderung des Autoverkehrs, zu erreichen. Bernd Poggensee,22117 Hamburg Spießig Das einzige, was riskant werden kann, wenn Radfahrer entgegengesetzt in eine Einbahnstraße beziehungsweise auf der "falschen" Bürgersteigseite fahren, ist, auf einen spießigen Bürger oder Polizisten zu treffen, weil es zu unsinnigen Auseinandersetzungen führen kann. Birtta Gemballa-Klimiont,22085 Hamburg Statistik Einbahnstraßen in Wohngebieten wurden zur Schaffung von Stellplätzen und/oder zur Verkehrs-"Beruhigung" eingerichtet. In Tempo-30-Zonen ist die Unfallgefahr aufgrund gegenläufigen Radverkehrs zur vorgeschriebenen Fahrtrichtung wesentlich geringer als Radverkehr an Hauptstraßen. Für die im Artikel genannte Susannenstraße ist beabsichtigt, die Einbahnstraßen-Regelung für den Radverkehr freizugeben. Nach einer Verkehrszählung des ADFC in der Susannenstraße (1997) ist der Radverkehrsanteil am Gesamtverkehr dort wesentlich höher als der Autoverkehr (Fußgänger 74%, Radverkehr 17%, Autoverkehr 9%).

Der Straßenraum von Hauswand zu Hauswand ist allerdings nicht entsprechend den Verkehrsträgern aufgeteilt. Es dominiert der parkende Autoverkehr, dann folgt die Fahrbahn für Auto und Fahrrad, als Schlußlicht folgen die schmalen Gehwege. Die Verkehrszählung belegte, daß die Hälfte der Radfahrer entgegen der vorgegebenen Fahrtrichtung fuhr. Die Straßenverkehrsbehörde hatte bisher trotz verbotenen Radfahrens entgegen der Fahrtrichtung keine Unfälle feststellen können. Stefan Warda, AllgemeinerDeutscher Fahrrad-Club Hauptstraßen gefährlicher Die Aufregung zu diesem Thema kann ich überhaupt nicht verstehen. Die Straße, in der ich wohne, ist in Teilen ebenfalls eine Einbahnstraße. Würde ich diese nicht - zur Zeit noch illegal - mit dem Rad auch in entgegengesetzter Richtung benutzen, so müßte ich zwei Hauptverkehrsstraßen benutzen, die jeweils nur sehr schlechte Radwege haben. Dort werde ich oft stark gefährdet, während es in der Einbahnstraße noch überhaupt keine gefährlichen Situationen gab. Dirk Pfaue, 22307 Hamburg Wahnsinn Als Sonntagsradfahrer und fast Berufskraftfahrer habe ich eine sehr eigene Vorstellung vom Verhältnis der Radfahrer zum Autofahrer. Das Radfahren gegen den Strich halte ich schlicht gesagt für Wahnsinn. Begründung: Als Autofahrer bin ich vor dem Radfahrer geschützt. Aber dieser riskiert sein Leben. Das gleiche gilt für das Fahren auf der Straße. Die das tun, riskieren Kopf und Kragen. Klaus Pein, 22589 Hamburg Alle öffnen Ich fände es sinnvoll und weitaus weniger gefährlich, wenn alle Einbahnstraßen für Radfahrer geöffnet würden, anderenfalls besteht bei jeder Einbahnstraße Unsicherheit darüber, welche Regelung gilt.

In meiner Umgebung sind mehrere geöffnete Einbahnstraßen, in denen ich als Radfahrerin noch nie Probleme mit Autos hatte. Lediglich beim Reinfahren in eine solche Einbahnstraße hätte mich neulich ein Autofahrer, der links abbiegen wollte, beinahe angefahren, da er die Freigabe für Radfahrer wohl nicht wahrgenommen hatte. Barbara Reimer, 20144 Hamburg Benachteiligung Viele Einbahnstraßen sind lediglich der mißglückte Versuch, die wachsende Autoflut zu regulieren (Stichwort Parkplatzsuche in Wohngebieten oder in der City). Deshalb hebt die Öffnung von Einbahnstraßen in beiden Richtungen nur die bisherige Benachteiligung des Fahrrades als leises, umweltfreundliches und - gerade auf kurzen Strecken - schnelles Verkehrsmittel auf. Ein höheres Gefahren-Potential sehe ich nicht, genausowenig wie es bei der testweisen Einführung der Fahrradstreifen auf der Fahrbahn immer behauptet wurde und nie eingetroffen ist. Tom Seher, Hamburg-Hohenfelde Unfälle programmiert Ich wohne direkt an der neuen Velo-Route an der Heinrich-Barth-Straße. Hier kommt es mehrmals täglich zu sehr gefährlichen Situationen, an denen häufig Kinder beteiligt sind. Ein Unfall ist hier meines Erachtens programmiert. Als begeisterter Radfahrer muß ich leider sagen: "Diese sogenannte Velo-Route kann nur von jemandem geplant worden sein, der mit seinem Behördenhintern noch nie auf einem Fahrrad gesessen hat." P. Meyer, 20146 Hamburg Geldverschwendung Ihr Artikel trifft ins Schwarze. Die Nebenfahrbahn Beim Schlump wird von Radfahrern ständig auch gegen die Einbahnstraßen-Richtung benutzt. Viele Radfahrer fahren dann auf dem Gehweg. Die Behörde hat es abgelehnt, die Nebenfahrbahn zur Fahrradstraße zu erklären, weil angeblich kein Bedarf besteht.

Statt dessen sind an der Bogenstraße ca. 80 m Radweg fertiggestellt worden, Kosten sicherlich mehrere 10 000 Mark. Die Beschilderung der Nebenfahrbahn als Fahrradstraße hätte vielleicht 100 Mark gekostet! Roland Knott, 20144 Hamburg

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