Peter Grubbe lebt heute als Pensionär vor den Toren Hamburgs, blickt auf seine erfolgreiche Karriere als Journalist zurück. Nur von der Zeit davor will er nichts mehr wissen: Er soll für den Tod von 30 000 Juden verantwortlich sein.

Holocaust in Polen - "Eine ganz normale deutsche Geschichte"?

Der Mann, dem vorgeworfen wird, verantwortlich für den Tod von 30 000 Juden zu sein, ist vielfach ausgezeichneter Publizist. Peter Grubbe, 81, war vom August 1941 bis zum Mai 1942 kommissarischer Kreishauptmann in der galizischen Stadt Kolomea. Die damals etwa 30 000 dort lebenden Juden wurden fast allesamt deportiert und vernichtet. Welche Schuld trifft Peter Grubbe?

Seit der Journalist Philipp Maußhardt vor kurzem ein jahrelanges Schweigen diesbezüglich beendete und seine Recherchen in der "taz" veröffentlichte, ist die detektivische Jagd auf Grubbe wieder eröffnet. Wußte Grubbe von der "Endlösung"? Tötete er eigenhändig? Oder ist er ein verhinderter Oscar Schindler, einer, der Schlimmeres verhütete?

Er wollte sich nicht "totschießen lassen"

Weü sein Vater gesagt habe: Dieser Hitler wird einen Krieg anfangen, sei er, Grubbe - der bis 1945 Claus Volkmann hieß -, als Verwaltungsbeamter ins Generalgouvernement nach Polen gegangen: Um sich nicht "totschießen zu lassen". In dieser Version klingt der Vater nach einem Anti-Faschisten und Hitler-Gegner - wie später Grubbe sich auch selbst sieht. Davon kann aber keine Rede sein. Grubbes Vater, der Schriftsteller Erich Otto Volkmann, dichtete Sätze wie diese: "Das Herz des Führers schlägt ruhig. Der Rausch des Glücks verwirrt ihn nicht. Auch in dieser Zeit fühlt er sich in stolzer Demut als Gesalbter des Herrn, als Werkzeug einer höheren Macht." Angeblich auch auf Anregung des Vaters trat der Neunzehnjährige nach der Machtübernahme flugs in die NSDAP ein: im März 1933. Und mit siebenundzwanzig Jahren, gleich nach dem Jura-Examen, wird der erfolgreiche NS-Yuppie schon Kreishauptmann in Gallzien.

Im "Spiegel"-Gespräch sagt Grubbe nun, er sei nur ein "Aushängeschild", nicht Teil der Tötungsmaschinerie gewesen. Das ist schlicht falsch.'EFwär m' Kolomea die Nummer eins. Heinz Höhne, Zeitgeschichtler und als Verfasser des Werkes "Der Orden unter dem Totenkopf' ein Experte, hält es für ?zwingend", daß der Kreishauptmann die Judendeportatiönen anordnete: "Natürlich beschloß er das nicht persönlich, das geschah innerhalb einer Befehlskette."

Das Getto unterstand der Zivüverwaltung, und deren Chef war in Kolomea eben Grubbe. Der meint nun, er habe sich in einem "Krieg" mit der mordenden SS und der Gestapo befunden und eigentlich gegen sie opponiert.

Der Schriftsteller Werner Steinberg, der den Fall schon mal 1989 unter dem Titel ?Die

Leiche im Keller des Peter nes Kreishauptmannes wie Grubbe" publizierte, schrieb, Volkmann/Grubbe gehandelt daß "das einzige, was Volkmann hätte, dann wäre das auch ein an diesen Vorkommnissen be- Affront gegen Frank gewesen, klagte" - nämhch an Massen- Die Auseinandersetzungen hinrichtungen im Wald von Sze- mit SS und Gestapo waren nach parowice - "war, daß er häufig einer ganzen Reihe von Zeugenvon Leideritz (dem Gestapo- aussagen mehr ein Streit darum, chef) nicht über die geplanten wer wovon profitieren durfte. ,Aktionen' unterrichtet wurde, Volkmann galt als bestechhch, sondern erst nachträglich davon er soll den sicheren Tod von Geterfuhr. " toisierten mehrfach hinausgezö-

Auch die Tatsache, daß die gert haben, wenn er nur entspre- 30 000 jüdischen Bewohner von chend Schmuck und antiquari- Kolomea während Volkmanns sehe Wertgegenstände erhielt. Amtszeit fast voüständig deppr- Die Anordnungen für die Detiert "wurden, spricht night W'^fr'ortatiorien gingen dann trotzsehr für einen "Krieg" zwischen dem über seinen Schreibtisch - Volkmann und der SS/Gestapo, nur etwas später. Höhne: "Generell gab es zwischen der Zivüverwaltung und der SS Kompetenzstreit, aber innerhalb eines bestimmten Rahmens." Und wie sollte denn so ein "Krieg" ausgesehen haben, der diesen Namen verdient? Grubbe unterstand schheßhch Hans Frank. Und der unterstand nur noch Hitler.

Franks Gouvernement hatte einen besonderen Status unter den besetzten Ländern - es war eine Zivüverwaltung. Dadurch kam es zu dem Konflikt zwischen Zivilverwaltung und SS. Aber das Sagen hatte der Generalgouverneur Frank. Wenn ein SS-Mann gegen die Weisung ei- Formaljuristisch ist er nicht faßbar

Grubbe bestreitet auch gar nicht, daß ihm "allmählich klar" wurde, was in Polen geschah der Auftakt zur "Endlösung". Er räumt ein, was "ihn nicht unmittelbar belastet", wie schon Steinberg feststellte. Grubbe weiß, "daß er formaljuristisch nicht faßbar ist".

Wenn er aber nichts vertusehen, verbiegen wollte, wie der eloquente, charmante und hochintelligente Publizist seinen Kritikern versichert, wozu dann die Metamorphose von Volkmann zu Grubbe? Um das zu erklären, muß wieder der Vater herhalten. Grubbe meint, er wollte auch Schriftsteller werden - aber nicht vom Ruhm des Vaters zehren und habe deshalb den Namen geändert. Und das fiel ihm schlagartig zur Niederlage Deutschlands ein. Und mit der Bezeichnung "Gefreiter im Krieg" tat er über Jahrzehnte seine NS- Vergangenheit ab.

Die Darmstädter Staatsanwaltschaftermittelte 1963 gegen ihn, da eine Zeugenaussage vorlag, nach der Grubbe die jüdische Schneiderin Sarah Becher erschossen haben soll. Das Verfahren wurde eingestellt. Simon Wiesenthal, Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, sagte nun, er habe noch weiteres belastendes Material. Dann fragt man sich, warum er das bisher zurückgehalten hat. Formal ist der Jurist Grubbe gut gewappnet. Auch der siebenseitige Bericht des "Stern" bringt außer moralischrhetorischen Fragen kaum etwas Neues. "Meine Geschichte ist doch eine normale deutsche Geschichte", sagte Peter Grubbe letzte Woche. Damit wollte er sich entlasten. Doch es klingt eher wie eine Anklage gegen seine Generation.