Der ungeliebte Umweg

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Von MATTHIAS SCHMOOCK

Genau in der Mitte, wo andere Städte ihre Bahnhöfe und Fußgängerzonen haben, liegt in Hamburg die Alster - immer im Weg. Seit gut 130 Jahren versuchen Planer diesen mißlichen Zustand mit Brücke oder Tunnel zu beenden - vergebens.

Ähnliche Gedanken haben sich Menschen schon vor mehr als 130 Jahren gemacht, und oft stand sie scheinbar unmittelbar bevor: die Eroberung der Alster.

Mit der Stille unten am Fluß war es spätestens vorbei, als der Stadtteil Uhlenhorst in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschlossen wurde. Klar, daß die betuchten Neu-Anwohner das gegenüberliegende Ufer schneller und trokkener erreichen wollten, als dies mit dem recht primitiven Fährbetrieb möglich war. Schon 1862 hatte das "Konsortium Uhlenhorster Grundbesitzer" deshalb bei der Stadt Pläne für eine niedrige Holzbrücke eingereicht, die zwischen Carlstraße (Uhlenhorst) und Alsterchaussee (Harvestehude) gebaut werden sollte. Nach der Ablehnung dieses Konzeptes schoben die Ohlenhorster ein neues nach: Zwischen zwei

auf den noch unsere Nachkommen beschämt als ein Product des Krähwinkelthums ihrer Eltern hinweisen müßten".

Allzu groß kann der Lokalpatriotismus dann aber doch nicht gewesen sein. Denn umgehend versuchte die Zeitung, ihre Leser für ein anderes Projekt zu gewinnen, das dem "elenden Damm" in nichts nachstand: ? . . . die elegante und kühne Construction einer Kettenbrükke". Beide Vorhaben wurden von der Bürgerschaft geprüft und gottlob abgelehnt.

Die Schwäne hatten gerade ein paar friedliche Runden gedreht - da ging das Hin und Her schon wieder weiter. Erneut im Jahr 1862 meldete sich der Wasserbauingenieur F. W. Roesing aus Hannover zu Wort. Er plante eine "Brücke unter der Alster hindurch" (einen Tunnel also), und"gas* ?r"' -ab-

stellte das Projekt in den "Hamburger Nachrichten" unter der Überschrift "An meine Mitbürger" vor. Der zukünftige Bauherr plante, eine ungefähr 65 Meter lange Durchfahrt zwischen zwei künstliche Inseln zu legen, die ihrerseits durch Dämme mit dem Festland verbunden waren.

Vor den Eingängen wollte Roesing Bassins mit Springbrunnen anlegen lassen - "bei gutem Wetter in Activität und durch die Alster selbst gespeist". Nachdem seine Mitbürger aufmerksam geworden waren, publizierte Roesing 1863 ein Büchlein mit Zeichnungen, die den Hamburgern seinen Tunnel schmackhaft machen sollten. Auf einem Bild sah man Pferde, Hunde, Spaziergänger und spielende Kinder im Tunnel fröhlich vereint, dazu Texte wie: "Vor Jahresfrist nannte ich dieses Werk eine Perle in unserer Alster und bin noch fest überzeugt, daß ich nicht zuviel gesagt habe." Es nützte nichts: Roesing konnte die Bedenken gegen das Bauwerk, das vielen unheimlich war, nie zerstreuen. Bei seinem Tod waren die Tunnelpläne längst zu den Akten gewandert.

Der Alstertunnel wurde bis in die jüngste Zeit diskutiert, etliche Projekte wurden entwickelt und wieder verworfen: 1955, als niemand es merkwürdig fand, eine Stadt ?autogerecht zu gestalten, tauchte im Bebauungsplan eine Verbindung von Altona nach Barmbek auf - sie unter- äuerte die Alster zwischen Fähramm und Karlstraße.

1961 war die nächste Trasse im Gespräch: eine Stadtautobahn als neue Ost-West-Verbindung zur Entlastung der Lombardsbrücken. Diesmal sollte der Alstertunnel zwischen Klein-Fontenay und Bülau-Straße (nähe AK St. Georg) verlaufen. Aber weil das noch nicht gigantisch genug war, regte Bausenator Buch an, in diesem Tunnel einen Abzweig zu schaffen, der zu einer Tiefgarage (3000 Plätze) unter der Binnenalster führt.~JUkM~~~,*

Sieben Jahre später (1968) ver- öffentlichte das "Hamburger Abendblatt" einen Plan der Baubehörde: ein Tunnel von der Sechslingspforte zur Fontenay, der "spätestens in zehn Jahren" fertig sei. Statt dessen tauchte 1978 im Generalverkehrsplan ein Konzept auf, nach dem auf der Uhlennorster Seite Karlstraße, Zimmerstraße und Beethovenstraße vierspurig ausgebaut werden sollten, weil dort laut damaligem Bebauungsplan "eine Trasse für die Untertunnelung der Alster" vorgesehen war. Glücklicherweise ließ die Bezirksversammlung Nord auch diesen Plan wieder fallen.

1983 wollte die Umweltbehörde "demnächst" einen Tunnel anlegen, diesmal zwischen Schwanenwik und Atlantic-Hotel. Kosten für das Bauwerk, das die Alster nicht durchkreuzte, sondern unterhalb der Uferlinie verlief: mindestens 70 Millionen Mark. Auch dieser Vorschlag wurde nicht realisiert.

Natürlich hat ein Projekt wie das Letztgenannte einen großen Vorteil: Die Autos würden unter der Erde verschwinden, "oben" könnte man auf grünen Wiesen in aller Ruhe flanieren wie Anno 1910. Es ist müßig, diese Träume weiterzuspinnen: Tunnel, Brükke und Damm sind bekanntlich nie gebaut worden, die Alster blieb eine unberührte Oase im Großstadtgewühl. Und sie wird es wohl bleiben.

"Inzwischen weiß man", so Matthias Thiede, Pressesprecher der Baubehörde, daß Tunnel den Verkehrsfluß bremsen, weil die Autofahrer ihre Geschwindigkeit in den unterirdischen Schläuchen reduzieren. Täglich fahren 85 000 Autos alleine über die Straße An der Alster. Würde man die durch einen Tunnel schleusen, gäb's Mega-Staus." Und außerdem meint Thiede: ?Egal ob Tunnel oder Brücke das würde etliche Millionen kosten. Das Geld nutzen wir lieber für den Wohnungsbau - davon haben alle mehr.

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