Brite achteinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis

Ein verpfuschtes Leben

Von MARGOT DANKWERTH und H. W. JÜRGENSONN Bielefeld - In der Justizvollzugsanstalt Bielefeld- Brackwede rasseln die Schlüssel. "Simmons, Besuch. Ihr Anwalt." Haftung Richard Simmons (33) wundert sich. Seit einem Jahr hat er seinen Verteidiger Peter WüUer nicht mehr gesehen. Was wül er? Der Vollzugsbeamte führt den früheren britischen Soldaten ins Besucherzimmer. Er ist ungewöhnüch freundllch. "AUes gut, Herr Simmons?" Anwalt WüUer kommt gleich zur Sache: "Gute Nachrichten. Morgen smd Sie frei."

Der Armeefahrer Richard James Simmons wurde am 13. Mai 1986 vom Bielefelder Schwurgericht zu 15 Jahren Haft verurteüt: Mord in Tateinheit mit Vergewaltigung, befand Richter Walfried Woiwode. Ein Indizienprozeß: Blutprobenvergleiche mit den Spermaspuren an der Leiche der Schülerin Sabine Rosenbohm zeigten: Simmons hat ebenso wie der Täter die Blutgruppe "A positiv".

Ein neues Gutachten beweist: Der Verurtellte kann gar nicht der Mann sein, der Sabine Rosenbohm ün April 1985 tötete. Zu diesem eindeutigen Befund kommt eine Erbgutanalyse, die Rechtsanwalt WüUer in Auftrag gab: Der genetische Fingerabdruck von Simmons ist mit dem der Spermaproben nicht identisch.

Nach siebeneinhalb Jahren Gefängnis und einem Jahr Untersuchungshaft wurde er freigelassen. Simmons lacht. Und wükt gleichzeitig etwas ratlos. Begriffen hat er es noch nicht. Später berichtet er: "Ich habe die Nachricht gehört, aber nicht kapiert. Ich dachte, ich spinne. Das glaube ich erst, wenn ich draußen bin. Als ich wieder rauf in die Abteüung kam, wußten es schon aüe. Es war ein Riesenjubel, sie haben mir gratuliert. Ich war total verwirrt."

- ?Manchmal glaub- S S te ich selber, ich sei der Mörder. Manchmal dachte ?? ich, ich sei irre. % 9

Stets hatte Simmons seine Unschuld beteuert, schrieb hundert Anwälte an - vergebllch. Im Frühjahr 1992 wandte er sich an Peter WüUer. Er erreichte ein Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Münster.

Aber acht Jahre Einzelzelle haben ihre Spuren hinterlassen. Simmons hat sich verändert. Er ist stül geworden. In den ersten Monaten hatte er rebel- Uert. "Anfangs habe ich nur randaliert. Dachte, jetzt bringst du wirküch einen um, wenn du schon dafür büßen mußt."

Das Personal hat Angst vor dem rabiaten Haftung, der kein Wort Deutsch spricht. Anstaltspfarrer und Psychologen bemühen sich - vergebüch. Mithäftünge drohen dem vermeintüchen Sex-Mörder: "Kleine Mädchen vergewaltigen und umbringen! Du Schwein!"

- ? Meine Familie hat S X sich von mir losgesagt. Ich weiß nicht einmal, wo mein ? ? Vater heute lebt, w ?

Dann die Depressionen, Selbstmordversuche, Selbstgespräche. .. Immer wieder grübeln. Über das Urteü. Deutet nicht vieles daraufhin, daß er doch der Mörder sein könnte?

Das Schlimmste: Die Famüie distanziert sich, auch alte Freunde woüen nichts mehr von ihm wissen. Nur die Schwester hält Kontakt, schreibt Briefe, §laubt an seine Unschuld, limmons hat kernen Halt mehr ün Leben.

Erst nach mehreren Jahren glätten sich die Wogen. Mit Hufe emer Zeitung und des Fernsehens lernt Simmons deutsch - um seine Verteidigung besser betreiben zu können. Er findet Freunde - auch unter den Wärtern. Einige haben inzwischen seine Akte gelesen. Sie glauben an seine Unschuld.

Dann der Abschied. Simmons packt seine Sachen. Den Fernseher schenkt er

der Krankenstation. "Es küngt komisch, aber ich war traurig. Ich wußte, ich verlasse meine Famüie. Ich wußte, draußen bin ich ganz alleme."

Am letzten Morgen bringen ihm die "Knackis" das Frühstück ans Bett. Nicht nur die Wärter kriegen feuchte Augen. Kurz nach zehn Uhr ist Richard Simmons draußen. "Es war wie ein Schock. Was mache ich jetzt bloß? Die Justiz hat mein Leben verpfuscht."

Der Mörder von Sabine Rosenbohm ist noch nicht gefaßt. Achteinhalb Jahre hat Richard Simmons für die entsetzüche Tat des Unbekannten gesessen.

Seine Gefühle? "Sollte ich dem Mann mal gegen- überstehen, sag ich ihm: Paß auf, ün Knast wirst du sehr einsam sein. Ich wünsche ihm, daß er in meine alte Abteilung kommt. Das wird er nicht überleben."

Die Leiche lag unter einem Rosenbusch

Ein frühüngshafter Abend ün April 1985. In der Diskothek "Sir Henry" in Lübbecke (Westfalen) lernt Richard Simmons die Schülerin Sabine Rosenbohm kennen. Musik, Tanz, Alkohol und ein Fürt. "Ich bringe dich nach Hause", sagt der britische Soldat.

Am nächsten Morgen wird Sabines Leiche unter einem Rosenbusch gefunden - blutverschmiert und halbnackt. Für Staatsanwalt Klaus Detlev Roewer ein klarer Fall: Er fordert 15 Jahre Haft für Simmons - doch der beteuert immer wieder seine Unschuld. "Ich weiß nichts. Ich war doch betrunken."

Die Schlüsselfigur in dem Indizienprozeß: Gerichtsmediziner Steven Rand stellt fest, daß Simmons' Blutgruppe mit der des Mörders übereinstimmt. Richter Walfried Woiwode folgt der Argumentation der Anklage. Auch heute noch steht er zu seinem Urteü: "An meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Nur, daß der Mann jetzt frei ist."

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