Ein freundlicher Melancholiker

Avantgarde-Ritter von zwar trauriger, aber höchst ästhetischer Gestalt: Das ist nur ein Attribut des britischen Multitalents David Sylvian.

"Nur" Musiker zu sein, das ist dem Briten David Sylvian entschieden zu wenig. "Vor allem bin ich ein Künstler, der ehen auch Musik macht - unter anderem, um deren Dimensionen neu zu definieren." Mit seinen 36 Jahren Uegt die handelsübüche Pop-Karriere Welten hinter ihm; wenn er sich mit einem konkreten Arbeitsergebnis aus der Versenkung meldet, dann nur, weü er (und nicht etwa seine Plattenfirma) es so will.

"Bekannt" ist er einem breiteren Publikum nicht, ein "Star" schon gar nicht. Sylvians Alben gehören in die Kategorie jener raren Geheimtips, die man ausschließüch guten Freunden empfiehlt; Menschen, denen man die Ohren für neue Klänge öffnen möchte. Gegen die aufmunternde Traurigkeit eines so wunderbaren Sylvian-Klassikers wie "Let The Happiness In" sind Wenders- oder Tarkowski-Füme (beides Regisseure, mit denen er bei passender Gelegenheit gern zusammenarbeiten würde) der pure Klamauk.

"Manchmal hebe ich es, in klar abgegenzten Strukturen zu arbeiten. Ein rei-Minuten-Popsong ist, mit all seinen Einschränkungen, doch etwas Wunderbares. Deswegen arbeite ich auch so gern mit diesem Format - und mit Balladen. Es ist faszinierend, sie bis aufs AUernötigste zu reduzieren."

Interviews mit Sylvian smd reine Glückssache. Er gilt zwar als menschenscheu, entpuppt sich dann jedoch als recht kommunikativ. Bei unserem Gespräch in einem Hamburger Nobelhotel, hinter einer Sonnenbrüle versteckt, redet er ausführüch und wohldurchdacht über augenbücküche Pläne. Denn inzwischen interessieren ihn nur noch Projekte, die mit der Normalität des Musikbusiness, dem Wettlauf um die schnellste Mark, rein gar nichts mehr zu tun haben wollen.

Einige Beispiele für die Vielschichtigkeit seiner Arbeiten gefäUig? Mit Ryuichi Sakamoto (von ihm stammt

unter anderem die Musik für Bertoluccis Epos "Der letzte Kaiser") schrieb er 1983 "Forbidden Colours" als Titelsong für den David Bowie-Film "Merry Christmas, Mr. Lawrence".

Mit dem exzentrischen Kölner Klangtüftler Holger Czukay, seinerzeit bei "Can", surfte er nächtens über die Radiowellen, sammelte ätherisches Strandgut, bündelte und verfremdete, was man dabei fand, zu träumerischen Vinyl-Impressionen.

Unter dem Titel "Ember Glance: The Permanence of Memory" instaüierten Sylvian und der britische Künstler Russeü Mills in einer Tokioter Lagerhalle für wenige Tage einen außergewöhnlichen Klangraum: die Besucher gingen im Dämmerücht durch Schleier, hörten ruhige, versponnene Musik und waren in diesem kleinen Labyrinth ungestört ihren Gedanken und Erinnerungen ausgesetzt. Könnte man diese meditativen Klänge in Farben ausdrücken, es kämen dafür nur warme, herbstliche Pasteütöne in Frage.

Begonnen hat all das in England und vergleichsweise normal, mit einer Teenie-Band namens "Japan", Ende der Siebziger. Sylvian war gerade mal 16, Steve Jansen, Richard Barbieri und Mick Kam auch nicht viel älter. Es war die Zeit, in der ein Hauch nöüger Dekadenz ä la "Roxy Music" schücht unverzichtbar schien. Sylvian ließ sich die Haare weißblond färben und dem Rest der Band ein entsprechend grelles Outfit verpassen. Und "Japan" wurde zur Kultbai, J. Doch es kam, wie es kommen mußte. Die Egos gerieten aneinander, man trennte sich im Streit.

1983 begann Sylvian, ernsthaft über seine eigenen Zukunftsperspektiven nachzudenken. Ein Ergebnis dieses Reifeprozesses war die achtzigtägige Welttour "In Praise of Shamans", deren innovative Bühnen-Optik schon 1988 viel von dem vorwegnahm, wofür heute Pop-Ikonen wie "U 2" oder Peter Gabriel allenthalben bejubelt werden.

Doch jetzt hat das Warten von Sylvians kleiner, eingeschworener Fangemeinde wieder mal ein Ende. Denn die Wiederbegegnung mit seinem alten Freund Fripp hat Konsequenzen gehabt: "The First Day" (erschienen auf Virgin Records) nämlich, ein - für Sylvians Verhältnisse - ungewöhnlich rauhes Album. "Es war sehr spannend, mit Robert zu arbeiten und wieder an die Wurzein des Rock zurückzugehen. Wir verwandten mitunter sehr aggressive, einfache, Hendrix-ähnüche Riffs; die Texte andererseits handeln vor allem von frustrierten Existenzen."

Im Herbst soll es im Rahmen einer Welttournee auch deutsche Termine für die fünfköpfige Band geben. Aüerdings ohne die gängigen Bühnenexzesse dieses Genres. Sylvian süffisant: "Robert spielt seine Gitarre immer im Sitzen, und ich bin bei Live-Konzerten auch nicht unbedingt dynamisch." Macht alles nichts, solange er nur weiterhin seiner Maxime treu bleibt: Er wollte nie etwas anderes als Musik schreiben, die "Menschen in ihrem tagliehen Leben dabei helfen kann, über die Runden zu kommen", sagt er.

- David Sylvian: "The First Day". Venture CDV 2712 0777 7 88208 26 / Virgin