Erika Milee, die Doyenne des deutschen modernen Tanzes, wird 85 Jahre alt

"Ich tanz' Ihnen mal kurz die Vogelscheuche vor"

Von MONIKA FABRY

Hamburg - Welcher Ballettgänger in Hamburg kennt sie nicht, die zierliche alte Dame mit Hut und Blümchen in der Hand? Wer geriete nicht in Unruhe, wenn sie zu einer Bahettvorstehung nicht ganz vorne im Parkett der Staatsoper erschiene? Erika Milee ist eine Institution, und sie ist inzwischen die Doyenne des deutschen modernen Tanzes. Morgen wird sie 85 Jahre alt und mag es selbst nicht so recht glauben.

"Stehen Sie sich vor", sagt sie mit ihrer hellen Stimme, "ich hatte mich ja vollkommen vertan. Ich werde ja schon 85". Nicht, daß sie tüdelig wäre. Sie hat nur einfach mit diesem "Vergessen" einen Verdrängungsmechanismus in Gang gesetzt. Das Älterwerden kann sie nicht verhindern, aber vor dem Feiern graust es ihr. Und auch wieder nicht. Eigentlich ist es ja doch ganz schön. Denn speziell an solchen Tagen wird nicht nur der Mensch Erika Milee gefeiert,

sondern die Künstlerin gewürdigt, die mit den Großen des modernen Tanzes freundschaftlich verbunden war und selbst einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Als Meisterschülerin Rudolf von Labans hatte die gebürtige Hamburgerin Ende der 20er Jahre eine Tanzschule an der Rothenbaumchaussee eröffnet, wo sie nicht nur die Laban-Technik lehrte, sondern auch choreographierte. "Sie sind eine der ganz wenigen, die absolut in meinem Sinne arbeiten", hatte von Laban seiner Schülerin den Ritterschlag gegeben.

Laban war ihr Gott

Noch heute, so will es scheinen, zehrt Erika Milee von diesen höheren Weihen. Denn Rudolf von Laban, der große Anreger und Reformer des Tanzes, war ihr Gott. Ein zweiter hat sich hinzugeseht: John Neumeier, Hamburgs Bahettchef . "Ich habe eine große Verehrung für Menschen, die etwas Geniales haben", sagt sie mit Selbstverständlichkeit. Die Arbeit mit Kurt Joos in dessen Balletten, ihre Praxis an der Essener Folkwangschule scheinen gegen sie zu verblassen.

Zum letzten Male stand Erika Milee 1933 in Hamburg mit eigenen Tänzern auf dem Programm eines Künstlerfestes, dann diente ihr, der Jüdin, nur noch der "Jüdische Kulturbund" als Forum für Tanzabende. Hier erarbeitete sie neben großen chorischen Werken jene Solostücke wie "Schatten", "Slawischer Tanz" oder "Die Vogelscheuche", die sie als Achtzigjährige privatissime noch darbot. "Ich tanz' Ihnen mal kurz die Vogelscheuche vor", sagte, sie und zog entschlossen die Ärmel ihres Puhovers über die Hände. Aus der kleinen Küche wurde dann unversehens das Podium für eine große Künstlerin.

Daß Erika Milee Heihgabend geboren wurde, hat symbolhaften Charakter, denn Frieden fand sie im Tanz. Sie, die sich eine "Juden-Christin" nannte, hat in Auschwitz und Theresienstadt ihre gesamte Familie durch die Nazihäscher verloren. Kapital hat sie nie daraus geschlagen.

Rückkehr aus Südamerika

Eine Berufung an die Tanzabteilung der Kunsthochschule in Paraguay rettete ihr 1939 vermutlich das Leben. 20 Jahre später kehrte die in Südamerika als "La divina Erika" Gefeierte zurück, um zu unterrichten und den "Kreis Hamburger Ballettfreunde" zu gründen, wo sie noch immer aktiv ist.

Doch dem Alter muß sie inzwischen Tribut zohen: mehr als hundert Stufen klettert sie täglich in ihre Dachwohnung. Das fällt ihr allmählich genauso schwer, wie endlich mit dem Schreiben ihrer Memoiren zu beginnen. Eigenthch wohte sie damit ja schon kurz nach ihrem 80. Geburtstag anfangen.

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