Der Flugzeugabsturz von StellingenAnwohner- Reaktionen am Tag danach

Angst vor der Katastrophe wächst

Auch einen Tag nach dem Flugzeugunglück von Stellingen rätseln die Experten noch über die Absturzursache. Mitarbeiter des Luftfahrtbundesamtes haben gestern die Unfallstelle untersucht und die Wrackteile der zweimotorigen Cessna 421 zur Untersuchung nach Braunschweig verladen lassen. Der bei dem Absturz ums Leben gekommene Pilot ist der 52 Jahre alte Bonner Musikverleger Ernst Rüdiger Voggenreiter. Die Stimmung der Anwohner schwankte am Tag nach dem Unglück zwischen verhaltener Neugier und Angst.

"Das haben wir immer befürchtet", sagt der 43 Jahre alte Anwohner Fritz Reusch und sieht auf die abgesperrte Absturzstelle. "Bei dem Knall dachte ich, das Dach fliegt weg. Der Fernseher ist richtig hochgesprungen." Er wohnt nur etwa 150 Meter entfernt.

Die in zwei Teile zersplitterte Maschine liegt auf dem Kronsaalsweg - nur wenige Meter von einem Wohnhaus und einer Firma für Medizintechnik entfernt. Einzelne Trümmerteile sucht die Polizei in einer schmalen Baumschneise an der Parzelle "Gartenfreunde Morgenpracht".

Zwischen den Wrackteilen weht noch ein grüner Schal. Akten und Papiere flattern über die Straße, neben dem Bug liegt ein herausgerissener Flugsessel.

Anwohner sehen neugierig auf die abgesperrte Unfallstelle. Einige von ihnen haben Videokameras und Fotoapparate mitgebracht - Erinnerungsfotos an ein Unglück, das fast eine Katastrophe geworden wäre - wenn die Maschine nur wenige hundert Meter weiter aufgeprallt wäre.

In der nahen Firma für Medizintechnik lagern Sauerstoff-Flaschen. "Sie hätten bei einer Explosion einen Krater gerissen", sagt Mitarbeiter Heiner Lahmann. Als freiwilliger Feuerwehrmann wurde der 22jährige am Donnerstag abend zur Unflücksstelle direkt neben seiner irma geschickt. "Großer Flugunfall" hieß die Alarmierung bei der Feuerwehr. "Wir dachten auf der Fahrt alle, eine Passagiermaschine sei abgestürzt", sagt Lahmann. "Die Stimmung war sehr schlecht."

Der Gedanke an das Ausmaß einer abgestürzten Passagiermaschine drängt sich den Nachbarn beim Anblick der Wrackteile immer wieder auf. ?Wie oft habe ich

schon darüber nachgedacht", sagt der 54 Jahre alte Hans Lühmann. Er wohnt nur 250 Meter von der Absturzstelle entfernt. "Dieser Unfall gibt zu denken", sagt Lühmann. Heute würde er nicht mehr nach Stellingen ziehen. "Manchmal kann man die Flugzeuge fast anfaßen," sagt er.

Die Hamburger CDU forderte am Freitag deswegen auch erneut die Verlagerung des Flughafens nach Kaltenkirchen.

Die Anwohner diskutieren, wie dieses Unglück passieren konnte. "Es gab einen riesigen Knall", sagt Gerhard Steinert. Der 61jährige hatte vorher noch gehört, wie der Motor in der Luft aussetzte, dann sah er einen Blitz.

Auch die Experten des Luftfahrtbundesamtes in Braunschweig hatten am Freitag noch keine Erklärung. Zwei Mitarbeiter waren am Morgen angereist,

um die Untersuchung zu leiten. Sie prüften die Trümmerteile, notierten die jeweilige Lage, sprachen mit Zeugen. Die aus dem Flugzeug herausgeschleuderte und in mehrere Stücke zerrissene Leiche des 52jährigen Piloten wurde bereits nachts um 3 Uhr aus dem Trümmerfeld geholt.

Die sechs- bis achtsitzige Cessna war ohne Probleme gestartet. "Absolute Routine", sagt Flughafensprecher Clemens Finkbeiner-Dege. Der Pilot Ernst Rüdiger Voggenreiter hatte aus Zürich einen Passagier nach Hamburg geflogen und war nach einer halben Stunde Aufenthalt um 22.38 Uhr wieder in Richtung Köln gestartet. Wahrscheinlich schon zwei Minuten später stürzte er ab. Die Cessna muß zu der Zeit etwa 300 Meter hoch geflogen sein. Der Verleger gab keinen Notruf ab.

Der 52 Jahre alte Ernst Rüdiger Voggenreiter war ein international erfolgreicher Verleger von Veröffentlichungen der Musikwissenschaft und Instrumentalmusik. Der begeisterte Flieger galt aber auch als Pilot der Prominenz und flog beispielsweise Günter Strack oder Günther Jauch zu Terminen. Voggenreiter war in Prominenten-Kreisen sehr bekannt, tauchte jedoch nie im Vordergrund auf.

Der 52jährige hatte 25 Jahre Flugerfahrung und besaß seit 20 Jahren ein eigenes Flugzeug. Standort: Flughafen Köln-Bonn. Er galt als zuverlässiger und bedächtiger Flieger, der noch nie zuvor einen Unfall hatte.

Der 1940 in Potsdam geborene Voggenreiter übernahm 1972 den Verlag von seinem Vater Heinrich, nachdem er schon einige Jahre dort mitgearbeitet hatte. In einem BetrieDswirtschaftsstudiuin hatte Voggenreiter sich auf die Übernahme des Verlages, der seit 100 Jahren in Familienbesitz ist, vorbereitet.

Sein Vater hatte in dem Verlag überwiegend Belletristik verlegt. Ernst Rüdiger Voggenreiter stellte um auf Buch- und Schallplattenveröffentlichungen mit den Schwerpunkten Chanson und Folklore. In Bonn-Bad Go- In den Hallen des Luftfahrt-Bundesamts in Braunschweig sta- §eln sich zeitweise Tonnen von chrott. In akribischer Kleinarbeit sichten und numerieren mehr als 150 Piloten und Ingenieure selbst kleinste Splitter abgestürzter Flugzeuge, ordnen sie zu und bauen das Flugzeug wieder zusammen - so gut es geht.

Der Absturz wird rekonstruiert: Hat es eine Explosion gegeben? Welches Teil brach zuerst? Wie traf das Flugzeug auf der Erde auf? Dann beginnt die Suche nach der Ursache - etwa ob

Ein Pilot der Prominenz

Ursachenforschung im Schrott

desberg unterhält der Verlag auch ein Tonstudio.

Voggenreiter förderte und verlegte unter anderen Reinhard Mey, Hannes Wader sowie Schobert & Black, brachte Songbooks von Herbert Gronemeyer und Klaus Lage auf den Markt.

Voggenreiter, der geschieden war, hinterläßt zwei Söhne im Alter von 23 und 25 Jahren. ml/jak

die Steuerung versagte oder ein Triebwerk ausfiel. Das kann manchmal Monate dauern.

Die Klärung von Unglücksursachen ist nur eine Aufgabe des Luftfahrt-Bundesamts, das dem

Bundesverkehrsministerium untersteht. Seine Mitarbeiter müssen außerdem jedes Flugzeug prüfen, das auf dem deutschen Markt zugelassen werden soll. Sie prüfen Piloten, überwachen die Fluggesellschaften in Deutschland und kontrollieren Wirtschaftlichkeit und Technik im Flugbetrieb. au

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