Gespräch mit Star-Pianist Ivo Pogorelich

"Ich bin enorm faul"

Von KALLE BURMESTER Hamburg - "Dadip baduu dabadaba dadip baduu ..." - so kennt man ihn gar nicht: Mitten in einem Satz über die rechte Balance von Intellekt und Emotion beim Klavierspielen unterbricht Ivo Pogorelich (33) das Gespräch, um den Hotel-Pianisten bei Brubecks "Take five" zu begleiten. "Ich liebe es" - der Belgrader und Wahl-Londoner ist (passiver) Jazz-Fan. So aktuell wie für viele Jazz, ist für Pogorelich die Musik der großen Toten: "Mit Genies kann man über Jahrhunderte hinweg kommunizieren, wenn man weiß, wie."

Heute um 19.30 Uhr gibt Pogorelich einen Mozart-Beethoven- Brahms-Abend in der Hamburger Musikhalle. "Sie sind alle drei Vertreter der Wiener Schule", erläutert er sein Progamm, "und nutzen das Klavier, um sehr intime Dinge auszudrücken. Bei Mozart muß man allerdings unter der galanten Oberfläche erst seine Tiefe finden."

Pogorelich gibt nur etwa 60 Konzerte pro Jahr, auch Platten bringt er vergleichsweise wenige heraus. Sein Motto ist "Kunst braucht Zeit". Den Vergleich mit einer Suppe, die - zu lange auf dem Feuer - an Geschmack verliert, läßt er nicht gelten: "Ich arbeite wie ein Juwelier, der so präzis - und dem Objekt angemessen - poliert, wie er kann. In aufrichtiger Kunst hat man Intentionen und irgendwann ein Ergebnis. Beim Kochen geht's nur darum, schnell zu essen."

Pogorelich ist offener geworden. Als seine schwächste Seite bekennt er freimütig: "Ich bin enorm faul." Ging er früher zuweilen recht schroff mit Kollegen oder Kritikern ins Gericht, so wählt Pogorelich heute moderatere Töne. Dennoch klagt er: "Die Kritiker denken, ihre Vorstellungen seien Standard. Aber sie sind an schlechten Beispielen geschult worden. Sie müßten flexibler sein, um mich zu verstehen. Dadurch bekomme ich manchmal falsches Lob." Spitzfindig fügt er hinzu: "Es ist schlecht, wenn Komplimente nicht richtig adressiert sind."

Aus seiner Hochachtung sich selbst gegenüber hat er nie einen Hehl gemacht. "Es ist witzig", beginnt er ungefragt, "man hat mir von einer Sendung erzählt, in der junge, sehr talentierte Pianisten ihren Lieblingskünstler nennen sollten. Alle sagten: .Pogorelich'. Gefragt, warum, hieß es: ,Er ist einzigartig'." Daß die junge Generation - laut Pogorelich - versucht, ihn zu kopieren, sieht er nicht als Gefahr: "Um seinen eigenen Stil zu entwickeln, muß man zuvor andere genau studiert haben." Pogorelichs Vorbild war seine Lehrerin und heutige Ehefrau Aliza Kezeradze (47).

Ende Juni beginnt in Bad Wörishofen das 4. Ivo-Pogorelich- Festival, aber der Pianist hat schon neue Pläne. Im November 1993 wird in Pasadena/Kalifornien ein "Ivo-Pogorelich-Klavier-Wettbewerb" ins Leben gerufen. "Er wird ganz anders sein", erzählt er begeistert, "wir haben nur nach unten eine Altersbegrenzung. Die Teilnehmer müssen mehr als 21 Jahre alt sein. Wir wollen einen hohen Level." Dem Preisträger winken 100 000 US-Dollar.

In der Jury wird das "gebrannte Kind" (beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 1980 wurde Pogorelich nur zweiter, obwohl Martha Argerich in ihm ein "Genie" erkannte) nicht vertreten sein. Er ist Namensgeber und Sponsor des Preisgeldes. Der Sieger bei seinem Wettbewerb wird ausdiskutiert und nicht durch Addition der Juroren- Stimmen ermittelt. "In Warschau, da hatten sie's mit der Mathematik" - Pogorelich wendet den Kopf ab und verzieht genervt das Gesicht, schmunzelt aber gleich wieder. Er dürfte wissen, daß der Skandal damals seinem Karriere-Senkrechtstart dienlicher war als ein Sieg.

Für Hobbies hat Ivo Pogorelich "eigentlich gar keine Zeit ein bißchen Sport, ein bißchen Lesen". Die lateinamerikanische Literatur mag er wegen ihrer Virtuosität: "Ich liebe Milan Kundera. Ich habe in einer ähnlichen Welt gelebt, die er beschreibt. Seine .Unerträgliche Leichtigkeit des Seins' ist mir sehr nah."

Sehr nahe geht Pogorelich auch der Bürgerkrieg in seiner Heimat. Auf Dubrovnik bezogen, wo er ein inzwischen zerbombtes Haus besitzt, sagt er: "Ich hab' das noch nie erlebt, daß in einem Krieg Kulturdenkmäler zu primären Zielen wurden."

Ebenso engagiert fordert er zum Schluß des Gesprächs: "Ich wäre glücklich, wenn die Kritik wertiger über mein Aussehen schriebe, sondern die Regierungen angriffe, die immer weniger Geld für die Ausbildung junger Menschen ausgeben."

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.