Unter dem Motto "Zukunft Straße" blieb die Hoheluftchaussee für Autos gesperrt - neuer Raum für Fußgänger und Radfahrer

Vorfahrt für das Leben

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Eppendorfer und Eimsbütteler ließen sich von drohend schwarzen Wolken nicht abschrecken. Und auch nicht von Platz- und Dauernieselregen. Viele tausend Menschen eroberten gestern die Hoheluftchausse als ihren Lebensraum zurück. Acht Stunden lang blieb die verkehrsreiche Ausfallstraße nach Niendorf und zur Autobahn A 7 für den lärmenden und Abgase spuckenden Verkehr tabu. "Gesundsperrung" nannten die Veranstalter, mehr als 60 Initiativgruppen, sowie Sozial- und Umweltbehörde, ihre Aktion unter dem Motto "Zukunft Straße". Es gab Raum für Menschen, Musik, Theater und Diskussionen um neue Verkehrskonzepte für Hamburg.

Wie krank machen

die Autos?

tion, Gesundheitssenator Ortwin Runde und Umweltsenator Jörg Kuhbier, forderten deshalb die Einrichtung einer unabhängigen Verkehrsbehörde. Einen Sechs-Punkte-Plan hat der Initiativkreis "Gesündere Zukunft für Hamburg" vorgelegt. Gefordert werden ein Gesamtverkehrsplan für die Hansestadt, der Ausbau des Öffentlichen Personen- Nahverkehrs (OPNV) durch ein umfassendes Schnellbahnnetz und mehr Busspuren, sowie möglicherweise eine Stadtbahn als weiteres Verkehrssystem.

Noch im April 1990 hatte die Umweltakademie in einer "Pilotstudie Hoheluftchaussee" eine Zukunftsvision für die Hoheluftchaussee entfaltet: Unter üppigen Baumkronen flanieren Menschen. In der Mitte der Stra- ße surrt auf leisen Schienen die Linie 2 regelmäßig in die Stadt oder bringt nach Büroschluß die Menschen zurück in die Vororte. Keine Slalomstrecken mehr für Radfahrer zwischen parkenden Wagen und Fußgängern: Auf einem breiten Weg rollen sie unbehelligt ihrem Ziel entgegen. Nur noch wenige Autos fahren auf einer Spur zu beiden Seiten der Straßenbahn.

Zu schön um wahr zu sein? Zu wirklichkeitsfern erscheint die Idee, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt zu einer verkehrsarmen Oase "zurückzubauen". Was jedoch an realistischen Maßnahmen denkbar wäre, um die Stadt vom Individualverkehr zu entlasten, sollte gestern die Aktion "Zukunft Straße" der Öffentlichkeit zum Nachdenken mitgeben.

Und so sieht es derzeit auf Hamburgs Straßen aus: Der öffentliche Verkehr beansprucht fast zehn Prozent der Stadtfläche. Gegenüber 1989 stieg die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge um 20 000 auf 752 996 Fahrzeuge an. 14 356 Menschen wurden bei Verkehrsunfällen verletzt, 105 getötet.

Gesundheitsschädlich sind nicht nur die Folgen der Unfälle; Verkehrslärm bis zu 80 Dezibel auch in Wohngebieten, Smog und Abgase sind krankmachende Dauerbelastungen. Auf jährlich 500 bis 725 Millionen Mark werden die gesundheitlichen Folgekosten des Straßenverkehrs beziffert- . ",

Die Schirmherren der Ak- "Autofahren gefährdet ihre Gesundheit" ist die Kernausssage des Initiativkreises "Gesündere Zukunft für Hamburg". Mehr als 400 Menschen und Institutionen aus Gesundheits- und Umweltinitiativen, Verbänden, Vertretern der Krankenkassen und der Industrie haben sich 1988 in Hamburg zu der Initiative zusammengefunden. Beteiligt sind auch die Umwelt und Sozialbehörde der Hansestadt.

Fünf Arbeitsgruppen, Öffentlichkeitsarbeit, Volks- Alternativen für den Verkehr

Geld, das bislang für den Bau von Straßen und Parkplätzen vorgesehen war, soll für den öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden. Nach dem Verursacherprinzip könnten außerdem die Autofahrer über eine Anhebung der Mineralölsteuer belastet werden. Die Arbeitgeber sollen weniger Stellplätze für Autos zur Verfügung stellen und die Bildung von Fahrgemeinschaften unterstützen.

"Die Weichenstellung muß sofort erfolgen", sagte Jörg Kuhbier, "auch für den Handel, der mit ,im Stau steckt', eröffnen sich durch ökologische Verkehrskonzepte neue Chancen." Das allerdings sieht die Handelskammer, die auch vehement §egen die Aktion an einem onnabend eingetreten war, ganz anders. Geschäftsführer Günter Dorigoni: "Hamburg braucht als Wirtschaftsmetropole ein gutes Straßenverkehrsnetz und eine Ost-West-Tangente für den Durchgangsverkehr." Henning Jaeckisch von "Zukunft Straße" fürchtet: "Jeder Straßenausbau zieht Verkehr nach sich. Verkehrspolitik muß endlich mutige, neue Wege gehen."

REGINE LEY

Initiative für die Zukunft

wirtschaftliche Betrachtung des Straßenverkehrs, Umweltmedizin, Strukturver- änderung und Optimierung des OPNV wurden im Frühjahr 1989 gegründet, um Lösungswege für eine neue Verkehrspolitik zu erarbeiten. Als Grundlage zur Diskussion und Planung weiterer Maßnahmen auch auf politischer Ebene hat der Initiativkreis einen Sechs- Punkte-Katalog zur Verminderung der gesundheitlichen Schäden durch den Straßenverkehr veröffentlicht.

Hoffnungen und Zweifel

"Auch auf den Hauptverkehrsstraßen sollte man versuchen, den Verkehr einzuschränken und die Geschwindigkeit zu drosseln," sagt Dieter Bocksberger aus Wilhelmsburg. ?Vor allem die Kinder leben n gefährlich. Allein kann man die

Kleinen überhaupt nicht mehr auf ?die- Straße. lassen. Aber wiqhtig ist

dafür auch der Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs. In Wilhelmsburg habe ich es mehr als einmal erlebt, daß man am Bahnhof ankommt und einem der Bus vor der Nase davonfährt. So bewegt man mit Sicherheit niemanden zum Umsteigen," meint er.

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