Wie ich mich gegen die Geige und für den ETV entschied

Am Anfang stand die Spaltung. Weü sich die 60 Herren, die am 12. Juni 1889 in Jappes Wirtschaft an der heutigen Fruchtaüee uneinig waren, ob sie nun im Klubraum einer Wirtschaft oder in einer Schulturnhaüe turnen soüten, entstand neben dem "Eimsbütteler Männer-Turnverein" im selben Monat noch die "Eimsbütteler Turnerschaft". Im Februar 1898 fusionierten die beiden Vereine zum "Eimsbütteler Turn-Verband".

Der ETV hat heute in 18 Abteilungen 6800 Mitgüeder und ist damit Hamburgs drittgrößter Sportverein. 14 hauptberufliche Mitarbeiter sind für den Klub tätig.

100 Jahre Eimsbütteler Turnverband. Abendblatt-Mitarbeiter Rudolf Franz wurde als Zehnjähriger - vier Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg - Mitglied im damals größten Sportverein Hamburgs. Er schildert persönliche Erinnerungen an sein "Eimbüttel", wie die ETVer ihren Klub respekt- und liebevoll nannten.

jk

Mitgüed im ETV zu werden, war nicht mein freier Wiüe - eher ein Komplott zwischen meiner Mutter und unserem Hausarzt Dr. Jacobsen.

Schon bald saß meine Mutter auf der Empore der kleinen ETV-Haüe an der Bundesstraße und sah ihrem Fiüus, in weißer Hose und rotem Hemd, nicht ohne Stolz zu. Aber die Turnerei war auf die Dauer für den langen Kleinen nichts. Der hatte so seine Schwierigkeiten, sich bei der Bauch weüe um die Reckstange zu wickeln.

Wozu gab es den nach dem "Vater des ETV-Fußballs" benannten August-Bosse-Platz an der Hoheweide oder die Juüus-Sparbier-Plätze an der Bundesstraße? Zur Probe bolzte ich in geüehenen Stiefeln.

Zu neuen Tretern und einem Dreß kam ich auf ungewöhnüche Weise. In meiner Famiüe wurde Hausmusik großgeschrieben. Meine Schwester Ingeborg übte eifrig auf einem Rönisch-Klavier. Nun soüte ich eine Geige bekommen.

Bevor wir die Stufen zum Geigenbauer Winterung am Stephansplatz enterten, nahm mich mein Vater ins Gebet: "Fleißig üben mußt du schon. Hast du auch Lust dazu?" Mein heftiges Kopfschütteln genügte ihm. Er nahm mich an die Hand, und wir zogen zu Sportlepp an der Mönckebergstraße. Wieder zu Hause, meinte meine Mutter verwundert: "Eine eigenartige Verpackung für eine Geige." Neugierig öffnete sie das Paket selbst und staunte nicht schlecht über das, was hervorkam: Stiefel, Stutzen, Hose und Hemd.

Zum bordeauxroten Trainingsanzug hatte es nicht gereicht. Den bekam ich Weihnachten von Dr. Eduard Brose. "Edu" war an der Oberrealschule für Jungen am Kaiser-Friedrich-Ufer nicht nur mein Sportlehrer, er war auch ETV- Vorsitzender.

Es begann eine fußbaü-schöne Zeit. Wenn wir uns der Hamburger Meisterschaft näherten, spendierte unser Betreuer "Kaue" bei Eis-Ada an der Osterstraße eine Extra-Portion. Wir gingen ja üeber zu "Tante Anna" in der Bismarckstraße. Da waren die Portionen größer und im Hinterzimmer konnten wir an einem Fußbaü-Kickgerät unseren Vorbildern nacheifern.

Davon gab es viele beim ETV. "Ebbe" Stührk, der Erfinder der "Grätsche", Otto Rohwedder, der "Bomber" und Kopfbaü-Artist, Herbert Panse, der Abstauber nach Art von Gerd Müüer. Aües Nationalspieler. Vor aüem aber Hans Rohde. Der "eiserne Hans" spielte als Mittelläufer 25mal für Deutschland. Sein Vater, Gemüsehändler in Eimsbuttel, war ein Mann mit Herz. Zu jedem Alsterstaffeüauf fuhr er uns mit seinem Opel Bütz runter zur Alster.

Aber der ETV war für uns Jungs mehr als Fußbaü. Das war Spaß und Freizeitvergnügen total. Gleich nach dem Sonntags-Frühstücksei Uef ich die 300 Meter von unserer Wohnung zu "meinem" ETV. "Hanne" Voß unterwies uns in der Technik des Stabhochsprinfens, "Edu" Brose meinte, zum austbaü, dem ETV-Traditionssport, könnte man auch nicht früh genug kommen.

Und was es aües zu gucken gab. In der Haue trainierten Walter Richter und Robert Smuda für den Turnstädtekampf Hamburg/Leipzig/Berlin im Zirkus-Busch-Bau am Mülerntor, auf dem Bosse-Platz spielte die deutsche Meistermannschaft der Handbaü-Damen des ETV. Die wurfgewaltige Paula Mollenhauer holte sich 1936 in Berün so ganz nebenbei mit dem Diskus die olympische Bronzemedaüle.

Abschluß des Sonntagvormittags war regelmäßig eine Tischtennis-Partie in den Katakomben unter der Halle. Oben am Eingang wartete dann schon Hallenmeister "Onkel" Harfs. Der bekam von uns den Spindschlüssel und wir von ihm einen Karamelbonbon für den Nachhauseweg.

Nachmittas pügerten wir zum Tribünensportplatz Hoheluft und jubelten, wenn der HSV vor 25 000 Zuschauern gegen Nordmark-Meister ETV unter die Räder kam.

Lang ist's her. Aber mein Jugendtraum - das war schon ein toüer ETV.

Von Hans Liesche bis Svenja Schlicht

Ende der dreißiger Jahre waren Eimsbüttels Fußballer die besten Norddeutschlands, wurden mehrmals Nordmark-Meister. Hans Rohde, Otto Rohwedder, Erwin Stührk, Herbert Panse spielten damals in der Nationalmannschaft.

Berühmt machten den ETV auch andere. Der Hochspringer Hans Liesche, der 1912 olympisches Süber gewann, die Diskuswerferin Paula Mollenhauer (Bronze 1936), oder Hans-Heinrich Sievert, in den dreißiger Jahren Zehnkampf-Weltrekordler. Svenja Schlicht und Alexander Schowtka erschwammen 1984 in Los Angeles Sübermedaülen.

Trainer Arnold Achsel wurde mit den Handbaü-Damen viermal Deutscher Feld-Meister (1958/59/63/67).

Im Turnen führte das Ehe- §aar Julius und Irmgard Lüemann die Eimsbütteler zur deutschen Spitze. Susann Finsterwalder und Kathrin Kühl waren Anfang der siebziger Jahre die erfolgreichsten.

Faustball ist heute die führende Sportart des ETV. Das Männer-Team steht in der Bundesüga an zweiter Steüe. Claus Ehlbeck gewann mit der deutschen Nationalmannnschaft 1979 und '82 die Weltmeisterschaft.

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