Die Show zum 100. Geburtstag des Automobils langweilte Milüonen Zuschauer

Pfleghars fürchterlicher Fernseh-Flop

Eine Fernseh-Republlk ist empört, ja außer sich: Die "teuerste Fernseh- Show aller Zeiten" wurde zum teuersten Fernseh-Flop aller Zeiten. Eine Show? Ein Kriminalfall.

Tatzeit: Mittwoch, der 29. Januar 1986, 20. 15 Uhr bis 22.55 Uhr. Tatort: die Hanns- Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart und

Mülionen Fernsehschirme. Täter: Michael Pfleghar, Film- und Fernsehregisseur, geboren am 20. März 1933 am späteren Tatort Stuttgart. Art des Verbrechens: Verbreitung tödlicher Langewelle über einen öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal namens ARD unter dem Vorwand, "Pfleghars größte Show" zu senden; Vergeudung von 16 Mülionen Mark, die von der Firma Daimler-Benz AG (acht MüUonen Mark) und weiteren Automobüfirmen sauer verdient worden sind.

Vermuthches Tatmotiv: "Michael Pfleghar wollte wohl die Schmerzschwelle des deutschen Fernsehpubllkums testen!" (So ein Fernseh-Kritiker.)

Tathergang laut Zeuge Günter Stüler, Chefreporter des Hamburger Abendblattes: ?Ich betrat die Schleyer-Halle am Abend des 29. Januar 1986, gegen 19.30 Uhr. Anwesend waren etwa 4000 Menschen, darunter zahlreiche Prominente. Um 19.55 Uhr traf der Bundespräsident ein, der unglückhcherweise dem späteren Tatort am nächsten postiert wurde. Die Ereignisse, die später zu schweren Protesten in der ganzen Bundesrepubllk führen sollten, begannen um 20.15 Uhr:

Zuerst traten Sänger auf wie ein gewisser Karel Gott aus Prag und eme Norwegerin namens Wencke Myrrhe, die mit dem mutmaßüchen Täter verheiratet ist. Danach waren schöne Autos mit prominenten Chauffeuren zu sehen. Der Moderator Hansjörg Felmy war wegen des Musik-Lärms selten zu verstehen. Die Menschen wiegten sich anfängllch in Sicherheit und spendeten Beifall.

Die Tragödie nahm nach etwa 50 Minuten ihren Anfang: Nicht die Show ging weiter, sondern ein Film Uef an mit dem Titel .Die Zukunft hat Geburtstag - 100 Jahre Automobü'. Er zeigte viele Szenen aus der Auto-Historie, kam aber überhaupt nicht vom Fleck. Der Hauptdarsteller, Rennfahrer Niki Lauda, zeigte während der quälenden 80 Tatminuten nichts als ein eingefrorenes Indianergesicht und stand meistens nur herum. Dafür soll er 650 000 Mark bekommen haben. Sein Mitspieler, der Amerikaner Ross Harris, wirkte wie ein Jüngllng, der schon lOOmal beim FUm abgewiesen worden war.

Unter dem Publlkum, dem eine große Show versprochen worden war, brach Unruhe aus, besonders als tote Franzosen im Ersten Weltkrieg gezeigt wurden. Der Bundespräsident stützte den Kopf mit der Hand und bewegte sich nicht mehr.

Schon während der großen Schlußszene stürzten die Menschen fluchtartig aus dem Saal: ,Wü sind doch nicht hierhergereist, um den langweüigsten Film aller Zeiten zu sehen', sagten viele wütend. Ein rheinischer Polltiker frohlockte: .Stuttgart sehen - und schlafen'.

Die Ehefrau eines Industriekapitäns zeterte: ,Das darf doch nicht wahr sein! Da sperrt man 4000 erwachsene Menschen ein und zwingt sie, ein nervtötendes Film- Festival über sich ergehen zu lassen. Das war ja die reinste Folter!' Ein Opfer stöhnte: ,80 Minuten? Der Quatsch hat 80 Stunden gedauert.' Der mutmaßliche Täter wurde nirgendwo gesehen ..."

Am Morgen nach der Tat distanzierte sich Gastgeber Daimler-Benz: "Bei uns sind alle enttäuscht gewesen." Auch der Südfunk wies jegliche Urheberschaft von sich: "Wir waren etwa so beteüigt wie an der Übertragung eines Fußballspiels."

Recherchen ergaben, daß allein der FUm mehr als 10 MüUonen Mark verschlungen hatte. Pfleghar hatte in fünf Ländern in Europa und Übersee gedreht. Fachleute errechneten, daß jede Minute der angeblich "größten Show" 100 000 Mark gekostet haben muß. Das ist deutscher Fernseh-Rekord.

Ungeklärt ist noch, ob die der Tat vorangegangenen Handlungen von den Auftraggebern überwacht worden sind. Der Verdacht auf eine schwere Vernachlässigung der Aufsichtspflicht liegt nahe. Experten haben gefordert, die Verantwortlichen an dieser die Nachtruhe störenden Anti-Unterhaltungssendung müßten ihren MüUonen Opfern Schmerzensgeld zahlen.

Achtung: Bei dem Täter Michael Pfleghar besteht Wiederholungsgefahr!

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