NEUER WALL, SPITALERSTRASSE, SACHSENTOR, COLONNADEN

Pech und Glück mit Fußgängerstraßen

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"Keine neuen Fußgängerzonen in der City!" forderte kategorisch der Einzelhandel in Hamburg. Die Handelskammer berichtete über negative Erfahrungen. Von "drastisch gesunkenen" Umsätzen war die Rede, von "gähnender Leere", von "verminderter Attraktivität und Urbanität". Nein - nicht gestern. Vor sieben Jahren, am 11. Februar 1978, war das in der Zeitung zu lesen.

Unzählige Diskussionen, Versuche, Fehlschläge säumen den Weg Hamburgs zur Stadt mit den meisten und größten Geschäftspromenaden in Europa. Es war ein sehr langer und sehr mühevoller Weg. Schon vor mehr als einem Vierteijahrhundert war die Frage im Gespräch, ob und wie man in der Innenstadt Reservate für Fußgänger schaffen kann und soll.

Damals machte der Oberbaudirektor Prof. Otto Sill vorsichtig den Vorschlag, ob man denn vielleicht mal versuchsweise im Advent den Neuen Wall für Autos sperren . . . Protest, Protest! Kein Mensch mochte sich seinerzeit vorstellen, in der Stadt einzukaufen, ohne mit dem Auto bis vor die Ladentür fahren zu können. Die Motorisierung war in ihrer ersten kräftigen Aufschwungphase. Stadtplaner mit Phantasie, die wie Prof. Sill Entwicklungen frühzeitig voraussehen konnten, ernteten bestenfalls Unverständnis.

Die Idee einer von Autos befreiten Geschäftsstraße hatte sich allerdings festgesetzt. Im Herbst 1962 hatte sich unter den Geschäftsleuten am Neuen Wall eine Mehrheit gebildet, die als Interessengemeinschaft bei der Behörde für Wirtschaft und Verkehr den Antrag stellte, die elegante Einkaufstraße zur Fußgängerstraße zu machen.

Erfolgreiche Vorbilder in anderen Städten des In- und Auslandes gaben den Ausschlag wohl ebenso wie die Tatsache, daß der Neue Wall mehr und mehr zur Durchgangstraße geworden war - in der die motorisierten Käufer steckenblieben.

Obwohl das Experiment scheiterte und der Neue Wall bis heute mit Autos vollgestopft ist, dürfte dieser Antrag wohl der Auftakt zur Entwicklung innerstädtischer Bummelmeilen gewesen sein. Er gab ganz allgemein dem Denken eine neue

Richtung. Es dauerte allerdings noch weitere zwei Jahre, bis der Neue Wall am 5. Oktober 1964 versuchsweise für Autos gesperrt wurde. Folge: Ein Verkehrschaos in der City . . .

Während sich zunächst das Experiment gut anzulassen schien und die dreiwöchige Versuchsphase schnell verlängert wurde, schlug nach etwa einem Jahr die Stimmung um. "Wir haben uns geirrt!", stellten die Geschäftsleute im Sommer 1965 fest. Im Februar 1966 wurde der Versuch endgültig abgebrochen.

Aber der Stachel saß. Die Hamburger wollten Fußgängerstraßen haben - das sagten sie im gleichen Jahr in einer Meinungsumfrage. Und wenig später folgte das Bezirksamt Mitte der allgemeinen Stimmung und beschloß: Wir machen die Spitalerstraße zur Fußgängerzone! Hier waren allerdings die Voraussetzungen ungleich günstiger, und man hatte ja auch mit dem Experiment Neuer Wall Erfahrungen sammeln können. Am 7. September 1968 weihte Bausenator Cäsar Meister Hamburgs erste "reine" Fußgängerstraße ein.

Dabei entwarf er die Vision eines riesigen Bereiches nur für Spaziergänger: Vom Hauptbahnhof über Gerhart-Hauptmann-Platz, Rathausmarkt, Jungfernstieg, Gänsemarkt, Colonnaden bis zum Dammtorbahnhof. "Man soll künftig in die Innenstadt fahren, um sich hier beim Bummel am Abend und am Wochenende zu erholen . . ."

Was damals phantastisch klang, ist heute, 17 Jahre später, AUtag. Ja, die Wirklichkeit hat Meisters Zukunftsschau noch überboten: An überdachte Passagen wagte damals niemand zu denken.

Parallell lief eine ähnliche Diskussion 25 Kilometer östüch der Alster: in Bergedorf. In der hübschen alten Kleinstadt an der Bille hatte man gleichzeitig mit dem Neuer-Wall-Experiment die Geschäftsstraße Sachsentor an den "langen Sonnabenden" vor Weihnachten erstmals für den Autoverkehr gesperrt.

Das Ergebnis war so positiv, daß man umgehend daranging, den Umbau des Sachsentores zum Bummelparadies zu planen. Weihnachten 1971 konnte am Sachsentor mit Tschingbum und Trara Einweihung gefeiert werden: Immerhin war dies nun nach der Spitalerstraße die zweite Hamburger Fußgängerzone.

In den 70er Jahren ging es Schlag auf Schlag, und außer den Fußgängerstraßen entstand noch etwas ganz Neues: Passagen und Einkaufszentren.

Was 1964 noch eine "Sonderkommission City" der Handelskammer als höchst futuristisches, ungläubig bestauntes Phantasieprojekt entworfen hatte, nämlich eine großzügig gestaltete Einkaufszone zwischen Valentinskamp und ABC- Straße, das begann eine neue Generation jetzt einfach zu "machen". Schritt für Schritt verwandelte sich die Hamburger Innenstadt. Der erste Markstein für eine neue Ära war 1971 der Umbau der Alten Post zu einer Ladenpassage. Aber bleiben wir bei den Fußgängerstraßen.

Als die ersten Bilanzen in der Spitalerstraße positiv ausfielen, wurde man mutiger. Zunächst ging man an eine Erweiterung des Vorhandenen: Auf der gegenüberüegenden Seite wurden Barkhof und Gerhart-Hauptmann-Platz zwischen Mönckebergstraße und Steinstraße von Autos geräumt und den Fußgängern reserviert.

Mit dem Gerhart-Hauptmann- Platz direkt im Anschluß an die Spitalerstraße saß man noch eine Weile fest, aber 1974 hatte man mit der Landesbank-Galerie Hamburgs zweite Innenstadt-Passage.

So. Fertig. Wo geht's weiter? Aha: Die Colonnaden. Die schreien doch geradezu nach Befreiung vom Autostrom und seinen Abgasen. 1974 wurde das Projekt durchgezogen: Senatsbeschluß, Baubeginn, im Oktober Einweihung des Abschnitts zwischen Esplanade und Theaterstraße. Mit blauer Brücke über der Esplanade und Durchgang durchs "abgebrannte" Phrix-, jetzt wiedererstandene Volksbanken-Haus.

Aber diesmal erntete man nicht nur Dank. Als 1976 der zweite Abschnitt Großer Theaterstraße und Neuer Jungfernstieg in Angriff genommen wurde, formierte sich Widerstand der Anlieger-Geschäftsleute, die immer noch wie ihre Kollegen am Neuen Wall vom Autoverkehr profitiert hatten, weil Autofahrer einfach in der zweiten Reihe anhielten und in einen Laden huschten. Oder sich vom Chauffeur absetzen ließen.

Die Widerständler konnten zwar den Umbau der Colonnaden nicht mehr verhindern. Aber ihre kritische Geschäfts- Situation führte dann 1978 zu der eingangs zitierten Forderung: ?Keine neuen Fußgänger-

Straßen in der City"!

Dabei war es denn auch bisher gebheben. Erst jetzt wagt man den Rückfall: in der Gerhofstra- ße. WERNER A. SILLESCU

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