Bausenator Lange: Eine Verkehrsberuhigung ist auch ohne sie möglich

Der Traum von der Osttangente ist ausgeträumt

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EGBERT A. HO!

Zwanzig Jahre lang hatten die Behörden sie geplant, heute ist sie "tot" - die Osttangente, eine autobahnähnliche Schnellstraße von Langenhorn über Fuhlsbüttel, Winterhude und Barmbek nach Hörn. Diese Osttangente, teüweise als Hochstraße zwischen Wohnhausfassaden konzipiert, sollte Durchgangs- und Anliegerverkehr bündeln, um angrenzende Stadtteile durch mehr Ruhe wohnücher zu machen.

Bürgerproteste, Ebbe im Staatshaushalt und ein Umdenken in Hamburgs Regierungspartei fegten die Osttangente vom Reißbrett der Baubehörde. "Sie wäre auch ohne Bürgerproteste und Finanzmisere gestorben", bekundet Bausenator Lange, "wir sind zu neuen Erkenntnissen gelangt."

So sollte einmal eine Schnellstraße von Langenhorn bis zum Horner Kreisel führen, um die angrenzenden Stadtteile ruhiger zu machen Zeichnung: KUKTZ

Genau das bestreitet die Handelskammer: "Mit Streichung der Osttangente wurde eine große Zukunftschance verpaßt, auch für die Verkehrsberuhigung. Hamburg fehlt ein leistungsfähiges Ringstra- ßensystem." Der ADAC argumentiert ähnllch: "Die Osttangente wäre ideal gewesen, um Wohnvierteln mehr Ruhe zu garantieren." Und CDU-Verkehrsexperte Dr. Hauke: "Jahrelang schob man die Entscheidung vor sich her. Heute ist die Situation völlig unbefriedigend. Denn nur mit Entlastungsstraßen sind Wohnviertel zu beruhigen."

Seit fünf Jahren widmet sich Hamburg nun schon der Verkehrsberuhigung. 31 Millionen Mark wurden für gezielte Maßnahmen ausgegeben und 27 Vorhaben reallsiert, wie die Baubehörde erläutert. In Zukunft sollen jährllch acht Millionen Mark dafür aus Hamburgs Etat bereitstehen. "Vieles wurde schon erreicht", bekundet der Bausenator. Er gibt sich zufrieden mit der Zwischenbilanz. Ganz anders der ADAC: "Jahrelang wird nun schon darüber geredet. Vieles wurde zerredet, Parkplätze wurden wegrationalisiert, der Verkehrsraum eingeschränkt, der Verkehr abgewürgt Das Ergebnis ist FUckwerk."

Tatsächlich ist es in vielen Wohnstraßen ruhiger geworden. Autokrach und Abgasdunst wurden dort meßbar geringer. Die Straßenflächen wurden, so Baudirektor Lixenfeld, "neu gestaltet und bieten mehr Platz für Aufenthalt und Spiel, die Straßen wurden wohnllcher". AUerdings räumt auch dieser Experte ein, die "flächendekkende Verkehrsberuhigung ist häufig nur mögllch, wenn der Verkehr mit dem Bau leistungsfähiger Ortsumgehungen um ein Quartier herumgelenkt" werde. Anderenfalls werde der abgedrängte Verkehr "andere Straßen zusätzlich belasten, so daß der erreichte Vorteil fraglich" sei.

Vorbildllch beruhigt, auch im Urtell betroffener Anwohner, wurden Wohnstraßen unter anderem im Grindelviertel, in Eimsbüttel zwischen Kieler- und Osterstraße, in Harburg und beim Schinkelplatz. Woanders erhielten Wohnstraßen nur schmalere Fahrbahnen, über die sich heute der Verkehr mit unverminderter Intensität quält.

Für Art und Umfang verkehrsberuhigender Maßnahmen liefert die Baubehörde "Vorgaben" an die Bezirke, die dann für die Ausführung sorgen. Sie machen das weitgehend nach eigenem Gutdünken, wie Lange bestätigt. Eingeschränkte Fahrbahnen und Bürgersteig-"Nasen" zur Straßenmitte zwingen die Autofahrer zum langsamen Slalom. Viele Wohnstraßen werden Sackgassen -mit Beeten im Fahrbahnraum. Dabei "pflanzen" die Bezirksämter auch gleich in unglaublichen Mengen Poller und Pfähle, Krampen und Stahlbügel sogar dort, wo garantiert kein Auto mehr auf den Bürgersteig paßt. Ein Beispiel ist die verkehrsberuhigte Eppendorfer Landstraße, die denn auch schon bei Passanten Eppendorfer Krampstraße heißt.

"Zuviel des Guten", räumt denn auch der Bausenator ein. Seine Behörde brütet derzeit über einem Entwurf für Direktiven, die die Bezirke zu sinnvollerer Beruhigung ermuntern sollen. AUes das sind jedoch nur kleine Maßnahmen für vergleichsweise geringe Geldbeträge. An anderen Stellen fehlen nach wie vor unverzichtbare Voraussetzungen für erfolgreiche Verkehrsberuhigung: Entlastungsstra- ßen zum Bündeln des Verkehrs. Mit dem Bau der Ortsumgehung Fuhlsbüttel, nördlichster Abschnitt der gestorbenen Osttangente, kann nicht, so Lange, vor 1987 oder 1988 begonnen werden. Vor 1993 also keine Entlastung für die Langenhorner Chaussee und angrenzende Wohnstraßen.

Am Horner Kreisel wird sich, bautechnisch gesehen, auch dann nichts rühren, wenn die Berliner Autobahn Mitte November dieses Jahres fertig ist. Verkehrslenkende Maßnahmen sollen die Autofahrer 'vom Autobahnkreuz Ost auf die sechsspurig auszubauende Südliche Umgehung bis Billstedt und dann über Eiffestraße Richtung City lotsen. Ortskundige, die weiter über Horner Kreisel die City ansteuern, müssen sich nach Langes Meinung auf Staus am Autobahnende gefaßt machen. Die Anwohner der Sievekingsallee können also nicht mit mehr Ruhe vor ihren Fenstern rechnen.

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