Der Senator hat sein Versprechen nicht gehalten

Radfahrer sind noch immer die Stiefkinder auf Hamburgs Straßen

| Lesedauer: 4 Minuten
CARSTEN GLOMBIK

Fahrradfahren in Hamburg ? gesundes, energiesparendes Vergnligen oder lebensgefährlicher Hindernislauf? Vor fast einem Jahr, genau am 22. April 1980, versprach Bausenator Volker Lange ein "Sofortprogramm zur Förderung des Radverkehrs". Geparkte Autos sollten von Radwegen ebenso verschwinden wie zu tief hängende Verkehrsschilder und Parkuhren. Radwege sollten ausgebaut und

Das größte Problem für Radfahrer sind nach wie vor die Straßen, an denen es überhaupt keine besonderten Radwege gibt. Der Polizeibericht spricht eine deutliche Sprache: 1980 stieg die Zahl der bei Unfällen verletzten Rad- und Mofafahrer um 22,5 Prozent auf 2552 Verunglückte an; für 19 endete die Fahrt tödlich.

Aber auch wenn Radwege vorhanden sind, heißt das noch lange nicht, daß die Radler sie auch benutzen können. Allzuoft sind sie blockiert durch Mülleimer, Schuttcontainer, Baumaterial und immer wieder ? parkende Autos! Polizeisprecher Volker Sontag bestätigt, was Innensenator Pawelczyk schon kurz nach seinem Amtsantritt in Hamburg feststellte: Appelle an die Autofahrer nützen nichts! Entweder werden die Radwege durch Betonpoller oder Kniegitter abgeschirmt, oder man faßt den Unbelehrbaren ins Portemonnaie. Sontag warnt: "Vom ersten April bis Ende Juni werden wieder schwerpunktmäßig Strafzettelund Abschleppaktionen durchgeführt"

Aber auch die Radfahrer werden aufs Korn genommen. Seit

vom fließenden Verkehr abgeschirmt werden, Bordsteine abgesenkt und sogar ein Rad-Atlas herausgegeben werden. Das Hamburger Abendblatt hat gemeinsam mit der Initiative "Grüne Radier" die Probe aufs Exempel gemacht. Was hat sich in den vergangenen Monaten geändert? Das Fazit: Die meisten Mißstände sind geblieben, einige neuralgische Punkte sind sogar dazugekommen.

Oktober '80 ist nämlich eine Änderung der Straßenverkehrsordnung in Kraft. Danach müssen radfahrende Kinder, solange sie nicht älter als acht Jahre sind, auf dem Fußweg fahren. Wenn es rechts von der Fahrbahn einen Radweg gibt, müssen Rad- und Mofafahrer ihn benutzen. Links der Fahrbahn dürfen sie ihn nur benutzen, wenn das ausdrücklich gestattet ist. "Wenn Zweiradfahrer, die sich auf der Fahrbahn unsicher fühlen, auf dem Fußweg fahren, drücken wir schon mal ein Auge zu", sagt Polizeisprecher Sontag. Aber das "Augenzudrücken" ist keine Lösung der Hamburger Radwegprobleme. Bernd Kroll, Vorsitzender der "Grünen Radler" Hamburg: "Wir brauchen viel mehr sichere und vor allem gepflegte Radwege. Hamburg hat ein Straßennetz von etwa 4000 Kilometern Länge. Davon haben nur 410 Kilometer Radwege an beiden Seiten und weitere 185 Kilometer einen Radweg an einer Seite."

Seit sich der Senat im vergangenen Jahr verstärkt mit den Problemen der Radler auseinandergesetzt hat, haben auch die Behörden in die Pedale getreten Alle Bezirksämter haben bei der Baubehörde Wunschlisten eingereicht, aus denen diese zur Zeit ein Hamburger Gesamtprogramm zusammenstellt. "Wenn man allerdings alle Wünsche berücksichtigen wollte, müßten etwa 450 Millionen Mark ausgegeben werden. Dann wären wir pleite", sagt Jürgen Schellberg, Oberbaurat der Baubehörde.

Die Verwirklichung des Machbaren sieht da erheblich nüchterner aus: 1,2 Millionen Mark stehen für den Neubau von Radwegen 1981 bereit Ganz Oben Stehen der Ausbau des Radwegnetzes an Hauptverkehrsstraßen und die Sicherung von Schulwegen. Die Umweltbehörde von Senator

Bernd Kroll kann da nur auf den Ausbau der Stadthausbrücke hinweisen, die keine Radwege erhalten hat, und den sechspurigen Ausbau der Kollaustraße zwischen Lokstedter Holt und Niendorfer Markt (Niendorf), wo der stadtauswärts führende Radweg verschwunden ist. "Bei der Planung und Vergabe der Bauvorhaben war die Bewußtseins- änderung hinsichtlich der Radfahrbewegung noch nicht erfolgt", lautet dafür die Behörden-Begründung.

Curilla prüft die Erschließung der öffentlichen Grünanlagen für Zweiradfreunde.

Außerdem sollen bei Straßenneubauten Radwege in Zukunft automatisch mitgeplant werden. "Dafür wird 1981 eine weitere Million Mark aus anderen Töpfen zur Verfügung stehen", erklärt Baudirektor Bernd Bergfeld, Leiter der Tiefbauabteilung des Bezirksamtes Nord.

Auch in bezug auf die Mängel an den bestehenden Radwegen wurde vieles versäumt. Immer noch gibt es gefährlich schmale Radwege in Hamburg, die von Schlaglöchern übersät und von Frostaufbrüchen zerklüftet, und die unsicher ? manchmal rechtwinklig ? geführt sind. Hinzu kommt, daß Straßenschilder und andere Hindernisse in Kopfhöhe angebracht wurden. Beispiele sind die beleuchteten Wegweiser an der Ecke Geschwister-Schollstraße/Tarpenbekstraße (Eppendorf) und Am Jahnring (Winterhude) ebenso wie das Dach des HW- Wartehäuschens am Hofweg (Uhlenhorst).

Die Behörden dagegen: "Wir haben viel getan, zum Beispiel haben wir fast alle Bordsteine an Radwegauffahrten v auf 1,5 Zentimeter abgesenkt", sagt Baudirektor Dr. Hans-Rudolf Bossemeyer, Leiter der Tiefbauabteilung des Bezirksamtes Mitte.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: 1981