Die Häfen waren die letzte Rettung für die Flüchtlinge

Immer die Angst im Nacken

Millionen sahen gestern abend den ersten Teil der Fernseh-Dokumentation "Flucht und Vertreibung". Als Matrose (Jahrgang 1925) war Peter Dreessen 1944/45 in Gotenhafen und auf der Halbinsel Heia. Wie er den Einsatz der Kriegsmarine für die Rettung der Flüchtlinge erlebte, schildert der Bericht:

Die Gesamtleitung hatte das Marine-Oberkommando Ost,

Generaladmiral Kummetz. Die Handelsschiffe stellte der Seetransportchef der Wehrmacht, Konteradmiral Engelhardt, bereit. Die 10. und die 9. Sicherungsdivision übernahmen mit großen Minensuchbooten, Schnellbooten, Kriegsfischkuttern (KFKS), Kampffähren und Hilfsfahrzeugen die Evakuierung und das Geleit. Die letzten großen Verbände der Marine unterstützten mit schwerem Feuer jene Truppen, die in der Weichselmündung und an anderen Endkampfplätzen sich aufopferten, damit die Füchtlinge nach Westen konnten.

Zusammen mit den Dampfern der Handelsmarine fuhren die Marineverbände in einem Pendelverkehr von Kurland, Ostpreußen und Danzig nach Kopenhagen, Travemünde und zur Kieler Förde. Die Seeleute fuhren mit Selbstverständlichkeit immer wieder in den "Rachen" der Sowjets zurück. Für die Marine wie für die Handelsschiffahrt war der Moment gekommen, in dem der sinnlose Krieg plötzlich eine sinnvolle Aufgabe bot. Parole: "Bring deine Leute nach Haus."

Operationen der Russen:

A. Abschnürung Ostpreußens durch Vorstoß auf Elbing und das Frische Haff (12. 1. 1945). B. Gleichzeitig Vorstoß von Osten auf Königsberg in das Samland. Königsberg eingeschlossen.

C Ab Ende Februar Angriff von Süden gegen Hinterpommern. Ostseeküste überall bis 10. 3. erreicht. Nur Kolberg wird bis 18. 3. verteidigt. Flüchtlingstrecks über Land nach Westen endgültig abgeschnitten.

Auf deutscher Seite:

1. Rest der 4. Armee im Brückenkopf um Heiligenbell und Baiga (Ende Januar bis 28. März). Von hier Trecks über das Eis des Frischen Haffs (450 000 Flüchtlinge) zur Nehrung und über Danzig weiter nach Westen. 2. Von Danzig/Gotenhafen Flüchtlingstransport über See bis zum Verlust beider Städte Ende März.

Karlsruhe I ? '"l ca. 850 Tale \ "?*?? I

| frSÄalimA Briister CnlJ ? Fluchtwege der Deutschen Sowjet. Armee Deutscher Verteidigungsring Verminung

Bombenangriff Sowjet. U-Boot Tag der Einnahme

S. Brückenkopf im Samland, in dieser Form (mit Einschluß Königsbergs) nur vom 19. 2. bis 6. 4. Abtransport von Pillau über See (bis 25. 4.): etwa 600 000 Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten, über die Frische Nehrung etwa 200 000. 4. Brückenkopf im Weichseldelta (bis 9. 5.). Ständige Fährverbindung von Schiewenhorst/ Nickelswalde nach Heia. Abtransport aller, die noch im April über die Nehrung kommen. 5. Brückenkopf Kolberg (7. bis 18. 3.). Abtransport von 77 500 Deutschen über See. t. Halbinsel Heia bis zur Kapitulation am 9. 5. in deutscher Hand. Seit Ende März Zentrum

des Abtransports über See. Teiltransporte von Pillau, Kahlberg, Weichseldelta, Oxhöft nach Heia. Insgesamt aus der Danziger Bucht (ab Danzlg/Gotenhafen/Hela) Januar bis Mal 1945 etwa 1,35 Millionen Menschen mit Schiffen nach Westen.

7. Libau, Haupthafen des Brückenkopfes Kurland. Rücktransport von 4 Divisionen und etwa 75 000 Verwundeten. Am 879. 5. nochmals 25 000 Soldaten. .^-'?&'' 30.1.: *$&\iV. Wilhelm *y UBIlBIfll ............

ialollt. sS v.Steuben l^aJIOBTote

'" ',. //' Bornholmli'r??!! II V

MARK ** /"'*i . T i e i * a s

" \\ Sa",, 1%*^ , ,

"ir^lO.3*.

Die Flüchtlinge zogen aus Ost- und Westpreußen durch die winterliche Stadt: Ein ständiges Schieben, Schleichen, Murmeln ? ein Geräusch, das ich nie vergessen werde. Leiterwagen voller Hausrat, Kinderwagen, vermummte Frauen, Kinder und alte Männer in nie abreißender Folge, immer die Angst im Nacken.

Dann, als die Russen bei Stolpmünde die Ostsee erreicht hatten und der große Sack von Pillau bis Pommern zugeschnürt war, kamen die Flüchtlinge zurück ? von West nach Ost. Ihre letzte Rettung waren die Häfen.

Die Kriegsmarine und die Handelsmarine fuhren seit langem Geleite über die Ostsee. Doch nun wurde daraus die größte Evakuierungsaktion der Seekriegsgeschichte überhaupt. Mindestens zwei Millionen Menschen wurden allein vom 15. Januar bis zum 9. Mai 1945 über See in Sicherheit gebracht

Parole: Bring deine Leute nach Hause

ligenbeil, Danzig oder Gotenhafen immer enger eingeschnürt wurden, gerieten die Städte und die Kais auch unter direkten Artilleriebeschuß.

Schlimm wurde die Situation, als die deutschen Truppen im Bereich der Danziger Bucht bis auf die Weichselmündung und die Halbinsel Heia alle Landstützpunkte verloren hatten. Von nun an wurden die Flüchtlinge von Heia aus mit Kuttern und allen möglichen anderen Kleinfahrzeugen zu den mitten in der Danziger Bucht auf Reede liegenden Transportern übergesetzt. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab, wenn dabei Familien getrennt wurden, wenn Bomben fielen.

Einmal trafen die Russen einen Riesenberg von Mehlsäcken, die offen am Rande des Hafens lagerten. Wie nach einer Explosion stand ein ungeheurer Staubpilz am Himmel und bestäubte alles ? auch die Leichen, die gestapelt an der Pier lagen. Oft starben Schwerverwundete auf der Trage ? im Angesicht des rettenden Schiffes. Doch das erwartete Chaos blieb aus. Mit stoischer Disziplin marschierten kleine Einheiten wieder zurück in die Heide Helas, wenn sie nicht mehr an Bord konnten (und damit in die sichere russische Gefangenschaft).

Heeresoffiziere, die wußten,

Unbewegliche Ziele für die Bomben

Lange bevor die rettenden Schiffe auftauchten, wurden die Plätze für die Flüchtlinge schon verteilt. Täglich meldeten die meist von erfahrenen Handelsschiffskapitänen geleiteten Zweigstellen der Seetransportchefs und die Kriegsmarinedienststellen die vorhandene Tonnage und die verfügbaren Schiffsplätze der von Kopenhagen, Flensburg, Travemünde, Kiel und (anfangs noch) von Swinemünde, Warnemünde den Osten ansteuernden Geleite.

Die Handelsschiffe mußten bei schwerstem Wetter in die zu engen Häfen einlaufen. Ihre Kapitäne gaben navigatorisch ihr Bestes. An der Pier (später nur noch auf Reede) lagen die Schiffe während der Einschiffung oft stundenlang: unbewegliche Ziele für die russischen Bomben oder Granaten.

Diese Fahrten! Die Schiffe waren oft um das Zwanzigfache überbelegt. Auch die kleinen Kriegsschiffe, etwa aktive Minensuchboote, waren randvoll mit Flüchtlingen. Schlafplätze gab es für Offiziere und Mannschaften auf dem Westkurs nicht. Kojen und Hängematten waren voll belegt.

Dabei mußten noch Geleitschutzaufgaben erfüllt werden. 99 Prozent aller über See abtransportierten Flüchtlinge und Truppen erreichten dennoch den rettenden Westen.

Tagelang mußten die Flüchtlinge in den Einschiffungshäfen auf "ihr" Schiff warten! Hatten sie Glück und lagen sie in Wehrmachtsquartieren, bekamen sie ihre Schiffsplätze direkt von den Einschiffungsoffizieren der Marine. Lagen sie aber in Privatquartieren, in Hallen, Lagerhäusern oder, oft bei mehr als minus 20 Gad Celsius, im Freien, war die Partei für sie zuständig.

Zunächst warfen die Russen nur sporadisch Bomben oder auch, eine Spezialität, schlichtweg Schrott aus nachts fliegenden, leisen Flugzeugen, sogenannten "Nähmaschinen". Als die Brückenköpfe wie Pillau, Heidaß ihre Mannschaft und sie keine Chance mehr für eine Fahrkarte in den Westen hatten, brachten Listen ihrer Leute an Bord der Schiffe, damit man zu Hause wenigstens wisse, wo sie geblieben waren. Bot man ihnen einen Flucht- Platz nur für sie allein an, lehnten sie ab und gingen zu ihren Soldaten zurück.

Nur einmal wurde eine Einheit wild. Das war am Abend des 8. Mai. Da verließ als letztes größeres Passagierschiff die "Rugard" (sie diente als Zentrale der 9. Sicherungsdivision) mit etwa 600 Kurlandkämpfern, gefolgt von zwei Räumbooten und einem F-Boot, bei blutrotem Sonnenuntergang den Fischereihafen Heia. Dieses "letzte Geleit" sollte sich unter der schwedischen Küste nach Westen schleichen. Als es die Nase von Heia umfuhr, bekam es Feuer von verbitterten deutschen Truppen, die zurückbleiben mußten.

"Sofort alles zu Curry"

Doch nur als "Geleit" waren die "Rugard" und ihre Begleitboote die letzten. Ein Kampfverband lag noch an der Pier von Heia. Vom Ankerplatz "Nanny" aus, südlich von Kopenhagen, waren die Zerstörer "Karl Galster" "Friedrich Ihn" und Z 25, dazu die Torpedoboote T 23 und T 28, zur letzten Fahrt nach Heia gekommen. Eigentlich hatte das Gebiet, aus dem sie gekommen waren, schon am 5. Mai vor den Engländern kapituliert. Deshalb waren die deutschen Kriegsschiffe auch gar nicht mehr nach Kopenhagen eingelaufen, sondern hatten ihre "Passagiere" eben auf der Reede "Nanny" abgegeben.

Dort bekamen die Kriegsschiffe einen offenen Funkspruch ihres Admirals aus Kopenhagen: "Sofort alles zu Curry, was bis 8. Mai abends da sein kann." In seinem Report "Flucht übers Meer" (Gerhard Stalling Verlag), dem auch unsere Karte entnommen ist, erzählt Ca jus Bekker die Geschichte so zu Ende: "Curry, das kann den Briten nicht allzu verdächtig in den Ohren klingen. Und die Zerstörerkommandanten wissen, wer gemeint ist," Curry war ihr Lehrer an der Marineschule in Mürwik gewesen. Hinter dem Spitznamen Curry stand Admiral Thiele: Er saß als letzter ?Admiral östliche

Ostsee" auf Heia.

Die mit Begeisterung auf Heia begrüßten Zerstörer und übrigen Boote holten noch am 8. Mai Tausende von Soldaten heraus . . .

Zur Unterrichtung über dl" Flucht: Günter Böddeker "Dl* ?Flüchtlinge". "Die Vertreibung 4"r Deutschen Im Osten", Rerbig, 385 S., 38 Mark.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.