Vierspurig: Ochsenzoll - Sengelmannstraße

Nur sieben Minuten früher am Ziel

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Von EGBERT A. HOFFMANN

Die Autofahrer", so verkündete dieser Tage Bausenator Dr. Rolf Bialas, "beurteilen neue Verkehrswege nicht nach der Streckenlänge, sondern nach der Schnelligkeit. Umwege werden gern in Kauf genommen, wenn man ein paar Minuten schneller am Ziel ist." Genau darum geht es bei der sogenannten Osttangente, einer vierspurigen Stadtautobahn von Ochsenzoll zur Sengelmannstraße.

Über diese geplante Schnellpiste wird nun schon seit Jahren in Hamburg gestritten ? in Bezirksversammlungen und Bürgerinitiativen, in Ortsausschüssen und Autofahrerklubs.

Überall prallen kontroverse Meinungen aufeinander. Auch in den drei Bürgerschaftsparteien. Tangenten-Freunde feiern die angestrebte Entlastung der Langenhorner Chaussee ? laut Prognose statt 45 000 Wagen nur noch die Hälfte. Tangenten-Gegner hingegen beklagen die rigorose Zerschneidung gewachsener Wohnbezirke, den unvermeidlichen Abriß zahlreicher Wohngebäude und die durch Lärm und Abgase reduzierte Lebensqualität weiter Stadtgebiete.

Jetzt überrascht die Baubehörde mit einer modifizierten Osttangente: ein "Schlenker" Richtung Flughafen nutzt unbebautes Gelände. Wohnlandschaft wird also weniger massiv zerstückelt. Indes haben Anwohner schon errechnet, wieviel Zeit Osttangenten- Fahrer künftig zwischen Ochsenzoll und Sengelmannstraße gewinnen: maximal sieben Minuten.

Aber auch das neue Tangenten-Konzept will SPD und FDP nicht recht schmecken. Die CDU dagegen beurteilt das vierspurige Betonband positiver. Immerhin kostet diese Stadtautobahn 260 Millionen Mark, von denen Hamburg vierzig Prozent zu zahlen hätte. Die Hansestadt brauchte hingegen keinen Pfennig zu berappen, wenn die Tangente eine Verbindungsautobahn zur Kieler Autobahn bekäme. In diesem Fall würde der Bund alle Kosten übernehmen.

Von diesem verlockenden Finanzierungspräsent wollen indes Hamburger SPD und FDP derzeit! überhaupt nichts wissen. Sie befürchten, daß die Osttangente gewaltige Blechlawinen zusätzlich von der Kieler Autobahn zu schlucken hätte ? Fahrzeuge also, die bislang andere Autobahnausfahrten Richtung Stadtzentrum benutzen. Diese Autoströme würden sich natürlich an der Sengelmannstraße stauen, vielleicht kilometerweit. Denn von hier aus müssen sich die Wagen auf normalen Stadtstraßen durch Hamburg quälen.

Erstaunlicherweise mag die Norderstedter SPD ihren Hamburger Parteifreunden nicht folgen. Im Gegenteil: Norderstedts SPD verlangt kategorisch den unverzüglichen Baubeginn von Osttangente und Autobahnzubringer. Unmißverständlicher Kommentar: "Würde der BAB-Zubringer nicht gebaut, wären die Probleme für Norderstedt nicht mehr lösbar. Da die BAB-Anbindung fast ausschließlich auf Norderstedter Gebiet liegt, wird sie auch gebaut."

Tatsächlich wäre die Osttangente ? würde sie je gebaut ? ohne Autobahnanschluß vermutlich eine Fehlinvestition. Andererseits ist der Dauerstau an der Ausfahrt Sengelmannstraße von vornherein programmiert. Schlimm für die Anwohner. Wenn man dieses Dilemma vermeiden will, müßte man die Osttangente weiterbauen ? nicht nur bis zum Jahnring, sondern wie seit Jahren geplant quer durch das dichtbesiedelte Barmbek, Eilbek und Wandsbek bis zum Horner Kreisel. Kilometerlange Hochstraßen zwischen Wohnhausfassaden. Zehntausende würden zu Osttangenten-Geschädigten.

Die Baubehörde steht nun vor dem Problem, die Notwendigkeit der Osttangente mit unanfechtbaren Zahlen zu belegen ? und zu beweisen, daß keine folgenschweren Stauungen am südlichen Endpunkt zu befürchten sind. Ferner muß sie klarstellen, wie sie Lärm und Luftverpestung von den Anwohnern fernzuhalten gedenkt- Simple Hecken und Plastikzäune sind natürlich indiskutabel. Fachleute spreche" von Mauern und Erdwällen, die angeblich den Autokrach dämpfen. Am besten wäre natürlich ein Tunnel. Aber die horrenden Summen dafür stehen ? so die Behörde ? nicht zur Verfügung.

"Hamburgs schwierigstes Straßenbauvorhaben seit vielen Jahren", sagt man in der Baubehörde. Denn die alte Binsenweisheit aller Experten wird sich auch bei der Osttangente bestätigen: schnelle Straßen ziehen zusätzlichen Verkehr an ? "weil man ja", laut Senator Bialas, "als Autofahrer gern einen Umweg macht, wenn man schneller ans Ziel kommt".

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