Eine "Schwäbische Eisenbahn" Jahrgang 1975

Wie man in Bonn Geld kassieren kann

| Lesedauer: 4 Minuten

Nur 2500 Seelen zählt die im bayerischen Schwaben gelegene Stadt Monhelm bei Donauwörth. Trotzdem kann sich die Gemeinde eine eigene, private Bahnstrecke einschließlich Bahnhof, Lokschuppen und Güterhalle leisten. Ein Modell für die Sanierung der Deutschen Bundesbahn, die dem Staat, also den Steuerzahlern, mit jährlich wachsenden Milliarden-Defiziten so schwer auf der Tasche liegt?

Bei Monheims Bürgermeister Karl Huber (60 Jahre alt und CSU-Mitglied) sowie bei seinem Stadtkämmerer Theo Schmitt steht das Telefon nicht still. Denn viele andere deutsche Gemeinden fühlen sich von Streckenstillegungen der Bundesbahn bedroht. Also

Von BURKHART SALCHOW

sucht man dort von den Erfahrungen der schwäbischen Elsenbahn zu Monhelm zu profitieren. Allein Im norddeutschen Raum sollen einige hundert Kilometer Bundesbahnatrecken stillgelegt werden.

Die Stadtväter von Monhelm haben der Bundesbahn vor einiger Zeit schlichtweg ein 8,8 Kilometer langes Schienenstück zwischen Fünfstetten und Monhelm abgekauft. Fünfstetten liegt an der Hauptstrecke Augsburg?G

Nürnberg. Die Lokalbahn von Fünfstetten nach Monheim gibt es schon seit 1903. Erst 1980 erkannte die Bundesbahn, daß die Strecke unrentabel sei. Sie verpachtete das kurze Strekkenstück an die Stadt Monheim, weil die Stadtväter Im Interesse ihrer einheimischen Wirtschaft ? eine Türenfabrik bekommt zum Beispiel jährlich 1000 Wagenladungen mit Holz aus Übersee ? auf den Waggonladungsverkehr nicht verzichten wollten.

Vor einiger Zeit nun entdeckten die Monheimer, daß es In Bonn einen 250 Millionen Mark umfassenden Sonderfonds gibt, der noch aus jener Zeit stammt, als man den Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagern wollte.

Kurz entschlossen bewarben sich die Monheimer um 390000 Mark Zuschuß aus diesem Sonderprogramm, womit sie dann der Bundesbahn die Güterhalle, den Lokschuppen, den Bahnhof und nicht zuletzt das Gleis abkauften. Für weitere 747 000 Mark ? auch aieses Geld kam aus dem Bonner Sondertopf als Zuschuß ? setzten sie die Schienenstrecke instand. Seither läuft der Verkehr reibungslos. Allerdings wurde der Personenverkehr ebenso eingestellt wie der Stückgutverkehr. Sonst hätte man weitaus mehr investieren müssen. Und ohnedies ist die Monheimer Wirtschaft nur an größeren Güterladungen interessiert.

Pro Waggon berechnete die Stadtverwaltung den Unternehmen bis vor kurzem 38 Mark. Seit 1. Juli sind es 38 Mark, und ab 1. Januar nächsten Jahres ? so Stadtkämmerer Theo Schmitt ? werden es 44 Mark sein.

Schmitt weist darauf hin, daß durch das Monheimer Modell mehreren Seiten geholfen sei: Die Bundesbahn spare Verwaltungskosten, weil ständiges Personal auf dem Streckenstück Fünfstetten-Monheim nicht mehr unterhalten werden müsse; die Monheimer Wirtschaft bleibt auch über die Schiene mit der großen weiten Welt verbunden.

Die bisherigen Erfahrungen sind gut, weil die Stadtverwaltung Monheim ihre Privatbahn praktisch kostendeckend betreibt Dennoch sieht der Stadtkämmerer in einer Privatisierung der Bundesbahn nach dem Monheimer Modell nicht unbedingt ein Beispiel, das alle Probleme dieses Verkehrsträgers lösen konnte. Wahrscheinlich stünden für die notwendigen Investitionen in Bonn heute gar nicht genügend Mittel bereit, falls plötzlich eine Serie von Gemeinden dem Monheimer Beispiel folgen vvürde.

In der Bundeshauptstadt denkt man freilich differenzierter über eine Privatisierung der Bundesbahn nach, wobei es sich natürlich Immer nur um eine Teilprivatisierung handeln könnte. Die Defizite der Bahn würden auch nach dem Monheimer Modell allenfalls gemildert, aber nicht beseitigt werden. Denn das rollende Material und das Zugbegleitpersonal werde ja weiterhin von der Bundesbahn gestellt, auch wenn sich die Schienen, Bahnhöfe und Güterhallen in privater Hand befinden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: 1975