Münchner Verkehrsverbund greift durchErschreckende Zahl von Überfällen in U-Bahnhof en

"Privatpolizei" soll Fahrgäste schützen

eingesetzt. Nach dem jüngsten Überfall in einem U-Bahnhof will der Chef der Verkehrsbetriebe, Werkdirektor Peter Engelbrecht, jetzt schärfer gegen Bocker, Stadtstreicher und Gammler vorgehen, die sich in den drei Jahren seit Eröff ung der U-Bahn der Münchener Untergrundbahnhöfe sowie auch der Züge immer mehr bemächtigt haben. seh. München, 14. Januar Weil es in München nicht zu "Zuständen wie in New York" kommen soll, werden in den U-Bahnhöfen der bayerischen Landeshauptstadt künftig auf den Mann dressierte Hunde

Der Münchner Verkehrsverbund (MW), in dem Bundesbahn und Stadtwerke zusammengeschlossen sind, mietet die Hundeführer bei Wach- und Schließgesellschaften an. Diese "Privatpolizei", die auch Waffen tragen darf, tritt überall dort auf, wo die öffentliche Polizei der Dinge nicht mehr Herr wird. Zum Teil tragen diese "Privatpolizisten", deren Organisationen nach amerikanischen Vorblldem aufgebaut sind, auch Uniformen. Der MTW betreibt U-Bahn, Straßenbahn und Buslinien gemeinsam.

Der letzte Überfall ? er spielte sich im U-Bahnhof "Münchner Freiheit" in Schwabing ab ? , der jetzt die harte Welle ausloste, unterschied sich von vielen ähnlichen Ereignissen in den Monaten zuvor eigentlich nur dadurch, daß schließlich nicht die ursprünglich Angegriffenen brutal" zusammengeschlagen am Boden lagen, sondern ein 18 Jahre alter Schüler, der den Angepöbelten, einem älteren Ehepaar, zu Hilfe geeilt war.

Drei Rowdys waren auf die Eheleute ? beide um die siebzig ? mit Bierflaschen losgegangen. Während die übrigen auf den Zug wartenden Fahrgäste taten, als sähen sie nichts, versuchte der Gymnasiast, den Bedrohten zu helfen. Als Antwort schlugen die Rocker "den G'scheiten" besinnungslos.

Eigener Bericht

Die "Münchner Rocker hinterließen in den letzten Jahren eine blutige Spur. Abgesehen von den schier zahllosen Zusammenstö- ßen, die entweder der Polizei gar nicht erst gemeldet wurden oder bei denen es für die angegriffenen Passanten bei bloßen Prügeln blieb, wurde bekannt:

In der Innenstadt fallen die "Valley Rockers" über einen Italiener her, weil er es gewagt hatte, mit der Freundin eines Bandenmitglieds zu tanzen ? nach einem Stich in den Rücken bleibt der junge Mann querschnittgelähmt liegen.

Ein Sechzehniähriger und ein Siebzehnjähriger, ausgerüstet mit Fahrradketten, Nagel-Handschuhen, Gaspistolen und einer Ubungshandgranate, überfallen in einer Unterführung Fußgänger ? mehrere Schwerverletzte sind zu beklagen.

Auf dem Heimweg von einer Tanzveranstaltung wird ein Sechzehnjähriger von vier Burschen einer Bande zusammengeschlagen ? der Lehrling stirbt an einem Leberriß.

Die "Chikagos" dringen in eine Tanzparty in einem Pfarrheim ein ? ein 20j ähriger Elektromonteur wird durch drei Schüsse in den Bauch lebensgefährlich verletzt.

Drei Rocker schlagen ein l5jäbriges Mädchen zusammen, das um 18 Uhr auf dem Heimweg ist, und zerschneiden ihm mit den Scherben der zerbrochenen Brille das Gesicht.

Was auf Münchens Straßen los ist, zeigt auch die Tatsache, daß im Durchschnitt Tag für Tag jeweils sieben Personen wegen Straßenkriminalität festgenommen werden müssen. Wie groß der Anteil der 19 Münchner Rokkergruppen an der gesamten Straßenkriminalität ist, läßt sich auch nicht annähernd ausmachen, da es außerordentlich schwer ist, nach einem Überfall die Täter, die ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie sind, überhaupt ausfindig zu machen oder aus' einem ermittelten Kreis die an einer Straftat Beteiligten auszusondern. International zusammengesetzt, ist dl" größte der bekannten Gruppen: zu den "Black Spiders" gehören 100 deutsche, italienische, türkische und griechische Mitglieder-

Rockerüberfälle gehören in den Münchner Tageszeitungen zu den regelmäßig wiederkehrenden Meldungen. Dabei fällt auf, daß in letzter Zeit die Brutalität noch zunimmt: Wo früher nur geschlagen wurde, wird jetzt gestochen, und immer häufiger sind auch Frauen und Mädchen die Opfer. Trotzdem neigt die Münchner Polizei immer noch dazu, das Problem ? zumindest der Öffentlichkeit gegenüber ? eher zu verharmlosen. Der Leiter der Schutzpolizei, Reinhard Rupprecht, hielt vor kurzem die Münchner Rockerszene, obwohl zu dieser Zeit gerade eine ganze Reihe von besonders schweren Ausschreitungen bekannt geworden war, für nicht bedrohlich. Polizeipräsident Manfred Schreiber räumte dann allerdings ein, daß die Rockerkriminalität in den abgelaufenen zwölf Monaten "zweifellos spektakuläre Punkte" aufgezeigt habe.

In München wartet man nun mit einiger Spannung, wie die Verkehrsbetriebe mit ihrer eigenen Schutzmacht in den U-Bahnhöfen mit den Rockern, Pennern ubd Gammlern fertig werden, deren oberirdisches Auftreten der Polizei so außerordentlich zu schaffen macht Inzwischen gibt es freilich auch schon Zweifel, ob die friedlichen U-Bahn-Fahrgäste, die geschützt werden sollen, nicht letzten Endes vom Regen in die Traufe kommen. Im weitläufigen "Stachus"-Untergeschbß jedenfalls, das ebenfalls von einem privaten Instituts bewacht wird, wurde jetzt nachts ein 59jähriger Kaufmann von drei dort feingesetzten Wachleuten zusammengeschlagen und vom Hund des Wachmanns auch noch gebissen. Der Mann, der nun im Krankenhaus seine Verletzungen ausheilt, war ein Opfer übertriebenen Diensteifers geworden.

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