Augenzeugen schildern den Ablauf der verhängnisvollen Nachtübung

Rote Raketen verhinderten ein noch größeres Chaos

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Krakow

Neumünster, 13. September "Wir kamen gut runter. Daß Dick und Bill ertranken ? damit konnte keiner von uns rechnen." Graham B., sichtlich erschüttert, sucht verzweifelt nach einer Erklärung für den Tod seiner Kameraden. Er war einer ' der 554 britischen Fallschirmspringer, die in der Nacht zum Donnerstag bei Osterrade/ Sehestedt versuchten zu landen. Zwei starben, vier sind noch vermißt. Jeeps und anderes schweres Kriegsgerät wurden gestern mühsam aus Sumpf und Kanal geborgen.

Generalleutnant Heinrich Schwiethal, Commander des Hauptquartiers der "Allied Land Forces Schleswig-Holstein und Jütland", sagte: "Das Manöver geht weiter. Der tragische Unfall ist keine Alternative zum Ablauf. Der Fallschirmabsprung in der Nacht birgt Risiken, die hier extrem aufgetreten sind."

"Wir sind gut runtergekommen. Ein Bilderbuchabsprung." Bill Simpson, Reservist, landete vier Meter neben dem Kanal. Er sah und hörte die Katastrophe. "Es klatschte, sie landeten in Bäumen, schrien um Hilfe ? doch wer sollte ihnen helfen?"

Die ersten Staffeln flogen bilderbuchmäßig an. Dann kam das Chaos. Vom böigen Bodenwind abgetrieben, kamen die Fallschirmspringer immer mehr in die Nähe des Nord-Ostsee-Kanals. Die Paletten mit den Jeeps und schwerem Kriegsgerät landeten in den Wäldern rundherum, im Sumpf, in Knicks und im Kanal. "Gespenstisches Knacken, furchtbare Geräusche, man steht im Dunkeln und erlebt das Fiasko."

"Nur drei Meter neben uns gingen irgendwelche Lasten oder Soldaten in den Kanal." Der Kapitän des deutschen Tankers "Ulkas" (1600 BRT) H. Viktorin schüttelte 24 Stunden danach noch den Kopf. Sein Lotse, G. Franke : "Drei Meter neben der Bordwand schrie ein Mensch um Hilfe. Doch ehe wir reagieren konnten, war er im Kanal verschwunden." Marinetaucher fanden gestern mittag in den Schrauben der "Ulkas" Reste eines Fallschirms. Bundessachverständige erklärten dazu: "Es waren die Reste eines Lastenfallschirms."

Über den ganzen Tag suchten Marinetaucher den Kanal ab. Gestern abend sprachen Offiziere im Hauptquartier erstmals offiziell von sechs Toten. Die Hoffung, die vier Vermißten lebend zu finden, ist gering.

Der Vizeluftmarschall der britischen Streitkräfte, General Norman Hoad, erklärte: "Wir haben die Hoffnung aufgegeben, aber wir resignieren nicht."

Es war kalt, feucht und dunkel. Alle Militärfahrzeuge hatten auf Befehl die Lichter ausgeschaltet. Und dann kamen sie. Ein leichtes Dröhnen, das langsam stärker wurde. Eine "Herkules" nach der anderen. Insge-

Die ersten Springer kamen gut runter, die Paletten mit Jeeps und Munition aber donnerten schon in das Osterrader Gehölz. Zweimal hörte man das große Platschen, zwei Jeeps landeten im Nord-Ostsee-KanaL Rote Leuchtraketen zwangen die letzten fünf Flugzeuge der Briten zum Abdrehen, sie landeten auf dem Flughafen in Hohn.

"Verflucht noch mal, wer in Kampfausrüstung unausgeklinkt mit einem Fallschirm im Kanal landet, ist verloren. Er ist zu schwer, was soll er tun. Hilflos . . ."

samt 36 Maschinen. Sie gingen runter auf 300 Meter. Die Führungsmaschine war exakt im Anflug. Aber dann flogen die Maschinen immer mehr ostwärts.

Gerüchte sagen, daß ein "DDR"-Frachter und ein russisches Tankschiff zur Zeit des Unglücks im ungesicherten Nord-Ostsee-Kanal den Funkverkehr gestört hätten. "Aber", so Oberstleutnant Brinkmann, Chef des Pressestabes bei "Bold Guard", "der Schiffsverkehr auf dem Kanal war gewarnt, die Lotsen informiert, der Sicherheitsaufwand optimal."

Generalleutnant Schwiethal, Leiter des gesamten Manövers, sagte: "Das Manöver muß weitergehen!" Mittags um halb zwölf flaggten alle Bundes- und NATO-Dienststellen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Dänemark und Großbritannien halbmast.

Erst 40 Minuten später war das Ausmaß der Katastrophe erkennbar, hatten Bergungsboote der Bundeswehr den ersten Toten aus dem Nordostseekanal gefischt.

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