In Schleswig-Holstein "kämpfen" 40000 Soldaten

Für sechs Panzer endete das Manöver im Moor

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Krakow

Neumünster, 11. September Invasion in Schleswig-Holstein. Starke feindliche Truppen überrennen die nördliche Flanke der NATO auf deutschem Boden. Aus dem Raum Pinneberg, Ahrensburg, Ratzeburg und Lübeck stoßen die "Orange- Truppen" nach Norden vor. Alarmstufe eins für die NATO. Deutsche, britische und dänische Verbände stellen sich der Invasion entgegen. Doch bis gestern abend sind die Feinde bis zur Linie Schmalfeld, Bad Segeberg, Bosau vorgedrungen. Die NATO-Kräfte ziehen sich zurück.

Der erste Tag des Manövers "Bold Guard", dem größten Manöver Schleswig-Holsteins nach dem zweiten Weltkrieg, brachte

für die kämpfende Truppe, für Schiedsrichter und die Leitung neue Erkenntnisse. Die Bevölkerung ist sauer, Bauern blokkieren Straßen mit Traktoren, die Masse der Bevölkerung sieht den Sinn des Manövers nicht ein.

Gestern morgen um 5.45 Uhr sprangen 800 britische Soldaten der Lufttransportbrigade über dem Manövergebiet ab. Zwei Stunden vorher waren sie in Südengland gestartet. Bei extremen Windverhältnissen gab es nur 27 "miese" Landungen. In 25 Fällen landeten die Fallschirmspringer in Bäumen. Dabei wurden sechs Soldaten schwer verletzt.

Drei Minuten nach elf begannen 40 000 Soldaten, englische und dänische, amerikanische und deutsche, mit 8000 Rad- und 2500 Kettenfahrzeugen, hundert Düsenjägern, zahlreichen Transportflugzeugen und Amphibienfahrzeugen für den Ernstfall der Verteidigung und gegen einen Überraschungsangriff aus dem Osten zu proben. Nach anfänglichen Pannen in der Leitzentrale lief der angenommene Verlauf des Manövers reibungslos. Erstaunlich gut die Zusammenarbeit zwischen Dänen, Briten und Deutschen, zwischen den einzelnen Stäben bis hinunter zu den Soldaten verschiedenster Nationalitäten.

Morgen wird Verteidigungsminister Georg Leber Gast bei dem Manöver sein. Einer von vielen aus dem Bereich Militär und Politik, wohl aber der Wichtigste. Leider muß sein geplantes Gespräch mit einem dänischen Kollegen ausfallen. "Dreckige Straßen, Lärm, kaputte Zäune, das alles wäre halb so schlimm. Aber kein Mensch ist für irgend etwas zuständig, die Telefonnummer der Flurschadenskommission in Boostedt ist ewig besetzt." Bauer Hans W. aus Havighorst ist empört. Er sieht, wie viele, in diesem NATO-Manöver keinen Sinn.

Doch die Militärs sind schon voll des Lobes nach den ersten 24 Stunden des größten Manövers ih Schleswig-Holstein. "Die Pannen des ersten Tages sind sekundär. Wenn auch bei Wakendorf II sechs Panzer zeitweise im Moor steckenblieben, wenn die Luftaufklärung und sanitäre Versorgung nicht optimal klappte, so können wir doch davon ausgehen, daß unser multinationaler Verband gegen einen Überraschungsangriff aus dem Osten gerüstet ist", erklärte gestern abend ein Sprecher des Leitungsstabes.

Viele Gefahren drohen

Manöver können gefährlich sein. Auch für Zivilisten. Der Abendblatt-Reporter erlebte es am eigenen Leib. Auf den Stra- ßen, verschlammt, an anderen Teilen blockiert durch Steine und getrocknete Lehmklumpen, durch Manöverminen oder gefällte Bäume, ereigneten sich 17 Verkehrsunfälle in sieben Stunden: drei Schwerverletzte, darunter ein Zivilist, 34 Manöververletzte, darunter sieben Schwerverletzte ? nicht eingerechnet die Verletzten beim Fallschirmabsprung der Briten.

Fakten, doch wie viele Male ging es gut, wußten die Gefährdeten gar nicht, in welcher Gefahr sie schwebten? Auf den schmalen Kreisstraßen stehen die Kinder 50 Zentimeter entfernt von den mit 40 Stundenkilometern vorbeifahrenden Panzern. Sie jubeln und winken. Doch wie schnell werden aus dem Jubel Tränen, wenn die 800 PS starken Kolosse ausscheren, ein Kettenteil, ein Gummipolster, ein harter Lehmklumpen hochschleudert und wie ein Geschoß einschlägt

Darüber hinaus: nur 28 Ärzte für 4OÖ00 übende Soldaten und Millionen gefährdete Zivilisten, ist das genug? Ich selbst wurde gestern verletzt. Erst 34 Minuten später kam der Sanitäter. Seine Diagnose: schwere Rißwunde, sofort nähen, sofort zum Arzt, zum Truppenverbandsplatz. Doch der existierte nicht. Mehrere Funkkontakt-Versuche mit dem

Hauptverbandsplatz bleiben erfolglos. Feldjäger, Offiziere, Polizei hatten keine Ahnung, wo wir einen Bundeswehrarzt finden konnten. Nach zwei Stunden und 22 Minuten flickte mich ein Arzt im Kreiskrankenhaus Bad Segeberg zusammen.

Wehe, wenn es in diesem Manöver schwere Verletzungen gibt. kow

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