Handelskammer gibt einer Fußgängerzone Mönckebergstraße nur geringe Chancen

Das lockt keinen in die Innenstadt

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EGBERT A. HOFFMANN

Aus der Mönckebergstraße wird in absehbarer Zeit keine Fußgängerzone. Wie berichtet, steht weder in diesem noch im nächsten Jahr Geld für den Umbau zur Verfügung. Doch davon abgesehen, mehren sich auch kritische Stimmen, die eindringlich vor einer Umwandlung dieser zentralen Einkaufsallee zum Fußgängerzentrum warnen. In diesem Tenor beschäftigt sich jetzt auch die Handelskammer mit dem Problem.

"Mit dem Plan, Mönckebergstraße und Rathausmarkt" ? so schreibt die Kammer in ihren Mitteilungen ? "in einen Fußgängerbereich zu verwandeln, verbindet sich in der Öffentlichkeit stets die Vorstellung, die Attraktivität der City zu erhöhen ? auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten, also abends und an Sonntagen."

Genau damit sei aber kaum zu rechnen. Denn die Zahl der Innenstadt-Restaurants, die

abends geöffnet halten, schrumpfte ständig zusammen, während in den Vororten, speziell in den Einkaufszentren, neue Lokale eröffnet werden.

Tatsächlich gibt es so gut wie keine Veranlassung für die Hamburger, abends noch in hellen Scharen die Innenstadt aufzusuchen. Was sollen sie wohl auch dort? Zwischen wie ausgestorben wirkenden Büropalästen und verschlossenen Kaufhäusern schlendern? Die City ist nun einmal ein fast ausschließlich kommerziell programmiertes Stadtviertel, wie es in diesem Ausmaß keine andere Großstadt des europäischen Kontinents aufweist. Die Zahl der Bewohner der Innenstadt sank denn auch von Jahr zu Jahr. Vor dem Kriege hatten in der Alt- und Neustadt noch rund 65 000 Bürger ihre Wohnung. Heute sind es kaum mehr 15 000. Andererseits hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Innenstadt ständig erhöht ? bis auf weit über 200 000. Auch die Zusammenballung von Büros auf so engem Raum findet sich in keiner anderen Stadt des Kontinents.

Demnach würden weitere Fußgängerstraßen zwischen Hauptbahnhof, Rödingsmarkt und Dammtor-Bahnhof außerhalb der Geschäftszeit kaum jemanden in die City locken.

Hier herrschen völlig andersartige Voraussetzungen als etwa in München, das sich im Zentrum eines der gelungensten Fußgängerzentren Deutschlands zulegte.

Die Handelskammer Hamburgs gibt zu bedenken: "Da die Mönckebergstraße ein gro- ßes Einkaufs- und Bürogebiet erschließt und diese Funktion auch behalten muß, ist selbstverständlich, daß der Wirtschaftsverkehr reibungslos abgewickelt werden muß."

Weite Fußwege zu Parkplätzen und Schnellbahnstationen würden das Publikum kaum in Kauf nehmen. Dies sei bei der Länge und Breite der Mönckebergstraße einschließlich Gerhart-Hauptmann-Platz und Rathausmarkt ein ernstes Argument.

Weitere Bedenken der Kammer: "Die Nachbarbereiche einer Fußgängerzone drohen vom Verkehr überflutet und in ihrer Qualität stark gemindert zu werden. Die Verhältnisse in Frankfurt geben hier ein warnendes Beispiel. Geschäftsleute, Berufstätige in den Büros und Passanten in diesen benachteiligten Straßen wären die Leidtragenden."

Je mehr Fläche man dem Verkehr entziehe, desto problematischer werde die Realisierung des Vorhabens, so folgert die Handelskammer. Und um so gründlicher müsse die Untersuchung der Verkehrsströme und ihrer möglichen Umleitungen sein. Wenn sich auf diesem Sektor keine befriedigenden Lösungen finden ließen, sei die Mönckebergstraße als Fußgängerzone eben ungeeignet.

Die Handelskammer will mit ihrer kritischen Stellungnahme zum Nachdenken anregen. Denn Fußgängerstraßen sind zur Zeit "in". Stadtverwaltungen, die den Autoverkehr radikal aus innerstädtischen Geschäftsstraßen verbannen, gelten als fortschrittlich und zukunftsweisend.

Aber zumindest die seit ein paar Monaten den Passanten reservierte Frankfurter Zeil muß als schlechtes Beispiel gelten ? morgens und nachmittags bricht in den Nachbarstraßen der umgeleitete Verkehr regelmäßig zusammen. Die Stockungen sind katastrophal. Ahnliches ist zu vermuten, wenn die Mönckebergstraße für jeden Autoverkehr gesperrt würde. Abgesehen von dem Problem Straßenbahn, die keinesfalls ersatzlos eingestellt werden kann.

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