Auf St. Pauli begann Addi Münsters Karriere

Nach der Schicht ließ er die Puppen tanzen

Addi Münster! Man liest den Namen und hört ihn schon, die Mütze wringend, fröhlich

Hummel-Hummel rufen. Büschen basch, büschen deutlich, aber nie ordinär, ein Hamburger Schauermann wie aus dem Bilderbuch. Wäre das Prädikat "Herz mit Schnauze" nicht schon vergeben, Addi hat beides auf dem rechten Fleck. Am 14. März feiert der beliebte Humorist seinen 70. Geburtstag. Am Sonnabend tritt er in der "Aktuellen Schaubude" auf.

Addi Münster mimt nicht nur den Hamburger Schauermann, er war auch einer. Als "Unständiger", wie es im Hafen heißt, verdiente er in der Deflation acht Goldmark pro Schicht in der Gang bei der Stauerei Tiedemann. Wenn Addi dann ? als Albert kennt ihn nur das Finanzamt ? in seiner Stammkneipe saß, einer Köminsel mit Kabarett auf St. Pauli, dann ließ er die Puppen tanzen und lud die Künstler ein. Er war nie ein Kind von Traurigkeit, hatte den krausgelockten Baffi voller Grappen und Hafendöntjes. Daher sagten die Artisten eines Abends: Geh' doch selbst mal auf die Bühne! Addi ging und kam nie wieder runter.

Im Publikum hatte ein kleiner Schmierendirektor gesessen, der brauchte einen jugendlichen Komiker. Addi wurde es für zehn Mark Tagesgage, Kost und Logis. Und dann ist er getingelt, kreuz und

quer durch Deutschland, von der Breslauer "Kaiserkrone" ins Leipziger "CT." oder in den Berliner "Europa-Pavillon". Saaltournee nennt man das, und in Mülheim-Ruhr passierte es:

Vier Monate war er Soldat

"Da saß ich in meiner Schauermannskluft, die Bühnengarderobe mußte ja geschont werden, gerade in meinem Zimmer, als der Direktor hereinschaut. .Mensch, wie sehen Sie denn aus?' staunte er. Das Ende vom Lied: So und nicht anders wollte er mich auch auf der Bühne sehen. Da habe ich meinen blödsinnigen Komikerfrack an den Haken gehängt. Gleich fühlte ich mich freier, wurde auch in meiner Vortragsart lockerer. Ich hatte meinen Typ gefunden."

In Kiel engagiert, sollte Addi Münster bei Programmverlängerung einen Sketch mit einem hübschen jungen Mädchen spielen, aber mit wem? Der Direktor zeigte auf eine der Balletteusen: Nehmen Sie die! Addi deutet zwinkernd auf seine Frau Sonja. "Die ist es gewesen, eine waschechte Münchnerin." Sie enteilt in die Küche, der Teekessel flötet.

"Naja, unser Duett klappte ? nicht nur auf der Bühne, und in Minden haben wir geheiratet."

"Mußten!" tönt es aus der Küche. "Kannst ruhigi aufschreiben", lacht Addi, ?ischa heute modern. Wir waren schon damals ,in'!

Zur Hochzeit traf auch die Schwiegermutter ein, einst eine der unvergessenen "28 Bildschönen; von St. Pauli", jahrelang die Attraktion eines Reeperbahn-Tanzpalastes. Als Otera .Travello hatte sie den Urgroßvätern den Kopf verdreht.

Kein Wunder, daß die beiden Münster-Töchter, Hannelore und Ilona, in Vaters Fußstapfen traten, manchmal sogar im gleichen Engagement. Beide sind längst glücklich im Ehehafen gelandet. Vier Enkel machen Opa Addi und Oma Sonja Freude. Als Hannelore in der "Flora" gastierte, fragte ihr Vater den Direktor August Battmer, warum er ihn noch niemals engagiert habe. "Ach, wissense", sagte der, "Hamburger Humoristen sind mir zu dröhnig." "Da habe ich ihm im Büro mit Schallgeschwindigkeit ein Entree hingelegt, daß ihm die Ohren schlackerten. So kam ich nach 18jähriger Laufbahn zum ersten Mal in einem Hamburger Großvariete auf die Bühne."

Vier Monate war Addi ? kaum vorstellbar ? Soldat. Gefangenschaft in Schleswig- Holstein. "Da haben wir uns fix aus Wolldecken und Bettlaken Kostüme gemacht und dann ran an den Speck. Diesmal wörtlich. Damit zahlten die Bauern. Für'n Appel und Ei hab' ich damals gern gearbeitet, aber auch für Holz, Kohle und Kartoffeln, die ich meiner in Hamburg) ausgebombten Familie sandte." 1946 erster Auftritt im Hansa-Theater. Dann wieder Truppenbetreuung, diesmal für die britische Army Weifare.

Als Parksünder in der "Fledermaus"

"Da gab es etwas zu essen und Zigaretten. Für mich als Nichtraucher bare Piepen!" "War es nicht schwer, in diesen Jahren Humorist zu sein?" "Ich habe die Ohren steif gehalten. Aber als Heiligabend meine Mutter tödlich überfahren wurde und ich mit Fieber auf der Bühne stand, bin ich zusammengebrochen." Als das Geld wieder Wert hatte, ging es steil bergauf mit "Hafenkonzerten" und "Haifischbar", mit Film und Fernsehen. 15 Langspielplatten mit Addis unverwüstlichem Humor sind inzwischen im Handel. Einmal trat er sogar in der Staatsoper auf. Eingelocht als Falschparker in der Gefängnisszene der "Fledermaus". Der Gefängniswärter Frosch soll Mühe gehabt haben, seinen Part wieder ins Lot zu bekommen.

Heißer Tip vom Feuerwehrmann

Im Herbst fliegt Addi vielleicht zum dritten Mal mit Hans Freeses "Hafenkonzert" nach Amerika. Auf der letzten Tournee gab ein US-Feuerwehrmann Addi Münster den heißen Tip: "In Ihrem Hotel auf dem gleichen Flur wohnt der blonde Engel, Marlene Dietrich!"

"Ik segg, danke mien Jung, den Jahrgang habe ich zu Hause." ? In Chicago stand auf der Bühne ein Blumenrondell. Als wir uns verabschiedeten, immer leiser singend, "Muß i denn . . ." (was meinen Sie, wie da die Heimwehtränen tropften) . . . geh ich wie im Tran immer noch mal allein um den Riesenblumenpott herum, mime den Erschreckten und eile dann als Letzter raus. Anderntags sind wir wie immer bei Amerika-Hamburgern eingeladen.

"Was hat Dir denn am besten gefallen", frage ich den kleinen Sohn der Familie. "Der Doofe, der den Ausgang nicht finden konnte!"

"Was werden Sie an Ihrem 70. Geburtstag machen?" "Kleine Familienfeier bei meiner Tochter, die kocht mein Lieblingsgericht: Muscheln. Und dann fliege ich nach Berlin. Volle Deckung."

"Ist es nicht oft lästig, so populär zu sein?" Addi strahlt verschmitzt. "Wenn einer auf der Straße stutzt und denkt, das ist doch der Addi Münster, dann mache ich einfach ein Gesicht, als wenn ich's nicht bin."

GÜNTER NIEMEYER

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.